World Web Forum 2017

World Web Forum 2017

Das Ende der Alphatiere


Die wohl grösste Herausforderung in Zeiten des Umbruchs sind nicht neue Technologien, sondern die zementierte Denkweise von Menschen: Sie nehmen naturgemäss häufiger Bedrohungen als Chancen wahr. Eine neue Denkart lässt sich nicht verordnen, die richtige Kultur führt jedoch zum gleichen Ziel. Führungspersonen sollten hier eine Vorbildfunktion einnehmen.


Text: Michael Lieberherr,




Am ersten Tag des World Web Forum 2017 präsentierten die Redner den über 1000 Besuchern die weichen Faktoren für die erfolgreiche Transformation. Mit einem C-Level-Anteil von fast 90 Prozent stiessen diese Tipps auf einen idealen Nährboden. So folgten dann auch Modell an Modell. Langjährigen Besuchern des Forums fällt auf, dass sich die Veranstaltung zum Leadership-Zirkel mit konformeren Themen entwickelt. Das Word Web Forum wird umfangreicher und vielfältiger, aber es verliert auch den leicht subversiven, avantgardistischen Charme. Vielleicht liegt es daran, dass die Digitalisierung nun endgültig in der Politik und in den Chefetagen angekommen ist.


Faul und selbstverliebt

Für die Verhaltenspsychologin Herminia Ibarra von Insead ist klar, woran wir in der Anpassung an neue Umstände meistens scheitern: In Bezug auf ihre Netzwerke sind "Menschen generell faul und narzisstisch". Viel zu oft würden Menschen nicht ihre Komfortzone verlassen, sondern nur den Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Die Qualität eines Netzwerks messe sich allerdings nicht an der Grösse, sondern an dessen Fähigkeit, neu anzuknüpfen. Mehr Vielfalt führe zu besseren Resultaten. Ein geschlossenes Netzwerk hat einen ähnlichen Effekt wie die Filterblase in einer Suchmaschine. Eine weitere Gefahr für die eigene Anpassungsfähigkeit: Wer zu lange mit demselben beschäftigt ist, läuft Gefahr, in die Kompetenzfalle zu laufen. Denn je besser man in seinem Job wird, desto grösser seien die Opportunitätskosten, um etwas Neues zu lernen. Insgesamt würden uns unsere Stärken in der eigenen Transformation mehr im Wege stehen als unsere Schwächen.


Dass der Mensch trotz Digitalisierung ein archaisches Wesen bleibt, demonstriert Mariann Goodwell von The Burning Man. Tausende Menschen ziehen sich jedes Jahr für eine Woche in die Wüste von Nevada zurück und leben dort auf Zeit das Ideal einer sozialen, konventionsfreien und gleichberechtigten Gesellschaft. Gemeinsam bauen sie an einem Ziel: einer meterhohen Holzskulptur, die am Ende abgefackelt wird. Auch sie betont, was die weichen Faktoren wie Zusammengehörigkeit und gemeinsames Schaffen bewirken. Die Non-Profit Organisation macht inzwischen 40 Millionen Dollar Umsatz. Was wohl die 68er-Hippie-Bewegung dazu sagen würde?



World Web Forum im Wandel

Über 1000 Besucher strömten dieses Jahr ans World Web Forum in Zürich. Neu fand es im Stage One in Oerlikon statt: Gross, hell und Lounges am Laufmeter. Das leicht subversive der letzten Jahre ist in den Hintergrund gerückt. Evolution oder Konformitätsdruck? Heute sind fast 90 Prozent der Teilnehmer Vertreter der Chefetage. Die Gentrifizierung des Forums lässt sich nicht übersehen - die Querköpfe, die Nerds und die Andersdenkenden machen zunehmend den Krawattenträgern Platz.

