Rahmenbedingungen für Schweizer Fintech-Startups





Rahmenbedingungen

Der schwierige Weg zum Fintech-Hub


Noch sind die Bedingungen nicht ideal: Mangelnder Unternehmergeist, wenig Startup-freundliches Steuer- und Aktienrecht, Hindernisse in der Gesetzgebung. Aber der Zug für einen Fintech-Hub Schweiz ist noch nicht abgefahren.


Urs Binder, 




Die «Swiss Fintech Ecosystem Map» von Swiss FinteCH verzeichnet mehr als 200 Schweizer Finanztechnologieunternehmen. «Es tut sich momentan unheimlich viel, das ist positiv», meint Urs Haeusler, Mitgründer des Branchenverbands Swiss Finance Startups und Gründer des Private-Equity-Marktplatzes DealMarket. Auch Daniel Heinzmann, IT-Stratege der Zürcher Kantonalbank und Präsident von «Swiss Fintech Innovations», zeigt sich von der aktuellen Fintech-Szene begeistert: «Es ist hocherfreulich zu sehen, wie es sich entwickelt. Noch vor einem Jahr waren es vielleicht 135 Startups. Ich denke, in Zukunft werden nicht nur mehr, sondern auch immer bessere Fintech-Startups entstehen.»


Gedämpfter Optimismus

Dennoch: «Im internationalen Vergleich sind wir sicher nicht in den vordersten Rängen», dämpft Rino Borini den Fintech-Enthusiasmus. «Das ist schade, denn der Schweizer Finanzplatz ist nach wie vor relevant». Das stimmt: Gemäss dem Global Finance Center Index liegt Zürich unter den weltweiten Finanzplätzen auf Rang 6. Borini leitet das auf Finanzthemen spezialisierte Medienunternehmen financialmedia AG und organisiert mit «Finance 2.0» die grössten Fintech-Veranstaltungen der Schweiz.


Ähnlicher Meinung ist Daniel Heinzmann: «Verglichen mit Hubs wie London, New York oder Singapur nimmt sich die Schweizer Fintech-Szene immer noch bescheiden aus. Die Schweiz muss sich auf ihre Stärken fokussieren und eine klare Value Proposition haben, um im Wettbewerb bestehen zu können.» Für Marc P. Bernegger, den international bekannten «Serial Web Entrepreneur» und Fintech-Investor, ist die Schweiz auf die Einwohnerzahl heruntergebrochen «wohl weltweit die Nummer 1 bei der Fintech-Dichte. Aber wenn man die Unternehmen weglässt, die schon seit 5 oder 10 Jahren bestehen, bleiben nicht viele, die punkto Umsatz und Gewinn relevant sind.»


Mangelnder Unternehmergeist

Für Rino Borini liegt es unter anderem am fehlenden Unternehmergeist, dass die Schweiz trotz hervorragendem Finanzplatz bisher nicht als weltweit bedeutender Fintech-Hub gilt. Als weiteren Grund nennt Borini eine gewisse Technologieskepsis: «Tech wird oft als Kostenfaktor statt als Zukunftsoption gesehen.»


Marc P. Bernegger bezeichnet die meisten Schweizer Unternehmer als «zu wenig visionär, zu wenig ambitioniert, zu wenig risikofreudig». Es gehe uns zu gut, nicht wie in anderen Ländern, wo man verhungere, wenn man nicht mit einem eigenen Unternehmen Erfolg habe. «Es gibt zu wenig Anreiz, sich nach dem Studium unternehmerisch zu betätigen.»


Das sieht Urs Haeusler etwas anders. «Wir haben heute viele erfolgreiche Jungunternehmer. Es ist nicht mehr so cool wie vor 15 Jahren, nach dem Uni-Abschluss auf eine Bank zu gehen, viel Geld zu verdienen, aber völlig fremdbestimmt zu sein. Heute sind viele junge Leute bereit, das Risiko auf sich zu nehmen und mit viel Arbeit für fast keinen Lohn etwas aufzubauen.» Sein Fazit: «Wir sind in der Schweiz wie üblich nicht die Ersten und die Schnellsten. Aber wir machen es dafür gut und gründlich.»


Fintech-unfreundliche Regulierung

In einem sind sich alle Stimmen einig: Wenn sich die Schweiz zum Fintech-Hub mausern soll, muss sich die Regulierung ändern. Rino Borini formuliert es deutlich: «Politik und Regulator haben geschlafen. Die Schweiz hat hier momentan das Schlusslicht». Aber der Wake-up-Call wurde offenbar gehört. Finma-Direktor Mark Branson räumt ein: «Die Gesetzgebung in der Schweiz ist nicht fit für Fintech.»


