Fit für digitale Geschäftsmodelle





Experte Michael Svoboda

Ist mein Unternehmen fit für digitale Ecosysteme?


Für kurze Zeit standen in Zürich überall die «Smide-Bikes» der Mobiliar. Stromer konnte die E-Bikes für diesen Service liefern – dies ist kein Zufall, sondern das Ergebnis ihrer digitalen Pionierarbeit. Viele der Etappen der Digitalisierung von Stromer sind auch für andere Unternehmen relevant, um neue, zukunftsträchtige Geschäftsmodelle zu erschliessen.


Text: Michael Svoboda Fotos: Stromer Grafik: Crafft

 




Die Smide-Bikes sind da für jeden, der spontan mit einem E-Bike in Zürich von A nach B kommen möchte. Es braucht einzig ein Smartphone und eine Kreditkarte, und schon geht es los: Bike in der Nähe suchen, reservieren, Bike entsperren und am Zielort wieder abstellen. Das war’s. Unkomplizierter geht es kaum mehr – willkommen im Zeitalter der Sharing Economy.


Die Hotel- und die Taxi-Industrie kennen mit Airbnb und Uber solche neuen Player schon. Und keine Branche kann sich den vielen Start-ups entziehen, die in Windeseile Piloten neuer Business-Modelle generieren – in der gleichen Zeit, in der Grossunternehmen es gerade mal schaffen, eine Arbeitsgruppe aufzusetzen und einen Projektauftrag zu verabschieden.

 


Erste Etappe: Vernetzte E-Bikes und Software-Skills

Stromer, der Hersteller der E-Bikes, hat sich schon vor Jahren auf diese Reise begeben und kann nun die Früchte seiner Bemühungen – den Wandel von einem Produkthersteller hin zu einem Ecosystem-Player – ernten. Mit dem Einstieg in das E-Bike-Geschäft musste Stromer sich neue Kompetenzen aneignen: E-Bikes werden von Software gesteuert. Diese muss programmiert und gelegentlich gewartet werden (Software-Updates). Dies war einer der Treiber, wieso Stromer mit unserem Swisscom-Mobile-Team Kontakt aufgenommen hat. Die Idee dahinter: Ein vernetztes E-Bike (mit SIM-Karte) ermöglicht es, Software-Updates jederzeit durchzuführen – die Kunden müssen dafür nicht extra in den Shop.




Michael Svoboda

Michael Svoboda hilft Kunden dabei, neue digitale Themen in sinnvolle Schritte zu gliedern und die verschiedenen Sichten von Business, User und Technik zu vereinen. Nach dem Wirtschaftsinformatik-Studium war er Java-Entwickler, danach begleitete er Kunden der Stimmt AG bei der Entwicklung von besseren Online-Erlebnissen - dies mit User Centered Design-Methoden. Bei der Swisscom leitete er Online- und Multichannel-Projekte, um das Kundenerlebnis der Privatkunden auf swisscom.ch und im Kundencenter zu verbessern. Seit mehr als einem Jahr berät er Enterprise Kunden bei ihrer digitalen Transformation und treibt dabei Projekte im Bereich Mobilisierung, Internet of Things und Artificial Intelligence voran.


«Die digitalen Leader machen sich heute fit für die Ecosysteme von morgen»



Michael Svoboda

Senior Business Developer Digital, Innovation Swisscom




Ja, aber sind dafür die Kosten nicht zu hoch? Rechnet sich das? Das sind typische Fragen, die wir immer wieder in unseren Projekten mit Kunden hören. Isoliert betrachtet lohnt sich das praktisch nie. Es ist mehr Weitsicht notwendig, und zwei Fragen sind an dem Punkt zentral, bevor man die Reise schon wieder abbricht: Welche weiteren Dienstleistungen werden durch die Vernetzung ermöglicht, und wie kann man sich durch die Vernetzung künftig besser differenzieren? Aber eins nach dem anderen.

 



Zweite Etappe: Datenbasierte Services bringen Differenzierung

Stromer hat es verstanden die Möglichkeiten der Vernetzung für sich und seine Kunden vielfältig zu nutzen. Die SIM-Karte ermöglicht nicht nur Software-Updates, sondern bringt auch Vorteile für die Kunden:


  • Sie können es mit dem Smartphone auf- und abschliessen (kein Schlüssel).
  • Sie erhalten zusätzliche Informationen zur Nutzung ihres E-Bikes (gefahrene Kilometer).
  • Kunden können ihr E-Bike lokalisieren (z. B. im Falle eines Diebstahls).

Gleichzeitig eröffnen sich Stromer folgende Möglichkeiten:


  • Die Firma erhält schneller umfassendere Nutzungsdaten für die Entwicklung der nächsten Generation von E-Bikes.
  • Die Kundenzufriedenheit steigt, wenn Stromer frühzeitig erkennt, wann ein Service nötig wird, und der Kunde diesen durchführen kann, bevor das E-Bike seinen Dienst versagt.