 

SRF Interview: Ideen für die Zukunft

1/6 Herminia Ibarra von Insead, Verhaltenspsychologin

2/6 Marian Goodell, The Burning Man

3/6 Jeff Eggers, langjähriger Berater von Barack Obama

4/6 Michael Wade, IMD Business School Lausanne

5/6 Ed Catmull, Mitbegründer von Pixar

6/6 Sir Tim Berners-Lee, geistiger Vater des World Wide Webs

1/6 Herminia Ibarra von Insead, Verhaltenspsychologin


Heldenhafte Führer auf falschen Fährten

Jeff Eggers, Ex-Navy Seal und langjähriger Berater von Barack Obama, sinniert über Leadership und die Neigung von Menschen, in Zeiten des Umbruchs starken, teils heldenhaften Führerfiguren zu folgen. Mit Beispielen aus seiner aktiven Zeit als Navy Seal illustriert er, wieso Selbstverantwortung in Teams mehr zählt als ein hierarchischer Führungsanspruch. Bei einem Angriff in Afghanistan hat sein Kommando fast zwei Soldaten verloren – nur die richtigen Entscheidungen des demokratisch geführten Rettungsteams haben ein Unglück verhindert. Die Parallelen zum letztjährigen Key Note Speaker David Marquez sind frappant. Auch er – ein U-Boot Kommandant in der amerikanischen Armee – plädierte für mehr Selbstverantwortung und -steuerung.


Ins gleiche Horn bläst Michael Wade von IMD Business School Lausanne. Erfolgreiche Führungspersonen verstehen sich heute vermehrt Coaches für mündige und selbstständige Mitarbeitende. Führungspersonen müssten heute bescheiden sein und akzeptieren, dass andere im Team mehr wissen als sie. Ausserdem sollten sie in der Lage sein, ihre Meinungen zu ändern. Besonders wichtig: Ein guter Chef gibt eine Vision vor und zeigt die generelle Marschrichtung an. Den Detailplan überlässt er seinen Mitarbeitern. Ausserdem ist er immer im Hörmodus. Fragen stellen und zuhören – der Gegensatz zum klassischen Führungsmodell könnte grösser nicht sein. Bevor sich die Mitarbeiter anpassen ist hier viel Arbeit an der Spitze notwendig.


Die Fragilität von Ideen

Besucher, die von Ed Catmull, einem der Gründer von Pixar, einen perfekten amerikanischen Pitch erwarteten, wurden enttäuscht. Nichtsdestotrotz präsentiert er für jene, die genau zugehört haben, die wohl überzeugendsten Argumente für die Wichtigkeit von Kultur. "Das Prinzip ist in vier Minuten erklärt – aber bis es alle verstanden haben, hat es vier Jahre gedauert", so Catmull. Er spricht über die "Fragilität von Ideen", die es zu schützen gilt. Menschen müssten sich wohl fühlen, damit sie ihre Ideen artikulieren können. Bei Pixar gibt es den sogenannten "Brain Trusts": Gruppen, die kreative Ideen in einer unvoreingenommenen Umgebung bewerten. Auch Catmull plädiert dafür, Fehler zu machen. Bemerkenswert jedoch, dass er nicht dem Mainstream folgt, sondern differenziert: Es gebe Fehler und Fehler. Jene, die man brauche zu lernen und jene, die bedrohlich sind und man vermeiden müsse. Steve Jobs, ein Mitbegründer von Pixar, sei ein Meister gewesen, aus seinen grossen Niederlagen zu lernen. Entgegen der weitverbreiteten Meinung sei er im Laufe seines Lebens emphatischer geworden und hätte Menschen mit bestem Storytelling gewinnen können. Empathie ist das Stichwort, mit dem sich viele in ihrer Führungsrolle schwertun.


Ed Catmull erzählt eindrücklich die Geschichte der kulturellen Transformation von Disney. Nach Lion King gelang über mehrere Jahre kein Blockbuster mehr. Nachdem Disney Pixar übernommen hatte, hätten sie zusammen an der Kultur gearbeitet und Menschen eben diese Sicherheit zurückgeben, Ideen zu artikulieren. In der Folge hatte Disney wieder an die alten Erfolge anknüpfen können – mit den exakt gleichen Menschen, die vorher jahrelang blockiert gewesen seien: "Die Talente waren da, man muss sie nur aufblühen lassen," so Catmull.


