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Interview mit Jérôme Wingeier





Leiter Roaming zur Abschaffung des Roamings in der EU

«Die meisten Kunden zahlen keinen Rappen zusätzlich für Roaming.»

Die EU schafft per Juni die Roaming-Gebühren ab. Jérôme Wingeier, Leiter Roaming bei Swisscom, erläutert im Gespräch die Hintergründe und Auswirkungen der neuen Regulierung und verrät die besten Tipps für die Ferien. 

Roger Baur, 13. Juni 2017

Jérôme Wingeier, die EU verbietet de facto das Verrechnen von Roaming. Wieso schafft es Swisscom auch nicht einfach ab?

Die Schweiz gehört nicht zur EU, darum sind wir nicht Teil dieser Regulierung. Roaming bedeutet, dass unsere Kunden im Ausland das Netz eines anderen Anbieters nutzen. Und dieser Anbieter verrechnet uns jeden Anruf, jedes SMS, jedes gesurfte Kilobyte. Wir haben hier also eine Dienstleistung, die wir selbst einkaufen müssen und daher auch nicht einfach verschenken können. Und auch das nicht einfach bei einem einzigen Anbieter. Wir haben aktuell über 600 Verträge, die wir alle einzeln ausgehandelt haben.
Aber klar: Wir sind uns bewusst, dass Roaming lange ein hoher Kostenfaktor für unsere Kunden war und darum haben wir vor fünf Jahren als erster Anbieter in der Schweiz begonnen, ein Roaming-Guthaben in den beliebtesten Abos zu inkludieren, was für die meisten dieser Kunden einer Abschaffung gleichkam. Durch diese Roaming-Preissenkungen und -Inklusivleistungen wurden die Rechnungsergebnisse von Swisscom 2015 und 2016 je mit CHF 100 Mio. belastet, für 2017 erwarten wir weitere CHF 70 Mio. Der Grossteil unserer Kunden zahlt darum heute nicht mehr separat fürs Roaming. Sie haben also quasi schon "Roam like at home". 

Jérôme Wingeier, Leiter Roaming bei Swisscom

Und diese Inklusivleistungen reichen für die meisten Kunden aus?

Ja. Schauen wir das 1. Quartal an, haben wir 75% des Datenvolumens nicht mehr weiterverrechnet. Ein Grossteil unserer Kunden zahlt heute keine Roaminggebühren mehr.

Aber eben, die EU hat nun Roaming innerhalb der EU für alle abgeschafft.

Das ist die Theorie, in der Praxis sieht es so aus: Einige Anbieter in der EU haben seit kurzem Tarife im Portfolio, die eine Nutzung im Ausland beschränken oder sogar komplett ausschliessen. Auch viele Flatrates gelten nur im eigenen Netz und internationale Anrufe in ein EU Land sind nicht abgedeckt. Und darüber hinaus können Anbieter eine Obergrenze für die Internetnutzung festlegen (Fair-Use-Policy). Überschreiten die Kunden diese Grenze, dürfen Anbieter Aufschläge erheben.

Wieso denn diese Einschränkungen?

Weil durch diese Regulierung die Kosten anders verteilt werden müssen. Die Telekom-Anbieter in der EU müssen nun vermehrt nach neuen Einnahmequellen ausserhalb des Binnenmarktes suchen – man spricht von einem Wasserbett-Effekt. So verrechnen gewisse Anbieter ganz einfach ausländischen Partnern wie Swisscom höhere Gebühren für die Durchleitung von Anrufen (Terminierungsgebühren) oder verlangen hohe Roamingpreise für ihre Kunden, wenn sie sich in den USA oder der Schweiz aufhalten. So ist etwa die Mobilkommunikation für Kunden aus Belgien und Österreich bei einem Besuch in der Schweiz ein Mehrfaches höher als in der EU.

Wieso in der Schweiz? Hat denn auch Swisscom ihre Preise gegenüber den ausländischen Anbietern erhöht?

