Interview mit Qumram-CEO Patrick Barnert

Interview Patrick Barnert

«Ich musste einen Zacken aggressiver werden»


Patrick Barnert war Gründungsmitglied von Unic und im Management von Open Text. Jetzt reiste er als CEO des Startups Qumram mit Swisscom ins Silicon Valley und erzählt von seinen Eindrücken.


Hansjörg Honegger,



Sie waren mit Swisscom im Rahmen der Startup-Challenge im Silicon Valley. Das war für Sie als alter IT-Hase vermutlich keine neue Erfahrung?


Patrick Barnert: Doch, auch für mich war die Erfahrung sehr interessant. Ich war als Kadermitglied von Open Text zwar regelmässig im Silicon Valley, aber noch nie als Vertreter eines Startups. Wir mussten versuchen, die kleine Schweizer Qumram bei grossen US-Banken und Investoren zu positionieren.


Hatten Sie Erfolg?


Es war sehr lohnenswert, zumindest für mich persönlich. Ich habe sehr viel gelernt und wir kriegten eine grossartige Chance. Ob die Woche im Silicon Valley ökonomisch erfolgreich war, wird erst die Zeit zeigen. Ich muss an dieser Stelle wirklich festhalten: Uns Startups wurde eine grossartige Chance geboten. Wir konnten Erst-Gespräche auf C-Level führen, was ohne die Hilfe von Swisscom undenkbar gewesen wäre.

Patrick Barnert

Patrick Barnert gründete 1996 die Unic AG, die sich auf Digital Marketing und Digital Commerce spezialisierte. Bis 2004 leitete er das Unternehmen erfolgreich. Dann wechselte er zur Open Text Allliance, wo er das internationale SAP-Geschäft aufbaute und bis ins Management aufstieg. Seit 2014 ist er beim Startup Qumram, dem Anbieter einer Compliance-Lösungen, als CEO tätig.  


«Wir bekamen von Swisscom eine grossartige Chance»


Wo liegt der Unterschied zur Schweiz, wenn man in den USA mit potenziellen Investoren verhandelt?


Ich kann das auf eine einfache Formel bringen: Sei aggressiv! Im Valley musst du einen «Game changer» verkaufen, du veränderst mit deiner Lösung die Welt. Weniger geht nicht.


Mussten Sie über Ihren Schatten springen, um das so rüberzubringen?


Nein, aber auch ich musste wieder einen Zacken aggressiver werden.


Qumram gibt es seit fünf Jahren und ihr habt schon ein schönes Portfolio an grossen Kunden. Trotzdem macht ihr an einer Startup-Challenge mit. Seid ihr überhaupt noch ein Startup?


Wie definieren Sie ein Startup? Ist es das Alter der Firma, ist es die Kultur oder die finanzielle Situation? Für uns hat der Wettbewerb Startup Challenge gepasst. Dass wir unter die fünf Besten kamen, gibt uns recht.


Wie gross ist Qumram?


Wir sind jetzt 28 Leute, verteilt auf fünf Standorte: Zürich ist der Hauptsitz, entwickelt wird in Barcelona, in London ist Marketing und Sales und in USA haben wir Sales in San Francisco und neuerdings in New York.


Warum die Entwicklung in Barcelona? Aus Kostengründen?


Barcelona ist klar günstiger als die Schweiz, bietet eine ähnliche Mentalität, Kultur und Qualität. Ausserdem ist es einfacher, international gute Leute nach Barcelona zu rekrutieren.


Das Produkt erlaubt euren Kunden, ihre gesamte Online-Kommunikation rechtssicher aufzuzeichnen. Ein Bedürfnis?


Ja. In Regionen wie CH, EU, und US ist es gesetzlich vorgeschrieben. Unsere Kunden müssen 100 Prozent der relevanten Daten zwingend aufzeichnen und rechtssicher lagern. Das machen wir mit unserer Lösung möglich und sichern für unsere Kunden die Einhaltung der globalen Compliance Richtlinien.
Unsere Lösung generiert zusätzlich signifikanten Mehrwert. Im Sicherheitsbereich, wo wir online Betrugsfälle dokumentieren und damit präventiv wirken. Und wir helfen das Kundenerlebnis zu verbessern, da man sehr genau sieht, was die Kunden auf den Web- oder Mobile-Applikationen machen. Unsere Qumram Kunden gewinnen dank den neuen Daten sehr wertvolle Einsicht in das Kundenverhalten. Diese Transparenz des Kundenverhaltens wird oft im Call Center genutzt um einen besseren Service zu bieten.


Wie das?


Es ist für den Call Agent häufig sehr mühsam, herauszufinden, womit genau der Kunde ein Problem hat. Wo hat der draufgeklickt, was hat er genau gemacht? Mit unserer Lösung kann er das online Erlebnis des betreffenden Kontakts wie in einem Video nochmals abspielen und sieht jeden Mausklick des Kunden.


Jemand im Call Center sollte aber keine Kontodaten sehen.


Selbstverständlich nicht, die Daten werden je nach Berechtigung gezeigt oder eben nicht, das ist eine Frage der Konfiguration des Tools.