Der geistige Vater des World Wide Webs, Sir Tim Berners-Lee, demonstriert eindrücklich, was es heisst, wenn Mitarbeiter ihre Talente ausleben dürfen: Seine Vorgesetzten hätten lange gar nicht gewusst, woran sie arbeiteten. Das Resultat: Die Erfindung des WWW am Cern. Bernes-Lee zu seiner epochalen Erfindung: "Mich trieb der Frust über das Informationsmanagement. Auf jedem Computer musste ich die Daten anders zusammenklauben." Hyperlinks habe es bereits auf CD-Roms gegeben, wieso also nicht das gleiche Prinzip auf vernetzte Computer übertragen? Die Einfachheit des Prinzips ist bestechend. Für seine Idee hätte er schnell enthusiastische Menschen auf der ganzen Welt gefunden. Es sei der Geist einer grenzenlosen Zusammenarbeit gewesen, welcher die Leute motiviert hätte. Berners-Lee gesteht auch ein: "Wir waren naiv. Wir dachten, die Welt würde durch die Vernetzung besser werden, Menschen würden sich besser verstehen." Das Internet habe zum Beispiel mit Wikipedia grossartige Dinge hervorgebracht, aber leider auch negative. In der aktuellen Entwicklung laufen dem WWW-Gründer besonders die Silos geschlossener Plattformen wie Facebook oder LinkedIn dem Gedanken eines freien Webs zuwider.


Zusammenfassend fällt auf, dass Wunsch und Realität nicht immer zusammenspielen. Für Mitarbeiter und Führungskräfte sind KPIs, klare Vorgaben und etablierte Prozesse einfachere und bequemere Orientierungspunkte als die Arbeit an der Unternehmenskultur und sich selbst. Die vielen Beispiele der Redner demonstrieren jedoch eindrücklich welche Kraft die richtige Kultur in einem Unternehmen entfalten kann – besonders in Zeiten des Umbruches. Und Kultur wird massgeblich von der Spitze vorgelebt.






Experts live on Stage bei Swisscom


Jeff Eggers, Keynoter Speaker am WWF, Ex-Navy Seal und langjähriger Berater von Barack Obama, eröffnet die neue Veranstaltungsreihe "Experts live on Stage" im Swisscom Business Campus in Zürich. Er plädiert für Chefs mit emotionaler Intelligenz, die bescheiden sind und ihre Teams möglichst häufig selbst entscheiden lassen. Emphatische Leader könnten besser Kontakte knüpfen, würden dadurch besser kommunizieren und am Ende inspirieren.


Wie beurteilen die Teilnehmer die neue Reihe "Experts live on Stage" im familiären Rahmen?


Bettina Kurth, Swiss Life Leiterin HR Schweiz

"Ich nehme viel Gedankenstoff mit. Jeff Eggers Referat hat mich aufgewühlt, aber auf eine positive Art. Der Anlass ist wertvoll, der Experte man kommt einfach mit den Teilnehmern in Kontakt, die sich für die gleichen Themen interessieren."


Cornelia Albert, Zürich Versicherung, Project Manager

"Ich schätze die Nähe und die persönlichen Dialoge. Ich nehme aus dem Workshop vom Anlass mit: An gewissen Stellen muss man Organisationen Energie zuführen, an anderen Stellen Energie entziehen. Von Jeff Eggers nehme ich mit, dass eine Reorganisation ein Zeichen dafür ist, dass schon vorher etwas schiefgelaufen ist."


Thomas Grolp, Walter Meier AG, Leiter Intranet und Internet

"Mich hat beeindruckt, dass sogar eine solche Koryphäe wie Jeff Eggers sagt, dass ein Leader kein Held sein muss, sondern demokratische Strukturen im Team schaffen soll. Mir gefällt das interaktive Format: Die Kombination von Referat, Workshop und die anschliessende Diskussion mit dem Experten."


Zu Experts live on Stage




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