Big Data wird immer grösser





Kolumne: Big Data

Der Fischer und das Datenmeer


Was macht ein «Data Scientist» eigentlich? Und sollten wir vor ihm Angst haben?


Christoph Hugenschmidt,




Als ich zum ersten Mal von «Big Data» las, dachte ich: «Jaja.» Und schwupp war «Big Data» aus meinem von Schlagwörtern verstopften Gehirn gelöscht. Erinnern Sie sich an «Web 2.0»? Oder an «Second Life»? Eben.


Aber «Big Data» ist immer noch da und wird immer grösser. Der Begriff hat sich vom Schlagwort aus Marketinghirnen zur Kurzbeschreibung eines Paradigmenwechsels gewandelt. «Big Data» hat unser Leben verändert und wird es noch mehr tun, denn es geht um die Art und Weise, wie Menschen, Maschinen, Firmen und Staaten Dinge herausfinden, Fragen beantworten, Fakten feststellen, Prognosen machen, Wissen erarbeiten und irgendetwas – zum Beispiel Heizungen von Einfamilienhäusern oder Flotten von Walfängern – steuern.


Stellen Sie sich vor, Sie seien Sockenfabrikant: Um herauszufinden, welche Farben die Socken für den Beneluxmarkt im nächsten Frühjahr haben sollten, baten Sie früher die IT-Abteilung, ab sofort Daten über die verkauften Socken, ihre Farben, die Jahreszeit und die Region zu sammeln und dann zu analysieren. Bis die Antworten da waren, hatten Sie schon wieder andere Fragen und ausserdem waren die Antworten sowieso falsch, weil Sie vergessen hatten, den IT-Leuten zu sagen, dass «marineb. und «bleu azure» das Gleiche ist.

Christoph Hugenschmidt

Der Journalist und Verleger hat vor zehn Jahren die Online-Zeitung «inside-it.ch» gegründet. Er hat seit 1978 mit Computern zu tun und weiss immer noch nicht, ob sie gut oder böse sind.


«Big Data wird immer grösser. Der Begriff hat sich vom Schlagwort aus Marketinghirnen zur Kurzbeschreibung eines Paradigmenwechsels gewandelt.»


Morgen werden Sie einen «Data Scientist» holen. Der wird sein Netz in die «Sea of Data» auswerfen. Er wird Daten der Sockenhändler (Farbe, Verkaufsdaten) mit historischen Wetterdaten, «Sentiment Analysis» von Sockenträgern aus Twitter und Facebook, der Analyse von Modezeitschriften, dem E-Mail-Verkehr der letzten fünf Jahre Ihrer Verkäufer mit den holländischen Sockenläden sowie einer Analyse aller Selfies mit besockten Füssen von 15-jährigen Jugendlichen aus den Beneluxstaaten auf Facebook kombinieren.


Und Big Data kann noch mehr: Für die automatische Steuerung von Ampeln werden Maschinen die Fotos von Nummernschildern unendlich vieler Tunnelkameras aus dem Gubrist auslesen, sie mit Ferienkalendern, Daten von Tankstellen und Wetterdaten kombinieren und so dem Verkehr aus der Nordwestschweiz zur rechten Zeit etwas mehr Rotphase geben, um den Totalstau am Gotthard zu verhindern. Geheimpolizeien werden in der «Sea of Data» fischen und herausfinden, wer die verbotenen Sendungen aus dem Ausland alleine und wer sie zusammen mit den Nachbarn anschaut. Das unzuverlässige und teure Spitzelheer der früheren Zeiten brauchen sie dazu nicht mehr.


Unablässig wird die «Sea of Data» von Zuflüssen gespeist: Fotos in sozialen Netzwerken, Aufzeichnungen von Trilliarden von Sensoren, E-Mails, Telefongespräche, öffentliche Daten wie Sitzungsprotokolle von Behörden und Grundbücher, ärztliche Behandlungsprotokolle, Wörterbücher. Wer auch immer weiss, wie man darin Netze auswirft, wird mehr herausfinden, als wir als einzelne Personen überhaupt auch nur fragen können.


Ist das gut oder schlecht? Das kommt auf die Absichten des Fischers und seiner Auftraggeber an. Fragen Sie Ihren «Data Scientist».





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