Wie man sich die Vernetzung der Dinge zu Nutze macht

IoT: Innovationsprozesse in Unternehmen

Internet der Dinge: Swisscom und Feldschlösschen vernetzen das Bier


Feldschlösschen zapft das Internet der Dinge an und vernetzt so seine Biertanks und Zapfhähne. Wie bringt man als Branchen-Fremdling solche innovativen Projekte zustande? Projektbeteiligte geben Auskunft.





Noch bis vor Kurzem überprüfte der Barbetreiber Markus A. den Pegelstand in seinem Biertank, indem er im Taschenlampenlicht durchs Guckloch schielte. Vergass er dies vor dem Wochenende, konnte es vorkommen, dass ihm das Bier ausging. Heute braucht er sich nicht mehr darum zu kümmern. Sein vernetzter Biertank misst den Füllstand und sorgt bei Bedarf selbstständig bei Feldschlösschen für Nachschub. Neuerdings vernetzt die Feldschlösschen Getränkegruppe auch Zapfhähne, an denen die Konsumenten ihre nachfüllbare Flasche befüllen lassen können. Die flexibel aufstellbaren Beer Stations registrieren, wann wo welches Bier gezapft wird und informieren über den aktuellen Füllstand.

Die vernetzten Geräte und Anlagen bringen sowohl für Kunden, aber auch für die Feldschlösschen Getränkegruppe einen Mehrwert. «Wir steigern damit die Effizienz, da wir nun tausende Lieferantenkilometer einsparen. Zudem konnten wir die Nachhaltigkeit verbessern», sagt Manfred Weiss, Service Director bei der Feldschlösschen Getränkegruppe. Doch wie kommt ein Getränkehersteller überhaupt auf die waghalsige Idee, seine altbewährten Anlagen zu vernetzen und sich das Internet der Dinge zu Nutze zu machen?



Beer Station



«Es braucht Offenheit, Motivation, ein agiles Team und Risikobereitschaft»

«Eigentlich haben uns die Kunden darauf gebracht, eine bessere Lösung für die Visualisierung der Bier-Füllstände zu finden. Ein Grund war aber auch, dass wir die Effizienz bei den Lieferungen verbessern wollten», sagt Manfred Weiss. Im kleinen Projektteam kam man bald auf die Idee, das Problem mit einer IoT-Lösung anzugehen. Bis es allerdings so weit war, mussten einige Hürden genommen werden. «Interne Widerstände gibt es natürlich bei solchen Projekten», sagt Weiss. Deshalb sei ein gutes Change Management wichtig, die Mitarbeitenden von Anfang an ins Boot zu holen, transparent zu kommunizieren und Leidenschaft für das Projekt zu zeigen. Elementar sei auch, dass die Unternehmensführung bereit sei, bei einer solchen Pionierarbeit ein gewisses Risiko einzugehen und vor allem: eine agile Arbeitsweise für die beteiligten Teams.



Manfred Weiss, Service Director bei der Feldschlösschen Getränkegruppe



Das klingt einleuchtend, doch was heisst das konkret? «Ein solches Projekt wäre mit der eigenen IT-Abteilung niemals machbar gewesen. Mit der IoT-Idee verliessen wir die herkömmlichen Pfade und arbeiteten sehr schlank, hielten die Administration möglichst klein und setzten bei beiden Projekten den Fokus auf die Umsetzung. Analysen und Strategien haben wir schliesslich sonst schon genug, wir erstellten weder Pflichtenhefte noch Funktionsbeschreibungen oder Requirement-Listen», sagt Manfred Weiss.

Bei den Beer Stations war diese Arbeitsweise sehr erfolgreich. «Wir konnten das Projekt strategisch so durchziehen, wie es geplant war», versichert Weiss. Technische Hindernisse gab es trotzdem. Die Probleme lagen etwa im Datentransfer zwischen der Beer-Station-Hardware und der Schnittstelle zum IoT-Modul, welcher aufgrund der Firmware anfänglich nicht gut funktionierte. «Bei den Beer Stations setzten wir den Fokus noch stärker auf die Kosten und die Geschwindigkeit als bei den vernetzten Tanks.» Dies schlug sich in der Entwicklungsgeschwindigkeit nieder: Bei der Softwareentwicklung wurden aus den Ideen direkt Mockups generiert, und bei den Beer Stations wurde nach den kurzen Tests mit dem ersten Prototyp gleich ein zweiter konstruiert, danach eine Kleinserie für Testkunden produziert. «Das hat sich zwar bewährt, doch ist eine Lehre daraus, dass künftig eine Pilotphase gemacht werden sollte, in der die Prototypen lange genug getestet werden, bevor der Rollout beginnt», sagt Weiss. Dazu gegenläufig sei allerdings die Zeit: «Die Time to Market verlängert sich so zwangsweise.»


