Künstliche Intelligenz im Design

Künstliche Intelligenz in kreativen Berufen 

Wie kreativ kann künstliche Intelligenz sein?


Künstliche Intelligenz ist kreativ geworden: Dank maschinellem Lernen erschaffen Computerprogramme Musik, Texte und Bilder. Auch im Design kommt sie zum Einsatz. Zumindest teilweise.


Text: Christoph Widmer, Bilder: © Alamy, 29. September 2017




Eines vorweg: Dieser Artikel wurde nicht von einem Computer verfasst. Das mag selbstverständlich klingen – ist es aber nicht. Denn wer sich die «Los Angeles Times» ansieht, wird schnell eines Besseren belehrt: Dort sind bereits Roboterjournalisten im Einsatz, die einfache, faktenbasierte Meldungen zu Erdbeben schreiben – und zwar in Rekordzeit. Und andernorts verfassen sie Sportresultate oder Finanzberichte. Künstliche Intelligenz (KI) macht kreatives Arbeiten möglich.

Die intelligenten Maschinen von heute können längst mehr, als Menschen im Schach zu schlagen: Watson, der Supercomputer aus dem Hause IBM, diagnostiziert seltene Erkrankungen präziser als jeder menschliche Arzt. Doch Watson kreiert auch Trailer für Spielfilme. Und mithilfe der Algorithmen «Flow Machines» veröffentlichen Wissenschaftler des Sony Computer Science Laboratory in Paris erste Musikstücke – komponiert von einer Software. So hält KI bereits in vielen kreativen Berufen Einzug: «Vor allem im Bereich Webdesign verwenden Anbieter wie The Grid oder Wix einfachere KI», erklärt Olivier Heitz, Senior Product Designer, Artificial Intelligence & Machine Learning Group von Swisscom. «Die KI erkennt, welche Templates für welchen Anwendungsfall am besten geeignet sind. So können sich kleinere Unternehmen oder Privatpersonen für wenig Geld eine Webseite generieren lassen, die nicht aus einer Vorlage, sondern als ‘custom solution’ erstellt wurde.»


Der Designer entwickelt, die KI schuftet

Von intelligenter Software könnten aber auch Designer profitieren. Da sie in der Regel nutzerorientiert arbeiten, betreiben Designer im Vorfeld viel Recherche, holen User Feedback ein und definieren eine klare Problemstellung. Daraufhin entwickeln sie verschiedene Lösungsansätze, erstellen Prototypen, testen, verwerfen, konkretisieren. Überarbeitungen und Iterationen sind so an der Tagesordnung: «Oft gelangt man an einen Punkt, wo man viele gestalterische Varianten ausprobieren muss, um weiterzukommen», erklärt Heitz. «Durch unproduktive, repetitive Arbeit geht aber sehr viel kreative Kraft verloren. Wenn man ein wenig dieser Arbeit einer Künstlichen Intelligenz überlassen kann, wäre das tatsächlich ein grosser Fortschritt.»

Auch beim Moodboard könnte KI helfen. Es kommt meist bei der Ideenfindung zum Einsatz: Auf dem Moodboard sammeln Designer Fotos, Zeichnungen, Farben, Materialien oder Texte, um die Stimmung und Wirkung ihres Konzepts festzuhalten. Bereits hier wäre KI denkbar: «Es gibt sehr viel Theorie über Grössenverhältnisse, die Wirkung von Schriften, Farben oder Layouts», erklärt Heitz. «KI könnte aufgrund dieser Regeln konkrete gestalterische Vorschläge machen.»


Schleimpilze prägen Flugzeugteile

Im Industriedesign hält KI ganz konkret Einzug; so hat Autodesk, ein Softwareunternehmen für digitales 2D- und 3D-Produktdesign, unlängst das Project Dreamcatcher vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Software für sogenanntes Generatives Design: Nicht der Designer, sondern ein programmierter Algorithmus erzeugt das gewünschte Ergebnis. Bei Dreamcatcher gibt der Nutzer lediglich Zielvorgaben wie funktionelle Anforderungen, Materialtypen, Herstellungsmethoden oder Kosteneinschränkungen an. Danach durchläuft das System eine Datenbank und entwickelt entsprechende Vorschläge. Dreamcatcher nutzt dafür Algorithmen, die sich an der Natur orientieren und nachahmen, wie gewisse Formen im Laufe der Evolution erhalten oder verworfen wurden. So erzeugt die Software komplexeste Formen, die viel belastungsfähiger sind als herkömmliche Konstruktionen. Mit Dreamcatcher wurden schon Stühle, Chassis für Rennwagen und Flugzeugtrennwände erstellt. Bei Letzteren standen Wachstumsmuster von Schleimpilzen und die Struktur von Säugetierknochen Pate.



One-Stop-Shop für AI

Das Swisscom Kompetenzzentrum für angewandte Artificial Intelligence bietet Unternehmen alles, was es für die rasche und erfolgreiche Umsetzung von Projekten rund um künstliche Intelligenz braucht: Von der Beratung über die richtige Technologie bis zur Integration.

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Das Project Dreamcatcher von Autodesk generiert dank künstlicher Intelligenz verschiedene Design-Vorschläge.



Künstliche Intelligenz ist aber noch nicht in allen Design-Sparten angelangt: Wer professionell digitale Produkte wie Webseiten oder User Interfaces gestaltet, findet kaum geeignete KI-Tools: «Wenn ich heute Apps oder Webseiten designe, dann gibt es in Sachen KI noch nichts, dass ich unbedingt brauche», erklärt Heitz. Tatsächlich würde man in diesem Bereich seit 15 Jahren mit denselben Programmen arbeiten, die Adobe-Suite mit Software wie Illustrator oder Photoshop sei in vielen Unternehmen nach wie vor der Standard.

Das kann sich aber ändern. Laut Heitz machen Design-Schulen ihre Studenten immer stärker mit den Technologien vertraut. Dieses Know-How ist wichtig, um KI im Design weiterzuentwickeln: «Es liegt an uns, was als nächstes kommt», sagt Heitz. «Je mehr wir Kreativschaffende mitreden und uns einmischen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die nächsten Tools auch wirklich hilfreich sein werden.»





Maschinelles Lernen


Hinter heutiger KI steckt das Prinzip vom maschinellen Lernen: Der Computer oder die Software generiert selbstständig neues Wissen aus Erfahrung. Die Systeme analysieren Daten und finden mithilfe selbstlernender Algorithmen Muster, Gesetzmässigkeiten oder Unterscheidungsmerkmale. Der Programmierer gibt Rückmeldungen und optimiert das System. So wird die KI mit jedem Durchlauf genauer. Aufgrund ihrer Erfahrung kann KI schliesslich Daten miteinander verknüpfen, Zusammenhänge feststellen, Rückschlüsse ziehen oder Vorhersagen treffen.





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