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Interview mit Stefan Nünlist





Leiter Unternehmenskommunikation zu Cargo sous terrain

«Ein privat finanziertes Generationenprojekt»

Nur noch halb so viele Lastwagen auf Autobahnen und ein Drittel weniger in den Städten – das ist die augenfälligste Auswirkung von Cargo sous terrain, einem landesweiten unterirdischen Mega-Förderband für Güter. Auch Swisscom beteiligt sich mit rund fünf Millionen Franken an dem Projekt und wird dabei Technologien wie 5G oder das «Internet of Things» einbringen. Wie genau, erklärt Stefan Nünlist – Leiter Unternehmenskommunikation und Nachhaltigkeit bei Swisscom und Verwaltungsrat bei Cargo sous terrain.

Roger Baur, 23. Januar 2018

Stefan Nünlist, hat Swisscom so viele Güter zu befördern, dass es dafür gleich ein landesweites unterirdisches Netz braucht?

Swisscom alleine natürlich nicht. Es ist ein Projekt der grossen Schweizer Logistikunternehmen, mit dem die Feinverteilung der Zukunft in einer sich veränderten Welt sichergestellt werden soll. Swisscom betreibt natürlich mehrere hundert Swisscom Shops in der ganzen Schweiz und mit Siroop einen der grössten Online-Shops des Landes. Das neue Smartphone, Ersatzteile oder Gadgets an die Kunden zu bringen ist unser täglich Brot. Aber darüber hinaus ist dieses Projekt für Swisscom aus einem anderen Grund interessant: Wir können hier nämlich unsere Erfahrung mit dem Internet der Dinge und dem Bau und Betrieb von besten Datenverbindungen einbringen.

Cargo sous terrain soll Autobahnen und Städte massiv vom Schwerverkehr entlasten. Gehören damit Staus der Vergangenheit an? Bild: Keystone

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Cargo sous terrain ist ja kein gelenkter Zug, sondern eher ein unterirdisches Paketförderband wie am Flughafen, das unzählige Gepäckstücke von verschiedenen Check-in Schaltern automatisch und zum richtigen Zeitpunkt zu den richtigen Flugzeugen transportiert. So wird dereinst in Egerkingen Fracht angeliefert, von Cargo sous terrain zeitgerecht nach Zürich transportiert und dort von Elektrotransportern zum Kunden gebracht. Damit dies alles möglichst schnell und reibungslos funktioniert, braucht es eine elektronische Nachverfolgung – und damit auch ein Netz, das ständig mit diesem Stückgut in Kontakt bleibt und gleichzeitig den Lift lenkt. Das ist heute noch eine schwierige Sache, gerade unter Tage, gerade Realtime. Künftig ist dies dank 5G problemlos möglich und wird der Wirtschaft ganz neue Impulse geben. Ich kann mir gut vorstellen, dass Cargo sous terrain zum Backbone der Schweizer IT-Logistik wird. Unser Geschäftskundenbereich und unser Tochterunternehmen Cablex können hier viel wertvolles Knowhow einbringen.

«Swisscom bringt ihr 5G-Netz sowie ihre Erfahrung mit dem Internet der Dinge in das Projekt ein.»

Inwiefern?

Nehmen wir an, ich möchte in einem Geschäft in Olten neue Schuhe kaufen, aber leider ist meine Grösse nicht an Lager. Heute können wir als Swisscom diesem Geschäft helfen, dem Kunden zu sagen: Ich schicke dir die gewünschte Grösse nach Hause. Damit hat der Schuhhändler in Olten Gleichstand mit dem Shoppinggiganten im Internet. Künftig aber wird er sagen können: Ich bestelle die gewünschte Grösse aus unserem Zentrallager, in 2 Stunden sind sie da. Damit hat er wieder einen Vorteil. Und das ist ein Beispiel, das man auf unzählige Bereiche ausdehnen kann. Denken wir an Medikamente oder an Ersatzteile bei Ausfällen in Fabriken oder für andere dringende Reparaturen – diese neue Generation von Logistik kann ein ganzes Land wirtschaftlich stärker machen, gleichzeitig den sichtbaren Verkehr massiv reduzieren, die Logistikkosten senken und ermöglichen, die Nachfrage nach kleineren Stückgütern zu decken. Ich sehe es darum als neues Generationenprojekt. Als ein privat finanziertes dazu, denn wir erhalten keine Gelder aus der Staatskasse.

