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Interview mit Yanqing Wyrsch





Leiterin Aufbau Swisscom Outpost China im Gespräch

«Es wird höchste Zeit, dass wir von China lernen.»

Auf der Suche nach neuen Technologien eröffnet Swisscom 2018 einen Outpost in China. Warum? Weil heute schon vier der zehn wertvollsten Startups der Welt aus China stammen.

Sascha Bianchi, 22. September 2017

Vom Fischerdorf zum Technologie-Mekka: Shenzhen hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Die Stadt vis-à-vis von Hongkong produziert heute schon eine Milliarde Handys – pro Jahr. Damit ist Shenzhen die Handyhauptstadt der Welt.

Der chinesische Tech-Boom hat längst nicht nur die Megastädte erreicht. Hangzhou wird die erste bargeldlose Stadt Chinas sein. Yinchuan ist eine Vorreiterin im Bereich Smart-Citys. Und jeden Tag werden in China 12'000 Startups gegründet. Wer neue Trends entdecken will, tut also gut daran, auch in China präsent zu sein.

Sonnenaufgang in Shanghai: Zeit für Tai-Chi. Zeit für den Swisscom Outpost, der hier 2018 eröffnet wird. Bild: Keystone

Swisscom eröffnet 2018 einen Outpost in Shanghai. Bereits seit über einem Jahr fliegt Yanqing Wyrsch regelmässig nach China und betreut den Aufbau vor Ort. Sie besucht Startups, pflegt Kontakte zu lokalen Behörden und begleitet und betreut die Besucher aus der Schweiz auf ihren Geschäftsreisen durch China. Sie vermittelt dabei zwischen den Kulturen und übersetzt dabei auch die für China typischen Botschaften zwischen den Zeilen.

Yanqing, warum eröffnet Swisscom einen Outpost in Shanghai?

China eignet sich mit 1.3 Milliarden Konsumenten für Beobachtungen und zum Testen neuer Ideen natürlich ideal. Hier können wir viel lernen: etwa, wie sich die Digitalisierung auf Konsumenten auswirkt und wie sich in der Folge deren Verhalten verändert. Natürlich erhoffen wir uns auch viele Erkenntnisse für eigene innovativen Dienstleistungen, die wir unseren Kunden in Zukunft anbieten können.

Verfolgt Swisscom noch weitere Absichten?

Wir möchten strategische Partnerschaften aufbauen. Wichtig ist uns auch die Suche nach Talenten: In China machen jährlich acht Millionen Menschen ihren Universitätsabschluss. Ausserdem organisieren wir Besuche und Workshops für Swisscom Mitarbeitende und Management in China, um Einblick auf Innovationen zu verschaffen.

China steht im Ruf, Innovationen aus dem Westen zu kopieren. Stimmt das noch?

Vor zehn Jahren war diese Aussage nicht ganz falsch. Heute sieht es aber ganz anders aus. In westlichen Medien begegnet man darum immer häufiger dem Satz“: "It's time to copy China". Und da haben sie recht. Menschen aus allen Kontinenten kommen nach China, um sich von chinesischen Innovationen inspirieren zu lassen.

Yanqing Wyrsch zu Besuch beim Startup Mega Vision in Beijing, das eine auf Gesichtserkennung spezialisierte Cloud Plattform entwickelt hat.

In welchen Bereichen finden diese Innovationen statt?

Eigentlich überall. Ob im Gesundheitswesen, Finanzbereich oder der Unterhaltungsindustrie. Eine grosse Bühne bietet das Internet. Jeder vierte Internetnutzer stammt aus China. 90 Prozent der Bevölkerung haben ein Handy. Internetbasierte Geschäftsmodelle lassen sich schnell einer riesigen Zielgruppe zugänglich machen. 

Wer ist hier Vorreiter?

Ganz vorne dabei ist Alibaba. Der Online-Händler befördert heute mehr Waren als Amazon und Ebay zusammen. WeChat, die App des IT-Giganten Tencent, ist ebenfalls sehr innovativ. Nutzer können damit online Einkaufen, Überweisungen tätigen, Flug- oder Zugtickets kaufen oder Kinoplätze buchen. Aber auch im Hardware-Bereich haben Chinesen längst aufgeholt. Prominente Beispiele sind Lenovo oder Huawei.

Die chinesische Regierung kontrolliert unternehmerische Aktivitäten ziemlich rigide. Ein Hindernis für Unternehmer und ihre Geschäfte?

Ja und nein. Aufgrund der gigantischen Anzahl Firmen ist es gar nicht möglich, alles zu überwachen. Einerseits nimmt der Staat starken Einfluss auf die Wirtschaft -über einen nationalen Entwicklungsplan, regulatorische Policen und die zentralisierten Kontrollen grosser Infrastrukturprojekte. Andererseits lässt er den Unternehmen momentan relativ freie Hand, um Ideen entwickeln und umsetzen zu können. Über exzessive Regulationen müssen sie sich wenig Sorgen machen. Ausserdem investiert der Staat selber Milliarden in Startups und baut so technologische Ökosysteme.

Jack Ma, Chairman von Alibaba eröffnet die Party zum 18. Geburtstag des E-Commerce Giganten vor 40'000 Mitarbeitenden im Yellow Dragon Sports Center in Hangzhou. Bild: Keystone

Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen in der IT-Branche aus?

In der IT arbeiten die Leute tatsächlich noch immer deutlich länger als jemand im Büro. Aber die Situation bessert sich. Immer mehr amerikanische und europäische Firmen üben Druck auf ihre chinesischen Lieferanten aus, um das Arbeitsgesetz einzuhalten. Auch die Bevölkerung übt Druck auf den sozialen Medien aus. Die Regierung selbst verabschiedete zahlreiche neue Arbeitsgesetze, welche die Arbeitnehmer besser schützen und Missbräuche reduzieren sollen. Sie könnte in ihrer Rolle als Regulator allerdings noch mehr machen und mehr Kontrollen durchführen.

Wo unterscheidet sich der digitale Alltag in China vom demjenigen in der Schweiz?

In China zahle ich fast alles mit meinem Smartphone. Gemäss der Zentralbank wird jährlich 15 Prozent weniger Papiergeld gedruckt. Vielleicht wissen die Chinesen in ein paar Jahren nicht mehr, wie die Währung RMB aussieht.

Smile to Pay: Im KFC KPRO Restaurant in Hangzhou zahlt eine Kundin bargeldlos mittels Gesichtserkennung. Bild: Keystone

Und was gefällt dir am Leben in Shanghai?

Shanghai ist sehr kosmopolitisch. Ich liebe es, mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Berufen zu diskutieren, mich auszutauschen, und von ihnen zu lernen. Gleichzeitig vermisse ich natürlich meine Familie und Freunde, die Berge und die frische Luft.

Schutzmasken sind die Norm in China.

Ja, auch Luftreiniger stehen hoch im Kurs. Selbst im Winter sind viele Menschen mit Masken unterwegs. In Peking konsultiere ich täglich den Smog-Bericht. Wo man in der Schweiz die Wetter-App zu Rate zieht, macht man hier dasselbe mit der Smog-App.

1998 gründete Swisscom einen ersten Outpost in Menlo Park im Silicon Valley, damals mit dem Ziel, den Internetboom zu beobachten. Heute erspähen zehn Mitarbeitende neue Technologien, Geschäftsideen und Innovationsmethoden. Ein zweiter Outpost in Berlin hat das Thema E-Commerce auf dem Radar. 2018 eröffnet Swisscom ihren dritten Outpost in Shanghai.