Diese oder ähnliche Mehrwerte ergeben sich bei vielen Firmen, die den Weg vom Produkthersteller zum Servicedienstleister gehen. Denkbar ist auch, dass Firmen v. a. im B2B-Umfeld noch zusätzliche Dienste anbieten wie z. B. die Optimierung der Betriebskosten anhand der erhobenen Daten oder neue Full-Maintenance-Modelle, die bisher ohne die Echtzeitdaten der Nutzung nicht denkbar waren.


Dritte Etappe: An zukünftige Ecosysteme denken

Unternehmen tun sich – aus unserer Erfahrung – auch nicht schwer, auf solche Ideen zu kommen. Die Herausforderung liegt bei vielen Unternehmen vielmehr darin, ihre Organisation von diesen neuen Business-Modellen zu überzeugen und die «PS» auch auf den Boden zu bringen, um schnell erste greifbare Resultate zu erhalten. Viele dieser neuen Betätigungsfelder lassen sich nur schwer theoretisch erschliessen. Vielversprechender ist es, schrittweise greifbare Prototypen zu liefern, die dann aufgrund von Kundenfeedback zum Endprodukt weiterentwickelt werden.



Das vernetzte E-Bike ermöglicht eine Vielzahl digitaler Services (Bild: Stromer, Grafik: Crafft)

 


Viele bleiben bei diesen ersten Service-Ideen stehen. Wir haben erst wenige Unternehmen angetroffen, die schon weiter denken und sich Fragen zu ihrer Rolle in zukünftigen vernetzten Ecosystemen stellen. Was heisst das am Beispiel von Smide? Wieso hat sich die Mobiliar – die hinter Smide steht – für die E-Bikes von Stromer entschieden? Stromer hatte dank seinen mit einer SIM-Karte ausgerüsteten und damit vernetzten E-Bikes einen klaren Wettbewerbsvorteil: Denn die Mobiliar brauchte die Informationen der E-Bikes in Echtzeit, um diese zu orten oder zu sehen, ob die Batterie aufgeladen werden muss etc. Alle E-Bikes, die dies nicht konnten, waren für diesen Piloten der Mobiliar schon aus dem Rennen.


Dies ist eine der grossen Chancen, aber auch Risiken, die wir in Projekten mit unseren Kunden sehen. Oft erbringt eine einzelne Dienstleistung den Return on Investment nicht oder sie kann nicht kostendeckend betrieben werden. Dabei wird aber oft vergessen, dass dies nur ein erster notwendiger Schritt in der digitalen Reise ist. Genau dies hat Stromer erkannt: Mit der Vernetzung der E-Bikes und der Verfügbarkeit von Echtzeitdaten hat sich die Firma fit gemacht für einen Markt, in dem es wenig Konkurrenz gibt (der berühmte «Blue Ocean»).


Wie schaffen wir den Wandel?

Dieser Frage sind wir im letzten Jahr viele Male mit unseren Kunden angegangen. Schliesslich ist es der Mut, die Weitsicht und die Einsicht, dass kein Weg an der Digitalisierung vorbeiführen wird, der die Unternehmen davor bewahren kann, irrelevant bzw. «disruptiert» zu werden. Solche Unternehmen stellen sich nicht nur folgende Fragen, sondern sie schaffen es dann auch wirklich, schnell erste Schritte umzusetzen:


  • Welche Produkte lassen sich als Nächstes einfach vernetzen?
  • Wie lassen sich mit den Echtzeitdaten Kosten senken und neue Services anbieten?
  • In welchem Ecosystem spielen wir künftig und mit welchen Playern? Und welche neuen Services können gemeinsam mit anderen Playern geschaffen werden?
  • Wo können wir einen ersten Schritt machen, um die Entwicklung im Unternehmen loszutreten?
  • Wie müssen wir solche Themen aufstellen, damit diese auch rasch vorankommen und Ergebnisse liefern?
  • Welche Skills brauchen wir künftig in unserem Unternehmen? Wie verändern sich dadurch Prozesse und unsere Organisation?

Oft machen sich Unternehmen diese Gedanken noch im stillen Kämmerlein. Schliesslich hat man auch die bisherigen Produkte mit den eigenen erfahrenen Ingenieuren selber entwickelt. Dabei wird jedoch Folgendes vergessen:


  • Die Digitalisierung bringt eine neue Komplexität in ihre Produkte – wir können und sollen uns nicht mehr auf alles selber konzentrieren.
  • Die Zukunft liegt in Ecoystemen. Wir werden auf Partner und gemeinsame Modelle angewiesen sein – gewisse neue Geschäftsfelder lassen sich nur so erschliessen.
  • Für diese oft neuen Schritte muss man auch Bekanntes loslassen und neue Wege gehen. Wie können wir diese neuen Einstellungen, Arbeitsweisen in unserem Unternehmen implementieren und die idealen Rahmenbedingungen schaffen? Kleine, schlagkräftige Teams auslagern, Start-ups einbinden oder gezielt externe Unterstützung holen?

Das Wichtigste ist aber, dass man nicht nur darüber redet, sondern schnell startet und Erfahrungen sammelt – «Execution is everything».




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