Cargo sous terrain ist ein Generationenprojekt wie die NEAT. Die ehemaligen Bundesräte Moritz Leuenberger und Adolf Ogi feiern den letzten Durchstich des Gotthard Basistunnels. Bild: Keystone

Bis zum Endausbau dauert es 25 Jahre, das ist eine lange Zeit.

Ja, gerade deshalb ein Generationenprojekt. Wir dürfen unseren Kindern nicht eine marode Infrastruktur und kollabierende Verkehrswege hinterlassen, sondern müssen jetzt die Grundlage legen für die starke Schweiz von morgen. Unsere Grosseltern haben das getan mit dem Bau der Eisenbahnen, Autobahnen und dem Gotthard-Strassentunnel. Das alles hat Wohlstand gebracht. Unsere Eltern bauten die Bahn 2000 und die NEAT. Und wir tun das mit Projekten wie Cargo sous terrain und Technologien, auf deren Grundlage sich Innovationen entwickeln lassen.

Was genau könnte denn die Schweiz im Jahre 2045 beschäftigen?

Energie und Verkehr werden sicher grosse Themen sein. Darum setzen wir bei Cargo sous terrain auch ausschliesslich auf erneuerbare Energien. Ein weiteres Thema, das sich schon heute abzeichnet, ist die Re-Industrialisierung. Ja, es ist tatsächlich so: Die Industrie holt die Produktion vom Ausland zurück, weil man sie dank der Digitalisierung ganz neu bauen kann und nun nicht mehr Niedriglohnländer, sondern Länder mit hervorragender Bildung und Infrastruktur im Vorteil sind. Die Schweiz befindet sich da in der Pole Position, aber auch in harter Konkurrenz mit anderen hochentwickelten Nationen. Darum müssen wir jetzt, wenn die Standortentscheide gefällt werden, eine Vision haben. Und Cargo sous terrain ist für mich ein wichtiger Teil einer solchen Vision.

Cargo sous terrain: Erste Teilstrecke ab 2030

Das Projekt soll ausschliesslich von der Wirtschaft finanziert werden. Aktuell sind Migros, Coop, die Mobiliar, Post, SBB Cargo, BKW und Swisscom beteiligt. Vorausgesetzt das Parlament schafft bis 2019 die nötigen gesetzlichen Grundlagen, soll bereits 2030 die erste Strecke zwischen Niederbipp und Zürich in Betrieb gehen. Im Endausbau bis 2045 wird Cargo sous terrain ein Netz von Genf bis St. Gallen, von Basel bis Luzern und eine Abzweigung von Bern nach Thun umfassen. Auf diesen Strecken werden dann unterirdisch Güter von einem von 80 Einspeisepunkten zum anderen transportiert – und durch umweltfreundliche Feinverteiler – etwa mit Elektrocamions – ans Ziel gebracht.

Hier am Autobahndreieck in Härkingen soll Cargo sous terrain 2030 in Betrieb gehen. Bild: Keystone

5G: Mehr als nur schneller

Die fünfte Generation der Mobilfunkkommunikation bringt nicht nur schnellere Geschwindigkeiten. Sie ermöglicht erstmals mobil ein Internet, das demjenigen über eine Leitung ebenbürtig ist. Nicht nur bezüglich der Geschwindigkeit, sondern auch in Bezug auf Stabilität und Reaktionszeit. Damit wird es erstmals möglich, über das Mobilnetz auch Maschinen zu steuern. Etwa für digitale Produktionsbetriebe oder vernetzte Mobilität. So ist 5G eine der wichtigsten Voraussetzungen, damit selbstfahrende Autos autonom eine Strecke finden können.

Swisscom treibt mit ihrem Programm «5G für die Schweiz» die Etablierung der neuesten Mobilfunkgeneration voran.

Swisscom Cloud: Schweizer Datenwolke

Auch Dienstleistungen aus der «Cloud» spielen bei Cargo sous terrain eine wichtige Rolle. Dabei werden Daten und Software nicht lokal gespeichert, sondern auf zentralen Servern bereitgestellt. Swisscom bietet schon länger Cloud-Dienstleistungen für Private und Unternehmen – mit Standort Schweiz. Das bedeutet, dass in diesem Fall die Daten in der Schweiz gespeichert werden und darum auch den hiesigen Gesetzen und strengen Schutzbestimmungen unterliegen.