«Ohne Partner geht es nicht»



Jaap Vossen, Head of IoT bei Swisscom



Seit einigen Jahren beteiligt sich Feldschlösschen beim Start-up-Unternehmen Softwarebrauerei AG, die auch für die Beer-Station-Software, die Dashboards und die Website für die Kunden zuständig ist. «Wir arbeiten eng zusammen, die Wege sind kurz und die Administration klein», sagt Weiss. Auch mit Swisscom arbeitet Feldschlösschen nicht im sonst üblichen «Lieferantenverhältnis» zusammen. Es handelt sich dabei mehr um eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren. «Je nach Bedürfnis und vorhandenem Know-how entwickeln wir entsprechende Lösungen zusammen mit dem Kunden und unterstützen sie beim Innovationsprozess», sagt Jaap Vossen, Head of IoT bei Swisscom. «Wir bieten eine komplette End-to-End-Betreuung für IoT-Projekte an. Wir stellen nicht nur die Infrastruktur zur Verfügung, sondern unterstützen bei der Integration der vernetzten Geräte ins Ökosystem eines Unternehmens über die Anbindung in die Cloud bis zum Betrieb und Support.» Weil Feldschlösschen ein Getränkehersteller und kein IoT-Spezialist ist, war die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Partner umso wichtiger. Eine genaue Rollenverteilung ist dabei aber unabdingbar. «Ist die digitale Reife des Unternehmens noch nicht weit fortgeschritten, übernehmen wir üblicherweise mehr Aufgaben», so Vossen. Ein weiterer Partner ist die österreichische Redl GmbH, die zusammen mit Feldschlösschen die Hardware der Beer Station, also den eigentlichen Zapfhahn entwickelt hat.



Die App myBeer informiert Gastwirte u. a. über den aktuellen Bier-Pegelstand.



«IoT bedeutet nicht bloss, Dinge zu vernetzen»

«Manche Unternehmen gelangen mit einer Idee oder mit einer konkreten Fragestellung an uns. Sie gehen davon aus, dass IoT die Lösung für ihr Problem sein kann, doch wie diese Lösung genau aussieht, wird erst im Laufe des Projekts klar», erklärt Jaap Vossen. Auch er betont, dass es eine offene Haltung und eine agile Arbeitsweise braucht, denn nicht alle Projektdetails lassen sich von Anfang an definieren. «Es ist relativ einfach, einzelne Geräte zu vernetzen. Doch wenn viele Geräte in ein Ökosystem integriert werden sollen, geht es nicht ohne entsprechendes Know-how und die Erfahrung aus ähnlichen Projekten», sagt Thomas Winkler, Product Manager IoT bei Swisscom. Ein Fehler vieler Unternehmen sei, dass sie sich nur wenig Gedanken darüber machen, wie ihr herkömmliches Produkt, das in einer neuen Version intelligent gemacht werden soll, die Prozesse in anderen Unternehmensbereichen verändern kann. «IoT bedeutet nicht bloss eine Effizienzsteigerung für genau dieses Produkt und die beteiligten Prozesse. Es kann sein, dass mit der Einführung von IoT der Fokus von der Produktion mehr auf die Dienstleistung verlegt wird», sagt Winkler. Mit der Vernetzung können beispielsweise dank Fernwartung die Serviceleistungen komplett umgekrempelt werden; oder dank der Analyse von anfallenden Daten kann das Kundenverhalten gemessen werden, was sich auf das Marketing auswirken kann.



Thomas Winkler, Product Manager IoT bei Swisscom



Deshalb lässt sich ein IoT-Projekt meist nicht isoliert betrachten, sondern muss auf die ganze Organisation abgestimmt werden. Wichtig sei es, dass sich der Kunde klar darüber wird, worauf er den Fokus setzt. Jaap Vossen spricht aus Erfahrung: «Die meisten Kunden haben viele Ideen. Die Schwierigkeit besteht darin, sich einzuschränken. Unsere Aufgabe ist es, die Kunden darauf aufmerksam zu machen, dass die Vernetzungen grosse Veränderungen im Betrieb hervorrufen können.»


«Irgendwann wird alles vernetzt sein»

Die Nutzung von IoT steht grundsätzlich allen Branchen offen. International setzen vor allem die Auto- und Energieindustrie auf diese neue Technologie. In der Schweiz sind es innovative Unternehmen aus allen Branchen sowie Start-ups, die IoT vorantreiben und mit digitalisierten Business-Modellen eine Effizienzsteigerung erreichen oder Workflows optimieren. Die Technologie führt somit auch in Branchen zum Erfolg, in denen die Vernetzung der Dinge bisher noch keine grosse Rolle spielte. Deshalb sollten sich Unternehmer auch in wenig digitalisierten Gebieten im Klaren darüber sein, dass für ein altes Problem plötzlich auch ganz neuartige Lösungen genutzt werden können. «Manchmal ist es sogar die einzig richtige Lösung», sagt Jaap Vossen, womit er die Dringlichkeit für IoT in der zunehmend digitalisierten Welt unterstreicht. In welchen Bereichen man mit dem Anschluss der Produkte und Dinge ans Internet beginnt, scheint unwichtig, denn «irgendwann einmal werden ohnehin alle Produkte und Gegenstände vernetzt werden.»







Swisscom begleitet die IoT-Reise


Swisscom organisierte das gesamte Datenmanagement der IoT-Projekte von Feldschlösschen. Das in den Beer Stations integrierte IoT-Kommunikationsmodul sorgt einerseits für die Fernsteuerung, andererseits für die Datenakquisition. So ist direktes Kundenfeedback zum zeitlichen und räumlichen Nutzungsverhalten möglich.


Zuständig für die Verwaltung der Bierstationen ist die Application Enablement Platform (AEP) von Swisscom. Diese speichert alle Sensor- und Gerätedaten zentral in der Swisscom Cloud. Die Datenübertragung wird über IoT-SIM-Karten von Swisscom über die Connectivity Management Platform (CMP) abgewickelt. Unternehmen können ihre eigenen IoT-Anwendungen mit dem AEP-Developer-Kit testen und weiterentwickeln. Für den Einstieg und eine professionelle Begleitung auf der IoT-Reise stehen die IoT-Experten von Swisscom für persönliche Gespräche oder im IoT-Workshop jederzeit zur Verfügung.


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