AI-Standort Schweiz


Künstliche Intelligenz

«Die Schweiz ist ein AI-Hotspot»


Weltweit boomt die Forschung für künstliche Intelligenz (KI) – und die Schweiz ist ein wichtiger Hotspot, wie ein Blick auf die «Swiss Artificial Intelligence Startup Map» zeigt. AI-Startups schiessen wie Pilze aus dem Boden, die Szene wächst rasant. Dies hat diverse Gründe.


Text: Jörg Rothweiler, 10. Oktober 2017




Robotics, Healthcare und Life Sciences sowie FinTech und InsurTech sind die drei wichtigsten Branchen, in denen Schweizer AI-Startups aktiv sind. Gefolgt werden die drei Spitzenreiter von Business Intelligence, Speech und Image Recognition und Machine Intelligence. Diese Verteilung ist kein Zufall: Hierzulande finden Startups ideale Rahmenbedingungen – und vor allem starke Partner in der Wirtschaft.

Das Geheimnis für den Boom lautet: Kooperation. Einerseits unterstützen Spin-off-Services von Forschungseinrichtungen, etwa der EPFL oder der ETH, die Startups, machen diese fit für Investoren. Andererseits helfen Konzerne mit Entwicklungspartnerschaften. Ein Beispiel ist Swisscom, die als aktives Mitglied der AI-Community zweigleisig unterwegs ist: Auf der Ebene der universitären Forschung unterhält der Telekom- und ICT-Konzern ein eigenes AI-Lab an der EPFL Lausanne. In diesem wurde beispielsweise das «Intelligent Voice Browsing-System» entwickelt, das Swisscom Ende 2017 präsentieren will. Seit über 5 Jahren setzt Swisscom besonders intensiv auf die Zusammenarbeit mit Start-ups. Im PiratesHub der Digital Business Unit (DBU) kommen Swisscom Mitarbeiter und AI-Startups zusammen. Das Ziel: Die Bündelung der Stärken für schnellere, kostengünstigere Innovation.





Ideale Grundvoraussetzungen

Ein Rezept, das funktioniert, wie Metin Zerman, Open Innovation Manager der DBU, erklärt. Zusammen mit der Artificial Intelligence & Machine Learning Group erstellt er quartalsweise die «Swiss Artificial Intelligence Startup-Map», eine Übersicht über die rund 100 wichtigsten Schweizer AI-Startups, gegliedert nach Betätigungsfeldern. Zerman weiss genau, weshalb, wo und in welchen Branchen AI in der Schweiz boomt.

Er verrät: «Überall, wo Unternehmen direkte Nachbarn von Hochschulen und Forschungsinstituten sind, die AI-Spitzenforschung betreiben und Talente aus aller Welt anlocken, geht die Post ab. Gut 60% aller Startups der Swiss Artificial Intelligence Startup-Map sitzen in Zürich, 16% in Lausanne und je rund 7 % in Genf, Bern oder Basel. In diesen Ballungsräumen treffen sie auf eine hohe Dichte von Acceleratoren, Inkubatoren und Investoren. Zudem sind sie dort nahe dran an Deutschland und Frankreich – beides sehr gute und wachsende Märkte für AI-Startups.»

Die Schweiz bietet ideale Grundvoraussetzungen für den AI-Boom: Die moderne Infrastruktur inklusive zentraler Enabler-Technologien wie Cloud, Open Source, Konnektivität und Real-Time-Vernetzung, politische Stabilität, Pioniergeist und Investitionsfreude, aber auch traditionelle Schweizer Stärken wie Ingenieurskunst, Feinmechanik und Mechatronik. «Letzteres ist nicht nur für die Robotik unabdingbar», betont Zerman.



Metin Zerman, Open Innovation Manager der DBU



Mässige Kommerzialisierung

Überdies gibt es in der Schweiz auffallend viele grosse AI-Akteure – neben Swisscom auch Banken, Versicherer, die SBB, Healthcare-Anbieter, ja sogar Städte wie Zürich. Diese haben erkannt, dass partnerschaftliches Miteinander der Schlüssel zum Erfolg ist. Die Forschung erarbeitet die Grundlagen. Die Startups entwickeln schnell und agieren hochflexibel. Den stärksten Hebel aber haben die grossen Firmen. Sie sind die Enabler, die Startups begleiten, Forschung finanzieren und AI-Technologien letztlich kommerzialisieren. «Erst dieser Markterfolg macht Neues überhaupt zu Innovation», so Zerman.

Genau mit der Kommerzialisierung hapert es allerdings noch, kritisiert Zerman. Zwar würden die Use- und Business-Cases der Startups immer konkreter. Doch sähen längst nicht alle Startup-Gründer ein, warum die erfolgreiche Kommerzialisierung das oberste Gebot sein müsse. «Die Startups brauchen nicht nur disruptive Ideen und Konzepte. Das Ziel muss der Markterfolg sein – und der Wille zum Durchskalieren.»


Die Schweiz braucht Willenskraft

Trotz aller Dynamik in der AI-Szene ortet Zerman aber auch strukturelle Herausforderungen, die bremsend wirken: «Die Schweiz agiert eher langsam, schottet sich in einigen Bereichen bisweilen zu stark ab. Doch statt Inklusion und Stabilität braucht es Disruption und Flexibilität.» Insbesondere setze der Datenschutz AI-Lösungen enge Grenzen. Dabei seien datenzentrische Anwendungen ebenso unumgänglich wie ein genereller Kulturwandel. Studien prophezeien der Schweiz bis 2025 rund 270´000 neue Stellen durch Automatisierung und AI. Die zugehörigen Technologien werden den ganzen Planeten umkrempeln – auch die Schweiz. Sie wird, wie jedes andere Land, händeringend nach Fachkräften suchen. Daher ist ein grundlegender Strukturwandel nötig, um international wettbewerbsfähig zu bleiben und nicht den Anschluss zu verlieren.

Wirtschaft, Politik und Forschung sind diesbezüglich gleichermassen gefordert. Denn die internationale Strahlkraft des AI-Hotspots Schweiz lockt AI-Player aus aller Welt an, die in Konkurrenz zu Schweizer Firmen um Hochschulabsolventen und Fachkräfte buhlen, Intelligenz und Wissen abschöpfen oder gleich ganze Startups kaufen.

Die Schweiz braucht jetzt vor allem den Willen, AI-Pionier zu sein und es auch zu bleiben: «Sie darf sich international nicht verstecken – und braucht es übrigens auch nicht», betont Zerman. Und sie sollte nicht einfach Ansätze aus dem Silicon Valley kopieren, wie das andere tun. Die Schweiz kann es mit dem eigenen Weg ebenso gut, oft sogar besser. Sie sollte daher auf die eigene Identität und die eigenen Stärken vertrauen.



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