Interview Christian Petit

Digitalisierung

«Wir Schweizer sind oft zu vorsichtig»


Die Digitalisierung ist für die Schweizer Wirtschaft eine riesige Herausforderung. Welche Branchen vorne mitmischen müssen und warum künftig mehr unreife Produkte lanciert werden, erklärt Christian Petit, verantwortlich für das Grosskundengeschäft der Swisscom.


Hansjörg Honegger, 17




Hansjörg Honegger: Sie sind in Ihrer Funktion in nahem Kontakt zu den Grosskunden von Swisscom. Was treibt diese Firmen im neuen Jahr um?


Christian Petit: Das wichtigste Ziel vieler Unternehmen ist die langfristige Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit im In- und Ausland und die Erhöhung ihrer Effizienz.


Das ist aber nichts Neues. Was heisst das konkret zum jetzigen Zeitpunkt?


Ich bin der Überzeugung, dass die Digitalisierung den Unternehmen ermöglicht, beide Ziele zu erreichen. Sei es durch die Entwicklung von neuen digitalen Geschäftsmodellen oder mittels Effizienzgewinn durch Prozessautomatisierung. Es gibt übrigens Analysen die zeigen, dass mittels Digitalisierung Einsparungen von bis zu 90 Prozent möglich sind.

Christian Petit, Leiter Geschäftsbereich Enterprise Customers

Christian Petit leitet seit 2014 den Geschäftsbereich Enterprise Customers bei Swisscom (Schweiz) AG und ist Mitglied der Konzernleitung. Im Jahr 2000 wechselte er von Debitel zu Swisscom. Er bekleidete verschiedene führende Positionen, u.a. von 2007 bis 2013 als Leiter Geschäftsbereich Privatkunden, wo er für die Einführung von Swisscom TV und die Neugestaltung der Swisscom-Shops verantwortlich war. Christian Petit besitzt ein MBA ESSEC (Ecole Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales) aus Cergy Pontoise, Frankreich.


Das ist kaum zu glauben.


Heute ist es möglich, Fabriken zu bauen, die komplett automatisiert sind, bis tief in die Logistik und die Verwaltung. Solche Lösungen stehen für viele Unternehmen zur Diskussion. Es verlangt eine genaue Analyse der Möglichkeiten.


Das heisst aber auch einen Abbau von Arbeitsplätzen.


Ich sehe es positiver. Man könnte auch sagen, dass diese Firmen nicht abwandern, sondern in der Schweiz bleiben und hier hoch qualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Ich glaube, dass gewisse Jobprofile in Zukunft verschwinden – doch dafür werden neue geschaffen. Diese Entwicklung zeigte sich bei jeder technologischen Revolution und wird auch dieses Mal ähnlich verlaufen.




Wo positioniert sich Swisscom in diesem Wandel?


Wir begleiten unsere Kunden in die Digitalisierung. Wir haben vier grossen Themenbereiche identifiziert: Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die Gestaltung der Kundenerlebnisse, die Automatisierung der Geschäftsprozesse und die Einführung neuer Arbeitswelten in den Firmen.


Alles Dinge, die Swisscom auch selbst tun muss.


Richtig, wir stehen selbst vor diesen Herausforderungen. Wir sind entsprechend nicht einfach nur Berater, sondern wir setzen alle diese Dinge – übrigens schon seit einigen Jahren - selbst um.


Sind die Swisscom-Privatkunden sowas wie Versuchskaninchen für das Grosskundengeschäft?


Nein, das Privatkundengeschäft ist viel zu wichtig für Swisscom. Unsere Grosskunden schätzen es aber sehr, dass wir aus Erfahrung reden.


«Es gibt Analysen die zeigen, dass mittels Digitalisierung Einsparungen von bis zu 90 Prozent möglich sind.»


Gerade bei der Software-Entwicklung ist Tempo ausschlaggebend. Sind Schweizer Firmen fit genug in dieser Hinsicht?


Es gibt ein Spannungsfeld zwischen schnellem Go to Market und dem Reifegrad eines Produkts. Wahrscheinlich sind wir Schweizer oft zu vorsichtig und wollen zu viel. In Zukunft werden aber vermehrt Produkte im Markt lanciert werden, die nicht voll ausgereift sind und die gemäss den Kundenfeedbacks weiterentwickelt oder wieder eingestellt werden. Wir sprechen hier von Minimum Viable Products (MVP).


In welchen Branchen sehen Sie die Schweiz eher vorn in Bezug auf die Digitalisierung und wo hinken die Firmen hinterher?