Patrick Barnert

Die Aufzeichnung des Kundenkontakts ist ein Bewegtbild. Ich sehe, wie sich die Maus bewegt, was der Kunde geschrieben hat. Erklären Sie die Technologie dahinter. Ein Video würde den Rahmen des Datenvolumens doch völlig sprengen.


Das ist genau der Punkt. Die geniale Lösung, die unser CTO Simon Scheurer erfunden hat, zeichnet die Originaldaten auf, HTML, Bilder, Java-Script und CSS. Dadurch bringen wir eine Session, die im Original vielleicht 500 Kilobyte schwer ist, auf rund 50 Kilobyte runter.


Von welchen Datenmengen sprechen, wenn die gesamte Online-Kommunikation einer Grossbank aufgezeichnet wird?


Dann sprechen wir von einem Datenvolumen im dreistelligen Terabyte-Bereich.


Pro Monat?


In zehn Jahren.


Das ist tatsächlich verkraftbar.


Es hängt natürlich stark von der Applikation ab. Wenn sich nur Text verändert, sind das eher kleine Datenmengen. Wenn Bilder betroffen sind, wächst das Volumen.


Die Authentifizierung per Video steht vor der Tür. Geht das auch mit eurer Lösung?


Klar, das sind auch Daten, die wir aufzeichnen können. Aber da kommen wir selbstverständlich in andere Volumina.


Mit welchem Aufwand muss der Kunde für die Konfiguration rechnen?


Das kommt extrem auf die Kundenwünsche an und wie das Tool eingesetzt wird. Es kann einen Aufwand von zwei Wochen bedeuten, wenn der Kunde unsere Cloud-Lösung bucht mit einfachen Use Cases. Es kann aber auch einer von bis zu einem Jahr sein, wenn der Kunde eigene Hardware und Speicher nutzen will. Will beispielsweise eine Grossbank die komplette interne und externe Online-Kommunikation über alle Kanäle aufzeichnen, hinterlegt mit bestimmten Alerts und integriert mit existierenden Systemen dann ist das Projekt entsprechend aufwendiger.


Was heisst «alle Kanäle»? Auch beispielsweise LinkedIn oder WhatsApp?


Ja, diese Möglichkeit haben wir auch. Grundsätzlich zeichnet Qumram alles auf, was online läuft – Web, Mobile Apps und Social Media.


Die Compliance-Regeln verändern sich enorm schnell. Wie bleibt ihr auf dem Laufenden? Beschäftigt ihr auch eigene Juristen?


Die Veränderungen beschäftigen uns sehr stark, wir sind aber als relativ junges Startup noch nicht in der Lage, eigene Juristen zu beschäftigen. Wir ziehen bei Bedarf Juristen bei.


«Wir entdecken jeden Tag neue Use-Cases mit unserer Lösung»


Wie sieht euer Business-Plan aus? Wo wollt ihr hin?


Wir fokussieren uns auf unsere Kunden und den Aufbau der Firma. Wir entdecken fast jeden Tag neue Use-Cases für unsere Lösung und müssen aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln. In der Schweiz sind wir sehr gut unterwegs, im restliche DACH-Markt sind wir im Aufbau begriffen. UK und USA sind wichtige Märkte für uns. Wir haben dieses Jahr in USA und UK unsere ersten Kunden gewonnen.


Wo verorten Sie Ihre Kunden?


Banken und Versicherungen sowie staatliche Institutionen. Regulierte Branchen, in denen Compliance einen hohen Stellenwert hat.


Erlauben Sie mir noch eine persönliche Frage: Sie sind seit 20 Jahren in der Branche…


… das kann gar nicht sein.


Doch, 1996 waren Sie Mitgründer der Unic. Das wären dann genau 20 Jahre.


So genau will man das gar nicht wissen (lacht).


Ihre Karriere ist interessant: Nach 8 Jahren bei Unic wechselten Sie zu Open Text. Warum?


Ich wurde 2004 Papi. Ich merkte, dass dies nicht mit meiner Arbeit bei Unic vereinbar war, wo ich sieben Tage in der Woche im Büro sass. Ich wollte Zeit haben für meine Familie.


Sie machten Karriere bei Open Text und verliessen 2014 den Grosskonzern, um beim Startup Qumram einzusteigen. Warum tun sie sich das nochmals an?


Eigentlich war es wieder meine Familie, die mich dazu bewog. Ich war international tätig, sammelte in einem Jahr 13 Tage reine Flugzeit und meine Kinder meinten während meiner Ferien, es sei schön, hätte ich jetzt Zeit für sie. Das war ein Schock und ich wusste: Ich musste etwas verändern.


Der Wechsel zu einem international tätigen Startup bringt aber nicht weniger Arbeit.


Ja, das stimmt schon. Letzte Woche war ich im Silicon Valley, davor in New York, gestern in Frankfurt und nächste Woche in Toronto.


Da sind Sie aber bald wieder auf 13 Tagen reiner Flugzeit…


Ja, diesen Spruch musste ich mir kürzlich auch anhören…




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