Nein, im Gegenteil, die Einkaufspreise auf den Schweizer Mobilnetzen sinken jährlich und zwar auf allen drei Netzen. Die Endkundenpreise für ausländische Touristen in der Schweiz werden immer vom ausländischen Anbieter festgelegt. Ob diese die verbesserten Einkaufskonditionen an ihre Kunden weitergeben, ist allein ihre Entscheidung. Ein Beispiel: Kunden der Deutsche Telekom, die ein bestimmtes Abo nutzen, zahlen in der Schweiz gleich viel wie in der EU. Aber das machen nicht alle so.
Aufgrund der Regulierung müssen Umsätze andernorts gedeckt werden und das ist für einen Anbieter aus der EU nun mal nur noch in Ländern wie der Schweiz, Monaco und Destinationen ausserhalb Europas möglich. Wenn man zum Beispiel vergleicht, wie viel Kunden aus der EU und unsere Kunden ausserhalb der EU bezahlen, gehört Swisscom heute zu den günstigsten Anbietern in ganz Europa.

Jetzt könnte man aber sagen: Swisscom verrechnet im internationalen Vergleich auch hohe Abopreise in der Schweiz.

Ja, weil auch für uns der grösste Teil der Gestehungskosten in der Schweiz anfällt. Einem Land mit sehr tiefen Strahlungsgrenzwerten, hohen Löhnen, hohen Mieten, vielen Hügeln und Tälern…es sind unzählige Faktoren, die den Preis beeinflussen. Berücksichtigt man die Kaufkraft, so liegen die Schweizer Mobilfunkpreise weltweit im Mittelfeld.

Zurück zum Roaming. Mit welchen Kosten muss jemand in den Sommerferien denn rechnen?

Swisscom Kunden mit einem Flatrate Abo, also dem älteren Natel infinity oder dem neuen inOne mobile, müssen innerhalb Europas im Normalfall mit keinen Zusatzkosten rechnen. Je nach Abo sind Telefonieren und Simsen, sowie Surfen mit 1 bis 24 GB Daten verteilt auf 30, 60 und 365 Tage im Jahr inbegriffen und wir informieren die Kunden, sobald das Guthaben aufgebraucht ist. In den neuen inOne Mobile Abos sind zusätzlich sogar 100 MB Daten und SMS ausserhalb Europas inbegriffen.
Kunden mit sehr günstigen Abos oder Natel easy bezahlen innerhalb Europa 9.90 Franken für 200 MB – in den USA, Brasilien oder Thailand 14.90 Franken. Das reicht bereits, um viele Feriengrüsse nach Hause zu senden. Oder ein paar Posts auf Facebook zu veröffentlichen. Wer dann noch mehr braucht, für den haben wir noch zwei weitere Pakete. Wer klassisch nach Hause telefoniert zahlt pro Minute ohne Option aus Europa 45 Rappen, mit Travel Option 25 Rappen.

Und wie kann ich sicherstellen, dass ich diesen Kostenrahmen einhalte?

Wir haben die wichtigsten Tipps zusammengestellt (siehe unten).

Roaming: Die 4 besten Tipps zum Sparen

1. Ein geeignetes Datenpaket lösen

Die Adresse cockpit.swisscom.ch und die Swisscom Roaming App ist auch im Ausland gratis zugänglich und gibt Auskunft über die Preise, sowie über die bereits verbrauchten Daten. Das benötigte Paket kann aber auch schon zu Hause gelöst werden. In den Flatrate-Abos inOne mobile sind je nach Preisplan Internet, SMS und Telefon innerhalb Europas an mindestens 30 Tagen pro Jahr inbegriffen. Ausserhalb Europas sind je nach Preisplan jährlich 100 oder 1000 MB, sowie 1000 SMS pro Monat inklusive.

2. Grosse Datenmengen wie Bilder und Videos nicht automatisch in die Cloud hochladen

Die meisten Smartphones bieten die Möglichkeit, in den Grundeinstellungen oder in den Einstellungen der App die Synchronisation auf Wlan zu beschränken. Tipp: mit myCloud stellt Swisscom eine eigene Cloud zur Verfügung – gratis und unbeschränkt für alle Kunden. Alle übrigen erhalten 15 GB kostenlos.

3. Karten und Navigation offline nutzen

Sie gehören in den Ferien zu den grössten Datenverbrauchern. Doch die meisten Systeme lassen sich auch Offline nutzen, dazu müssen sie vorher aufs Smartphone geladen werden.

4. Hintergrundaktualisierung deaktivieren

In den Grundeinstellungen. So verhindern Nutzer einen unbemerkten Datenverbrauch.