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Interview mit Sascha Gysel zu «Fintech Services im Retailbanking»

Digitalisierung im Retail-Banking

«Die Schweizer Banken machten enorme Fortschritte»


Die Schweizer Retail-Banken machen Vorwärts mit der Digitalisierung. Sascha Gysel, Leiter von e-foresight Schweiz zeigt, wo die Finanzinstitute gut unterwegs sind und wo sie noch Schwächen zeigen.


Hansjörg Honegger, 28. Oktober 2016



Die neue Studie «Fintech Services im Retailbanking» vermittelt den Eindruck, in den Schweizer Banken hätte sich im Vergleich zur letzten Studie 2014 Ernüchterung breitgemacht. Stimmt das?


Sascha Gysel: Die Banken können heute dank ihrer grösseren Erfahrung die Projekte besser priorisieren, das als Ernüchterung zu interpretieren, ist falsch.


Eine Zeitung beschwor sogar das Ende des Hypes.


Ein Hype ist eine Blase. So gesehen stimmt das. Die Banken konzentrieren sich bei ihren Digitalisierungsbemühungen heute auf für sie relevante Themen und lassen sich weniger von Schlagworten ins Bockshorn jagen.


Machen Sie ein Beispiel.


Der Bereich des digitalen Anlegens ist weiterhin hoch relevant, da wird auch investiert. Im Bereich Crowdfunding, der vor zwei Jahren noch als sehr relevant angesehen wurde, fand eine Korrektur statt. Das Wachstum entsprach nicht den Erwartungen, entsprechend wird das heute über alle Banken hinweg etwas weniger prioritär betrachtet.




Die Studie zeigt also: Die Banken entwickeln digitale Lösungen da, wo es wirtschaftlich Sinn macht?


Ja. Viele Banken haben gemerkt, dass sie es gar nicht schaffen, alles Wünschbare umzusetzen. Die Banken konzentrieren sich auf das, was die Kunden am meisten nutzen und nachfragen: Digitales Anlegen, Online-Hypotheken und Payment, da ist man teilweise schon sehr weit.


Die Digitalisierung des bestehenden Geschäfts ist keine Innovation.


So würde ich das nicht sagen. Nehmen wir Beispiele wie Robo-Advisor in der Vermögensverwaltung oder Crowdlending zur Finanzierung von KMU-Projekten. Beides ist Digitalisierung des bestehenden Geschäfts, das Wie ändert sich aber massgeblich.


Der persönliche Kontakt zum Bankberater ist für viele Schweizer Kunden zentral. Sind die Kunden bereit, Innovationen wie einen Robo-Advisor anzunehmen?


Die Schweizer sind treue Bankkunden. Sie wechseln ihre Hausbank nicht, weil die Konkurrenz ein paar Franken billiger ist oder eine etwas einfachere Lösung anbietet. Das heisst aber nicht, dass die Banken die Digitalisierung sein lassen sollten. Die Kunden erwarten auch im Banking mittlerweile digitale Angebote welche sie sich auch aus anderen Bereichen gewohnt sind, zum Beispiel von Uber, Apple oder Amazon. Der digitale Wandel kommt sicher, auch in der Schweiz, wenn auch teilweise etwas später als im Ausland. Wir erwarten aber eher hybride Modelle. Insbesondere im Hinblick auf Robo-Advisor. Ausserdem gilt es zu differenzieren, von wem der Robo-Advisor angeboten wird: von meiner bestehenden Hausbank oder einem unbekannten Fintech-Startup.

Fintech Services im Retailbanking

Wie ändern sich Kundenverhalten und Ansprüche im Retailbanking. Gemeinsame Studie von CC Sourcing und Swisscom zu Relevanz, Umsetzungsgrad und Prognosen.

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«Der digitale Wandel kommt, wenn auch teilweise später als im Ausland»


Wer jetzt den Trend verschläft, wird das in Zukunft büssen?


Die Banken müssen sich heute sehr intensiv darüber Gedanken machen, welche Implikationen die digitalen Angebote auf ihr bestehendes Geschäftsmodell haben. Und ganz wichtig: Wo sie schnell reagieren müssen, wenn ein Konkurrent ein digitales Angebot lanciert.


Abwarten, was die Konkurrenz tut und erst dann handeln, ist aber nicht der Königsweg.


