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Adieu Publifon Info & Hintergrund





Seit 20 Jahren auf dem Rückzug

Publifon: Ein wehmütiger Abschied

Seit dem Siegeszug des Handys Ende der 90er Jahre sinkt die Nutzung des Publifons massiv. Viele Standorte sind in der Folge abgebaut worden. Das Publifon ist ein Relikt aus einer anderen Zeit – und eine Projektionsfläche für die Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten. Der Vorhang fürs Publifon wird fallen.

Michael Lieberherr, 26. September 2017

Es gab in den besten Zeiten, das war 1995, landesweit über 58'000 private und öffentliche Publifone. Durchschnittlich etwas mehr als ein Gerät pro Quadratkilometer Fläche. Es war ein Telefon für unterwegs, lange bevor man ein Telefon mitnehmen konnte. Dann kam das Mobiltelefon. Neu waren die Konsumenten mobil verbunden und konnten erst noch Kurznachrichten schreiben.

Auch eine mögliche Zukunft: Ein Publifon wird zur Bibliothek. Es gibt bereits mehrere solcher Bibliocabinas im Tessin. Bild: Keystone.

Das Handy hat mit seinen vielen neuen Kommunikationsmöglichkeiten wie Chat, Sprach- oder Videotelefonie das öffentliche Telefon ins Abseits befördert. Das Mobilfunknetz deckt bereits seit Jahren 99 Prozent des bewohnten Gebiets ab. Auf 100 Einwohner kommen heute rund 130 Handys, aber nur noch 0,075 Publifone.

Und wann haben Sie das letzte Mal ein Publifon verwendet?

Von 2004 bis 2016 ist die Anzahl Gespräche um 95% zurückgegangen. Bei den Publifonen der Grundversorgung sank alleine im Jahr 2016 die Anzahl Gespräche um ein Drittel. Mehr als 1000 Geräte bleiben über Tage hinweg ungenutzt.

Weltweit wird das öffentliche Telefon durch das Mobiltelefon verdrängt und nicht mehr weiterentwickelt. Damit werden Ersatzteile rar und der Unterhalt teurer – für eine Dienstleistung, die kaum mehr nachgefragt wird. Obwohl Swisscom die Zahl der Publifone bereits stark reduziert hat, arbeitet der weitaus grösste Teil der noch betriebenen Geräte nicht kostendeckend.

Wandtelefon Hasler ca. 1885: So sahen die Telefonapparate in den ersten Publifonen aus. Bild: Museum für Kommunikation.

Die Politik hat diesen Entwicklungen Rechnung getragen: Gemäss Entscheid des Bundesrates sind Publifone ab 2018 nicht mehr Teil der Grundversorgung. Swisscom investiert in zeitgemässe und neue Technologien und damit nicht mehr ins Publifon, und wird den Restbestand weiter reduzieren.

Reif fürs Museum

Dem Publifon wird es ergehen wie dem Discman, der Kompaktkamera oder dem Kursbuch: Es wird verschwinden, weil es nicht mehr genutzt wird. Und es bleibt eine Projektionsfläche für die Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten.

Teilweise finden die Kabinen neue Verwendungszwecke, zum Beispiel als Büchertauschbörse, als Standort für einen Defibrillator oder als Ort, um Geschichten zu hören. Denn das Publifon hatte sich stets die besten Standorte gesichert. Swisscom überlässt Gemeinden auf Wunsch die Kabinen für neue Verwendungszwecke.

Zürich, im Jahr 1966: Japanische Touristen amüsieren sich vor einer Telefonkabine. Bild: Keystone

Das Publifon hat uns in der Schweiz viele schöne Erinnerungen und emotionale Momente geschenkt: Spassanrufe, fehlende Telefonbuchseiten, der sehnsüchtige Anruf aus dem Militär, Menschen, die es stundenlang blockierten, ein geheiztes Wartehäuschen und vieles mehr.

Derzeit sind noch 5’900 der einstmals über 58'000 Geräte in Betrieb. Die noch verbliebenen Publifone gehen in den nächsten paar Jahren in die wohlverdiente Pension. Die Gemeinden werden jeweils vorab informiert. Mittelfristig wird der Vorhang fürs Publifon ganz fallen.

Für geschlossene Einrichtungen, in denen Menschen nicht über ein Mobiltelefon telefonieren können, wird Swisscom eine spezifische Branchenlösung anbieten, um die Kommunikation sicherzustellen.

Pierre-Antoine Favez, Leiter Publifon

«Das Ende ist absehbar.»

Monsieur Favez, seit Jahren bauen Sie Publifone ab. Wäre es nicht schöner, etwas Neues auszubauen?

Früher haben wir für Kunden wie Hotels Publifone installiert, heute sind es öffentliche WLAN-Hotspots. Dort bauen wir laufend aus. Das Produkt ändert sich, das Ziel, eine gute Dienstleistung zu erbringen, aber bleibt. Das motiviert mich.

Wann haben Sie persönlich das letzte Mal ein Publifone benutzt?

Privat? Das ist schon Jahre her.

Wieso entwickelt man das Publifon nicht weiter?

Die Nutzung geht jährlich markant zurück – zwischen 2004 und 2016 insgesamt um 95%. Das Mobiltelefon hat das Publifon verdrängt, nicht nur in der Schweiz. Weltweit wird es nicht mehr weiterentwickelt. Nur noch eine einzige Firma weltweit in Libyen kann unsere Taxcard herstellen. Den Chip haben wir bei einem Lieferanten in Frankreich finden können. Zeitweise hatten wir gar keinen Lieferanten mehr.

Wie viele Publifone gibt es aktuell noch?

Derzeit gibt es noch 5’900 öffentliche und privat betriebene Publifone. Seit mehr als 20 Jahren nimmt die Anzahl ab. Bei den privaten haben Geschäftskunden über 40'000 Anschlüsse über die Jahre selbst gekündigt.

Wann wird das letzte Publifon der Schweiz abgebaut sein und wo wird es stehen?

Das weiss ich heute noch nicht. Es hängt von mehreren Faktoren ab, wie zum Beispiel der Nutzung oder Entwicklungen im Netz. Wir modernisieren keine Publifone mehr. Auch Vandalismus spielt ins Thema rein. Das letzte Publifon wird vermutlich an einem grossen Bahnhof oder am Flughafen stehen.



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