Alle Branchen, die sich internationaler Konkurrenz stellen müssen, sind gezwungen, vorn mitzumischen. KMU im Bereich Industrie, aber auch Grossfirmen in Chemie und Pharmazie sind sehr weit vorn. In Branchen, die ein Heimspiel haben, wie beispielsweise Energie oder zum Teil auch Banken, sehen wir weniger deutliche Fortschritte.




Gibt es einen Unterschied bei den Firmengrössen?


Nein, Digitalisierung muss nicht teuer sein und kann auch in kleineren Schritten umgesetzt werden. Grössere Firmen haben im Gegenteil den Nachteil, dass ihre Strukturen sehr viel komplexer sind und sie darum weniger beweglich sind.


Das Risiko, auf einen Hype zu setzen, ist doch recht gross im Moment. Was ist Ihre Empfehlung an die Unternehmen?


Die Firmen sollten sich unbedingt mit den neuen Technologien beschäftigen. Es ist die Zeit des Ausprobierens und der kleinen Schritte. Und man sollte da beginnen, wo es schmerzt. Das kann beim einen Unternehmen der Kontakt zum Kunden sein und beim anderen Unternehmen eine Veränderung der Arbeitskultur.


«Kleinere Firmen haben durch die Digitalisierung einen Vorteil»


Wie findet ein Unternehmen diese Painpoints und die entsprechenden Lösungen? Die Erfahrung fehlt ja.


Viele Kunden wissen, wo sie der Schuh drückt. Ein Berater kann technologisch unterstützen und für die nötige Ruhe sorgen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Swisscom hat in der Schweiz nach Google das grösste Entwicklungsteam für künstliche Intelligenz. Von diesem Wissen profitieren unsere Kunden.


Wohin wird sich Swisscom in den nächsten Jahren entwickeln?


Swisscom wird vermehrt die IT-Infrastruktur für die Kunden betreiben. Gleichzeitig begleiten wir unsere Kunden auf dem Weg zu einer agileren IT, die nah an den Bedürfnissen der Unternehmensbereiche ist.


Das traditionelle Geschäft mit dem Netz ist nicht mehr interessant?


Im Gegenteil. Das bleibt sehr wichtig. Cloud-basierte Netze erlauben es uns, komplexe Netzlösungen sehr schnell zu entwickeln und auszurollen. Vor drei Jahren dauerte das Wochen, heute Tage und in Zukunft noch Minuten.


Wie nimmt man die Belegschaft mit, wenn sich die Arbeitswelt so rasend schnell verändert?


Die Mitarbeitenden wissen, dass sich vieles verändert. Das Management muss aber erklären, wohin die Reise geht und wie es seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Transparenz ist sehr wichtig.


Wie wecken Sie die Begeisterung der Mitarbeiter, auch wenn die Arbeitsstelle bedroht ist?


Begeisterung ist nicht schwierig zu wecken in einem so spannenden Umfeld. Aber die Mitarbeiter müssen auch an sich glauben, eine positive Einstellung haben und wissen, wo sie in fünf Jahren stehen wollen. Das ist Teil der Eigenverantwortung und kann nicht an den Arbeitgeber delegiert werden.


«Wir müssen bewusst entscheiden, ob wir alles tun, was möglich wäre»


Wie hat sich durch die Digitalisierung Ihre Art, Mitarbeiter zu führen, verändert?


Mitarbeiter wollen heute Führungskräfte haben, die als Coach auftreten. Vorgesetzte sollen ihre Mitarbeiter befähigen und den Weg freimachen.


Das ist nichts Neues, das wünschten sich die Angestellten schon vor 40 Jahren.


Heute haben wir aber die Möglichkeit, das auch tatsächlich zu tun. Der direktive Führungsstil ist definitiv ein Auslaufmodell. Dazu gehört, dass auch ein Vorgesetzter zu seinen Fehlern steht.


Wo brennt Ihre persönliche Leidenschaft?


Bei der Ethik. Wie wir mit den anstehenden Veränderungen umgehen und was wir mit den technologischen Möglichkeiten tun. Heute diskutiert die Wissenschaft die Überwindung des Todes. Da stellt sich doch die Fragen: Sollen wir wirklich alles tun, was möglich ist? Hier entstehen für Führungskräfte unglaubliche Spannungsfelder: Wo setzen wir die Grenzen?


Wenn die Konkurrenz Grenzen sprengt und Geschäfte macht: Kann eine Firma wie Swisscom bewusst nein sagen?


Klar! Gerade Swisscom kann sich nicht alles erlauben. Wir müssen sehr bewusst diskutieren, was wir tun möchten und was eben nicht. Aber unter diesem Druck stehen wir schon länger.





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