Die Finma schlägt deshalb ein vereinfachtes Bewilligungsregime für Fintech-Startups vor, die ausschliesslich Publikumseinlagen entgegennehmen und kein Zinsgeschäft betreiben. Dazu soll ein regulierungsfreier Raum für Startups kommen, eine so genannte Sandbox. Der Teufel steckt laut Urs Haeusler allerdings auch hier im Detail: «Die Idee mit der Innovatorenlizenz und der Sandbox finden wir gut. Aber die Finma setzt die Limiten bisher so tief, dass man kaum einen Proof-of-Concept bauen kann, um Investoren anzuziehen. Wir verhandeln da noch.»


Der Zug ist noch nicht abgefahren, aber die Zeit drängt. Auch darin sind sich die Experten einig. «Bundesbern muss kein Geld sprechen, sondern die Rahmenbedingungen so setzen, dass es mit Fintech vorwärtsgeht», betont Borini. Die Bestrebungen seien da, aber jetzt müsse es erst einmal durchs Parlament – und zwar unbedingt noch dieses Jahr. «Wir hoffen alle, dass die National- und Ständeräte jetzt wirklich Gas geben.»


Auch mit einer angepassten Regulierung bleiben Schweizer Fintechs benachteiligt, die in die EU expandieren wollen. In der EU gilt das Passporting – wenn ein Fintech-Unternehmen in einem EU-Land eine Bewilligung hat, gilt diese automatisch für alle anderen. Davon können Schweizer Fintechs nur träumen. Dabei ist internationales Wachstum wichtig, denn der Schweizer Markt ist viel zu klein. Das stellt auch die «IFZ Fintech Study 2016» von Dr. Thomas Ankenbrand von der Hochschule Luzern fest: «Sollen langfristig FinTech-Arbeitsplätze in der Schweiz erhalten und geschaffen werden, müssen sich die FinTech-Unternehmen international positionieren und Markteintritte im Ausland wagen».


Steuerpraxis und Aktienrecht

Zu guten Rahmenbedingungen gehört aber mehr als eine vereinfachte Finanzmarktregulierung. Auch andere Bereiche der Gesetzgebung könnten Startup-freundlicher sein. Vitus Ammann, bei der Zuger Monetas AG fürs Marketing verantwortlich, moniert: «Die Kapitalerhöhungen sind für Startups zu teuer und zu formell. Neues Kapital sollte einfacher und flexibler geschaffen werden können. Man sollte sich auch Alternativen zur Kapitaleinzahlungsbestätigung von Banken überlegen.» Die Herausgabe von Mitarbeiteraktien, eines der besten Incentives, um Talente anzuziehen und zu binden, sollte laut Ammann auch vereinfacht werden. Generell bestünden zu viele steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Hürden und Unsicherheiten. «Bei Startups müssen die Behörden den Risikocharakter der Investition berücksichtigen und sich nicht einfach auf die Bewertung der Investoren stützen, welche schon einen erheblichen Risikoteil einpreisen.»


Bemängelt werden zudem die kantonalen Unterschiede beim Steuerrecht. Besonders Zürich fällt negativ auf. Dort würden Startups, so Urs Haeusler, nach einer Finanzierungsrunde aufgrund einer fiktiven, auf die zukünftige Entwicklung ausgerichteten Bewertung viel zu hoch eingeschätzt. «Dann kann die Vermögenssteuer plötzlich höher ausfallen als das ganze Einkommen.» Andere Kantone wie etwa Basel-Stadt würden stattdessen zur Bewertung die Praktikermethode anwenden, die bei der Bewertung nicht börsenkotierter Unternehmen üblich ist.


Zu viele Köche

Es gibt, gutschweizerisch, mittlerweile zahlreiche Verbände rund um Fintech. «Swiss Finance Startups» (SFS) nennt sich die sehr aktive Branchenorganisation mit über 90 Mitgliedern. Sie sieht sich als Plattform für den Erfahrungsaustausch unter Fintech-Unternehmern und für das Networking zwischen Startups und Entscheidungsträgern der Finanzbranchengrössen, «damit Banken und Versicherungen, die jetzt ihre Digitalisierung vorantreiben, nicht meinen, sie müssten ins Silicon Valley gehen, sondern sehen, dass auch in der Schweiz sehr viel läuft» – so äussert sich Vorstandsmitglied Urs Haeusler. «Swiss Fintech Innovations» will den Dialog mit Fintech-Startups von Banken und Versicherungen her aufgleisen, fokussiert die Aktivitäten in Arbeitsgruppen auf vier für Finanzdienstleister speziell interessante Kernthemen und arbeitet eng mit dem Swiss Fintech Innovation Lab der Uni Zürich zusammen. Die von John Hucker präsidierte «Swiss Finance and Technology Association» (Swiss FinteCH) positioniert sich als «Schwerkraftzentrum für Fintech in der Schweiz» und will die Entwicklung unseres Landes als erstklassiger Fintech-Hub fördern.

