commonsErrorContainer

Navigation

Funktionseinheiten im Unternehmen

Login/Benutzerkonto-Feld

Symbolleiste

Meta Navigation

Globale Navigation

file

Die Stunde der Stümper Internet funktioniert wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüsst: "Hallo, hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie." Die Profis sind beurlaubt, die Laien übernehmen - nicht allein die Küche, auch die Schulen, die Medien, den Handel, das Sozialwerk. Fachleute schlagen bereits Alarm. Die "Stunde der Stümper" sieht Andrew Keen anbrechen, der Internet-Pionier wittert im Aufstieg der Dilettanten eine "kulturelle Verflachung". Grund: Es verwischt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Laie, Profi und Amateur, Künstler und Publikum, kurz: zwischen Elite und Volk.
 
Da ist was dran. Aber muss das abgestraft sein? Eliten wetterten gegen alles Neue. Wären sie bei der Entstehung der Lebensarten dabei gewesen, hätten sie empört ausgerufen: "Wozu denn Affen? Wo es unter uns Würmern so friedlich läuft! Affen haben nichts anderes als Sex im Kopf." Wie die Würmer-Chefs mit jeder neuen Art ihre eigene Entmachtung fürchteten, so ängstigen sich die Meister der traditionellen Kultur um ihre Vormacht. Mit Grund: Jeder Medienwandel verteilt die gesellschaftliche Macht neu.
 
Geht - mit der Digitalisierung - die Macht erstmals nicht von der alten zu einer neuen Elite? Sondern von der Elite zum Volk, von oben nach unten? Schon möglich. Online verschafft sich der Plebs, der bisher nur hörte, selber Gehör, Amateure hebeln Experten aus, der User wandelt sich zum Producer. Dabei springt selten die grosse Weisheit heraus. Allerlei Lebenspraktisches durchaus: Tips und Bewertungen von Professoren, Ärzten, Hotels, Badestränden, Airlines, Restaurants, Computern, Büchern - stets von Nutzer für Nutzer. So unterlaufen Laien den geschmierten Kreislauf von Klugscheissern und Marketing. 
 
Vor 500 Jahren verkündete Erasmus von Rotterdam das "Lob der Torheit". Der grosse Humanist verspottete den Bildungsdünkel der Schriftgelehrten, spielte das "Leben" gegen die "Schule" aus, Erfahrung gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst; er erklärte die unverbildete "Torheit" zur alleinigen Quelle des sozialen und individuellen Lebensglücks. Er jedenfalls wolle "lieber ein Narr sein als in Gesellschaft der Gelehrten ein noch so berühmter Weiser".
 
Das Plädoyer des Erasmus gab dem Narren/Toren/Laien die Lizenz, selber zu sehen, selber zu urteilen, Dinge und Menschen ganz naiv und unchiffriert ins Auge zu fassen. Dagegen ereiferten sich die Gelehrten - wie heute. Sie erkennen im Aufstieg des Laien die subversive Kraft gegen das Herrschaftswissen. Sie fürchten den Laien. Der ist nicht gescheiter. Aber halt näher bei den Dingen. Mit der Digitalisierung hat er dafür erstmals ein Allzweckmedium. 
 
Ludwig Hasler


Ludwig Hasler ist einer der pointiertesten Schreiber im Schweizer Blätterwald. Der Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie war bis 2001 Mitglied der Chefredaktion der Weltwoche, zuvor des "St. Galler Tagblattes". Ausserdem hat er sich als langjähriger Kolumnist der Fachzeitschrift "Persönlich" verdient gemacht. Für Swisscom schreibt Hasler nun eine monatliche Kolumne über die Segnungen und Irrungen der Informationsgesellschaft. Die Kolumne gibt seine persönliche Meinung wieder und muss sich nicht mit der Haltung von Swisscom decken.

Kommentar hinzufügen

2 Kommentare