Nie waren Medien so humorlos wie heute. Sie nehmen alles gleichmässig ernst - den Schneefall über Nacht, die Ex-Miss im Helikopter, Bundesrat Leuenberger im Literaturclub. Und weil sie alles so bierernst nehmen, nehmen sie es wiederum zu wenig ernst: Sie übersehen die lächerliche Seite im Menschlich-Allzumenschlichen - und können darum nicht verstehen, was da abläuft in unserer kunterbunten Welt.
Zum Beispiel Finanzkrise, jüngster Akt: Bernard Madoff, der charmante Börsenguru, Vertrauensmann der Prominenten, Superreichen, Hedgefonds-Manager. Er legte sie alle herein - mit dem billigsten aller Tricks: Schneeballschlacht. Nicht das Geld seiner Kunden vermehrte er, nur die Anzahl der Kunden. Mit dem neu einfliessenden Geld befriedigte er die Renditeträume des alten Kundenstamms.
Ist das nicht zu komisch? Ein Gentleman, 70-jährig, bewundertes Mitglied der feinen Gesellschaft, stets "ethische Standards" im Mund führend, erleichtert seine Golffreunde um sagenhafte 50 Milliarden. Früher war so etwas Stoff für Dramen, Satiren, Komödien. Heute nur noch Material für Nachrichten. Denen sieht man förmlich an, wie den Journalisten der Mund offen steht, sie können nicht fassen, was sie berichten müssen. Es passt nicht in ihr kindliches Weltbild. Ein liebenswürdiger Grosshalunke? Darf es nicht geben. Reimt sich nicht. Und was sich nicht reimt, das können Journalisten nit verstan.
Leute mit Humor schon. Die treffen sich in den Quasselbuden des Internet, auf online-Diskussionsforen von Tageszeitungen - und höhnen, spotten, lachen, dass es oft eine Freude ist. Humorfreunde haben längst kapiert: Die Menschenwelt ist durch und durch zweideutig. Der Mensch, das ungereimte Tier, halb Geist, halb Gier, mal Herzblatt, mal Miststück. Woher wissen das die Web-Plauderer? Von sich selbst. Sie beurteilen die Welt aus eigener Erfahrung. Aus eigener Versuchung. Sie wissen, wie nahe sie dem Betrüger Madoff sind - und denen, die auf ihn herein fielen. Also lachen sie eigentlich über sich.
Aber Journalisten sind doch auch nur Menschen? Wahrscheinlich. Im Beruf aber Profis. Ein richtiger Medienprofi duldet nichts Menschelndes, er will Ordnung, Klarheit, das Gute. Brächte er Humor ins Spiel, wirkte das wie Nachsicht für den humanen Schlendrian. Gegen den ziehen senkrechte Journalisten ins Feld. Muss gelegentlich auch sein. Aber in dieser geharnischten Haltungen versteht man keine Panne. Pannen sind menschlich. Gier ist menschlich. Betrug ist menschlich. So war es, so ist es, so wird es bleiben.
Die Welt versteht nur, wer über den Menschen lacht. Also über sich.
Ludwig Hasler
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