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«Die Fintech-Anstrengungen erfolgen nicht koordiniert, es herrscht oft Gärtchendenken – Egosystem statt Ecosystem.»


Rino Borini, Co-Founder & CEO financialmedia AG


Mehrere spezialisierte Publikationen, viele Blogs, zahllose Veranstaltungen vom Entwickler-Meetup bis zur Grosskonferenz, Startup-Akzeleratoren hier und dort. Das ist für Manche schon zu viel des Guten. So meint Rino Borini: «Wir haben x Verbände, Initiativen, Akzeleratoren. Jeder will etwas beitragen. Aber die Anstrengungen erfolgen nicht koordiniert, es herrscht oft Gärtchendenken – Egosystem statt Ecosystem». Und es werde zu viel geredet, statt zu handeln. Auch dafür hat Borini einen Spruch: «Less paper, more pepper!»


Konzentration auf das Wesentliche

In der Szene ist man zuversichtlich für einen Fintech-Hub Schweiz. Urs Haeusler: «In fünf Jahren werden wir zu den Top 5 der globalen Hubs gehören. Die Zutaten haben wir: eine stabile Währung, einen Bankenplatz mit Tradition und starkem Image hinsichtlich Vertrauen, Qualität und Sicherheit». Aber, so Rino Borini, die Schweiz muss sich auf bestimmte Bereiche konzentrieren. «Alles kann man nicht machen. Die Schweiz steht für Wealth Management – nicht zuletzt haben wir mit der UBS die weltweit grösste Vermögensverwalterbank. Da sollte die Schweiz auch bei Fintech eine führende Rolle übernehmen.» Die Schweiz könne als stabiles Land zudem bei Sicherheits- und Identitätstechnolgien viel beitragen. Bei Kryptofinanz- und Blockchain-Technologie sei die Schweiz mit dem Cryptovalley bereits sehr gut aufgestellt und international renommiert. Aber auch hier könne die Schweiz künftig verlieren, denn die Rahmenbedingungen seien nicht optimal. Als viertes Kernthema nennt Borini Anwendungen rund um das Versicherungswesen, im Jargon Insurtech genannt.


Daniel Heinzmann stimmt damit weitgehend überein. Auch er sieht gute Chancen bei Kryptofinanztechnologien, und auch er nennt Insurtech als Zukunftsfaktor: «Das steckt noch in den Anfängen – der digitale Versicherungsbroker Knip ist nur ein erstes Beispiel. Bei Insurtech kann die Schweiz absolut den Lead übernehmen.»


Die Studie «Die digitale Zukunft der Schweiz», im Auftrag von Swisscom und Six von der EPFL durchgeführt, schätzt die Leistungsfähigkeit der Fintech-Infrastruktur zwar nicht wie bei London, Singapur, Hong Kong und den USA als führend, aber immerhin als konkurrenzfähig ein. Die Innovationsfähigkeit ist demnach hierzulande top, Datenschutz und Datensicherheit gut, aber die Marktattraktivität für Startups wird bloss als «aufsteigend» beurteilt. Wie die Startup-Verbände selbst kommt auch die EPFL-Studie zum Schluss: «Startups sollen eine bessere Finanzierung und auf ihre Bedürfnisse angepasste Steuergesetze erhalten.» Ähnlich klingt es im «Swiss Fintech Report 2016» von EY: «Die Schweiz hat bei Fintech bisher nicht von ihrer starken Position als Finanzplatz profitiert, und es gibt bei der staatlichen Unterstützung ganz klar Raum nach oben.»


Thomas Ankenbrand von der Hochschule Luzern zieht aus seiner IFZ Fintech Study 2016 den Schluss: «In der Schweiz werden weiterhin grosse Anstrengungen nötig sein, um attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen und im globalen Wettbewerb bestehen zu können». Das Fazit der Studienautoren schliesst dennoch mit einer positiven Note: Der Schweizer Fintech-Markt sei international wettbewerbsfähig und habe sich für weiteres Wachstum gut positioniert.






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Swisscom erhebt monatlich eine Marktübersicht inklusive Kategorisierung Fintech Startups in der Schweiz.

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