Programmieren für Kindergärtner

Interview mit Kinderbuchautorin Linda Liukas

Die wichtigste Sprache der Welt


Welche Sprache sollten Kinder lernen? Französisch oder Englisch? Ganz falsch, meint die Finnin Linda Liukas. Sie plädiert dafür, dass Kinder die Programmiersprachen Java und Ruby büffeln. Davon würden letztlich auch Unternehmen profitieren.


Interview: Ladina Camenisch,  




Die Programmiersprache sei die wichtigste Sprache der Welt, ist dein Credo. Warum?


Unsere Welt wird immer mehr von Computern beeinflusst. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Zukunft aktiv mitbestimmen sollten. Das bedeutet nun mal, dass jeder von uns zu einem Mindestmass verstehen sollte, wie Computer funktionieren. Denn nur, wenn man etwas versteht, kann man es auch mitgestalten. Viele haben Angst vor der Technologie. Wenn es um's Programmieren geht, geben die meisten gleich auf. Ich wünschte mir, dass Leute die gleiche Einstellung zum Erlernen des Programmierens wie zum Lernen von Italienisch hätten. Denn im Grunde sind beide das Gleiche: Sprachen. Und Sprachen eröffnen neue Welten: Wer sich richtig ausdrücken kann, dem stehen Türen offen. Gerade die Schweizer wissen das sehr gut. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit ihr von einer Sprache in die nächste wechselt. In meiner perfekten Welt würden die Leute von Java Script zu Ruby wechseln, so wie ihr von Deutsch zu Italienisch oder Französisch wechselt.



Linda Liukas an den XDays 2017 in Interlaken. Sie trägt den Titel «Digital Champion of Finland» und gehört zu Europas «Top 50»-Frauen im Bereich Technologie.


Willst du damit sagen, dass wir alle Programmierer werden sollten?


Nein, auf gar keinen Fall. Jeder soll das machen, was ihm Spass bereitet. Es schadet aber nicht, wenn wir ein technisches Grundwissen mitbringen – und da gehört Programmieren dazu.



Du machst dich dafür stark, dass sich Kinder bereits im Vorschulalter dieses Wissen aneignen. Sind sie nicht noch ein bisschen jung?


Ganz im Gegenteil. In meiner Branche spricht man immer davon, dass alles skalierbar sein soll. Und was ist skalierbarer als ein Sechsjähriger? Kinder haben so viel Potenzial: Ihre Neugierde ist unendlich und sie haben keine Berührungsängste. Sie sind die CEOs von morgen. Ich wüsste also nicht, in wen besser investieren. Ein lustiger Nebeneffekt ist, dass indirekt auch Erwachsene profitieren. Eltern lesen mein Buch ihren Kindern vor, und manchmal frage ich mich, wer dabei mehr lernt. Ich glaube, dass auch Erwachsene die Botschaft auf diese kindliche und spielerische Art besser verstehen, als wenn ein Unternehmensberater sie versucht zu überzeugen, dass Digitalisierung die letzte Chance für ihre Firma ist.



In deinem Kinderbuch spielt ein Mädchen namens Ruby die Hauptrolle. Liegt dir die Förderung von Mädchen besonders am Herzen?


Ja. Ruby ist ein starkes kleines Mädchen, das vor nichts zurückschreckt. Damit sollen sich die Kinder identifizieren. Als ich in Japan war, habe ich eine Schulklasse gefragt, wer ihre Lieblingsfigur im Buch sei. Selbst die Knaben haben mit "Ruby" geantwortet. Ich habe innerlich gejubelt. Genau so passiert Emanzipation! Ich wünschte, ich hätte ein solches Buch gehabt, als ich ein Kind war. Ich habe es also auch ein wenig für das kleine Mädchen geschrieben, das ich einmal war.



Linda Liukas

Die finnische Programmiererin, Autorin und Illustratorin Linda Liukas, geboren 1986, hat ihr Kinderbuch "Hello Ruby" mit der bisher erfolgreichsten Crowdfunding-Kampagne Finnlands finanziert. Mit dem Buch will sie Kindern auf spielerische Art und Weise das Programmieren näherbringen. Die EU-Kommission verlieh ihr 2013 den Titel "Digital Champion Of Finland".  Obwohl Liukas die Business School abgebrochen hat, lassen sich zahlreiche Topmanager von ihr und ihrem ungewohnten Ansatz inspirieren.   

Zum Buchprojekt


«Code funktioniert nie auf Anhieb, deswegen sind Programmierer resistent gegen Misserfolge.»


Linda Liukas, Programmiererin, Kinderbuchautorin und Illustratorin


Viele Schweizer Unternehmen werden von Männern mit grauen Schläfen geführt. Ist ihre Blütezeit bald vorbei?


Mir graut weniger von diesen Mittfünfzigern in Europa, als vor den Mittzwanzigern im Silicon Valley. Sie alle sehen cool aus, arbeiten mit den gleichen coolen Leuten und erfinden coole Produkte. Wir dürfen diesen jungen Kaliforniern nicht einfach die Zügel überlassen! Natürlich haben sie in den letzten Jahren viel Grossartiges hervorgebracht, aber letztendlich steht bei fast allen Firmen im Silicon Valley der Profit durch Marketingmassnahmen im Vordergrund. Ich bin aber der Meinung, dass Technologie einen viel grösseren Nutzen bringen kann. Je mehr Leute – und vor allem je mehr verschiedene Leute – sich mit Technologie auseinandersetzen, umso vielfältiger werden die Lösungen von Problemen. Ich denke an medizinische Entwicklungen oder an Transportlösungen, aber nicht an die neuen coolen Kopfhörer.



Nochmals zurück zu den Schweizer CEOs. Welchen Rat möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?


Das grösste Risiko ist, keine Risiken einzugehen. Also: Seid bereit, etwas zu wagen. Natürlich gibt es Misserfolge, aber das gehört dazu. Wohl kaum jemand scheitert so oft, wie ein Programmierer. Ein Code funktioniert praktisch nie auf Anhieb. Deswegen sind Programmierer auch so resistent gegenüber Misserfolgen – wir haben uns an sie gewöhnt. Von dieser Haltung sollten sich CEOs inspirieren lassen. Und dann habe ich noch einen Rat: Stellt Juniors ein – und stellt vermehrt Frauen ein! Einerseits brauchen Juniors auch eine Chance, sich zu beweisen und Erfahrungen zu sammeln, andererseits bringen sie viele neue Ideen in ein Unternehmen rein. Nichts ist schlimmer als nur im eigenen Saft zu schmoren.



Haben Unternehmen aus der Schweiz überhaupt eine Chance, gegen die amerikanischen und asiatischen Riesen zu bestehen?


Finnland und die Schweiz sind beides relativ kleine Staaten, aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Wir sind schneller, agiler und wir können viel besser auf Trends und Entwicklungen reagieren. Länder wie unsere sollten ein gesundes Selbstvertrauen haben. Sowohl finnische als auch Schweizer Unternehmen haben alles, was sie für den Erfolg brauchen. Dazu müssen sie allerdings Mut beweisen. Ich glaube nicht, dass es noch lange einen Heimmarkt geben wird. Deshalb sollten Länder wie die Schweiz und Finnland weltklasse Produkte produzieren – und zwar nicht nur für uns, sondern für die Welt.



Was passiert deiner Meinung, wenn sich ein Unternehmen der Digitalisierung verschliesst?


Ganz einfach, es verschwindet.





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