Die Schweizer Banken hatten bisher keinen Zwang zur Innovation. Dies im Unterschied zu beispielsweise England, wo sich die Regulatoren als Innovationstreiber verstehen und auch die Hürden für Bankwechsel, beispielsweise in Zukunft vielleicht mit der Mitnahme der IBAN, forcieren. Der Ansatz der Finma in der Schweiz ist gemäss aktuellem Auftrag ein anderer. Daher ist diese Situation für die Schweizer Banken neu.


In der Studie fällt auf, dass gewisse Strategien – also langfristige Pläne – innert zwei Jahren komplett gekippt wurden. So behaupteten vor zwei Jahren 88 Prozent der befragten Institute, sie hätten eine Cross-Channel-Strategie. Heute sind es noch 28 Prozent. Wie kann das sein?


Das hängt, wie bereits zu Beginn des Gesprächs angetönt, mit dem höheren Wissensstand der Banken zusammen. Damals glaubten viele, sie verfügten über eine belastbare Strategie, was sich aber bei näherer Betrachtung als Irrtum herausstellte. Man ist sich heute der Komplexität des Themas bewusster als noch vor zwei Jahren, was sich in den tiefen Zahlen wiederspiegelt.


Wovon hängt die Innovationskraft einer Bank ab? Vom Budget, von der Grösse?


Klar hilft es, wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist. Andererseits haben kleinere Banken kürzere Entscheidungswege und sind von daher agiler als Grossbanken. Genauso wichtig ist aber, dass die IT organisatorisch und technisch bereit ist für den Wandel.


Inwiefern?


Ein Aspekt sind definierte und offene Applikationsschnittstellen, die es erlauben rasch Fintech-Services von Drittparteien einzubinden und damit wirtschaftlich auch kleineren Zielgruppen zur Verfügung zu stellen.




«Es braucht Persönlichkeiten, die Projekte mit Herzblut vorantreiben»


Ist es denn wirklich nötig, dass Banken immer alles selber entwickeln? Es gibt doch auch in der Schweiz viele Fintech-Startups mit interessanten Lösungen.


Da hat sich gerade in den letzten Monaten sehr viel getan. Früher hatten viele Startups das Gefühl, sie würden den Banken die Kunden wegschnappen. Umgekehrt fühlten sich die Banken bedroht. Jetzt haben beide Seiten gemerkt, dass sie voneinander profitieren können und suchen die Zusammenarbeit.


Was braucht es, damit die Digitalisierung in einer Bank vorangetrieben wird?


Ein sehr wichtiges Element ist das Commitment des Top Managements und die aktive, bankweite Förderung. Gerade Compliance- oder Sicherheitsanliegen machen es neuen Projekten oft schwer. Hier braucht es manchmal ein Machtwort und/oder Mut zumindest im Anfangsstadium eines Projektes. Im mittleren und unteren Management braucht es Persönlichkeiten, welche die Projekte mit Herzblut und Sachverstand vorantreiben.


Wie stehen die Schweizer Banken im Vergleich zum Ausland da? Wo läuft die Digitalisierung besser?


Die Schweizer Banken sind im internationalen Vergleich bezüglich Digitalisierung unteres Mittelfeld. In UK gibt es deutlich mehr Fintech-Innovationen. Die nordischen Länder sind bezüglich Payment sehr viel weiter. In Österreich gibt es einen spannenden E-Banking-Marktplatzansatz. In Deutschland gibt es bereits echte Online-Banken.


Ach kommen Sie, die Schweiz ist doch ein Top-Bankenplatz und jetzt sind sogar die Österreicher besser?


Ich habe einige starke Bereiche herausgepickt, alle diese Standorte haben auch signifikante Schwächen in Sachen Digitalisierung. Was in der Schweiz auffällt, aber vielleicht nicht so spektakulär ist: Die Schweizer Banken haben auf breiter Front in den letzten beiden Jahren enorme Fortschritte gemacht. Das ist schlussendlich sogar wichtiger als ein einzelnes Leuchtturm-Projekt.


Sascha Gysel

Sascha Gysel leitet seit dem 1. Oktober den Bereich Banking Trends und Innovation bei Swisscom. In dieser Funktion führt er auch den Thinktank e-foresight, der Banken in Fragen zu Digital Banking begleitet. Gysel stiess von der UBS zu Swisscom, wo er für den Trendradar und den Aufbau des Fintech-Programms Kickstart Accelerator zuständig war. Zuvor hat er Masterstudiengänge an den Universitäten St.Gallen (HSG) und im amerikanischen Stanford absolviert, ein eigenes Startup in Peking gegründet und bei Accenture gearbeitet.





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