Business-IT-Alignment

Business-IT-Alignment

Digitalisierung:
IT-Abteilungen im Abseits


Gemäss einer MSM-Studie wurden 2016 erstmals mehr IT-Projekte von den Fachabteilungen und nicht von der internen IT angestossen. Für nachhaltige Resultate ist ein «Business-IT-Alignment» zwingend erforderlich.


Christoph Widmer, Dezember




Kein Unternehmen kann sich der Digitalisierung entziehen. Darüber sind sich, so scheint es, die Fachstimmen einig. Zu gross sind die Chancen und Möglichkeiten des digitalen Wandels im Business-Bereich. Und für die Umsetzung hat man ja IT-Abteilungen, die ihre Firma – wie immer schon – in die richtigen digitalen Bahnen lenken werden.


Business-Bedürfnisse vernachlässigt

Doch IT ist nicht mehr nur Sache der IT-Departements. Fachabteilungen übernehmen vermehrt selbst die Rolle des Treibers von IT-Projekten. Das belegt die Studie «Arbeitsplatz der Zukunft» vom Schweizer Marktforschungsinstitut MSM Research, die auf Befragungen mit 66 Unternehmen und insgesamt rund 33'000 Arbeitsplätzen beruht: Erstmals werden mehr als die Hälfte der ICT-Projekte vom Business, und nicht von der IT angestossen.


Können Fachbereiche die Digitalisierung überhaupt der IT überlassen? Ist sie imstande, Projekte nach den Ansprüchen und Bedürfnissen der Business-Abteilungen anzukurbeln? Eine Workplace-Studie des deutschen Marktforschungsinstituts IDC lässt daran zweifeln. Zwar sei die Arbeitsplatz-Modernisierung sowohl für Anwender als auch für IT-Verantwortliche am wichtigsten. Aber diese werde zugunsten anderer Aufgaben mit höherer Dringlichkeit oft in den Hintergrund gedrängt. So sehe die IT nach wie vor die Verbesserung der Sicherheit als ihre Leitaufgabe.


«In vielen Unternehmen sehen wir einen erheblichen Investitionsstau, der dringend abgebaut werden muss.»


Mark Alexander Schulte, Senior Consultant bei IDC


Laut Studie sollte aber kritisch hinterfragt werden, ob IT-Entscheider nicht zu stark auf Datensicherheit fokussiert sind und das Business Enablement dafür zu oft hintenansteht. Denn gerade dort herrsche Nachholbedarf: «In vielen Unternehmen sehen wir einen erheblichen Investitionsstau, dieser muss dringend abgebaut werden», so Mark Alexander Schulte, Senior Consultant bei IDC und Projektleiter der Studie.


Unklare Rollenverteilung

Wer dafür verantwortlich ist, bleibt indes unklar. Laut MSM stammt der Grossteil Business-getriebener IT-Projekte etwa aus den Abteilungen Vertrieb, Marketing, Finanzen, Human Resources und der Geschäftsführung. Dagegen konnte das Marktforschungsinstitut Techconsult in seiner Studie «Digitalisierungs-Enabler» keinen deutlichen Treiber der Digitalisierung festmachen: Entweder variiere die Rolle je Unternehmen, oder die Sektoren IT, Fachbereiche und Geschäftsführung seien gemeinschaftlich als Treiber aktiv.

 

Auch wenn die Ergebnisse nicht eindeutig sind, steht fest: IT-Abteilungen stossen nur in den seltensten Fällen alleinig neue IT-Projekte an. Wer aber im Unternehmen künftig als IT-Treiber auftreten wird, bleibt nur schwer abzuschätzen. Denn zwischen Business und IT herrscht ein Gerangel um die unternehmenseigene IT-Strategie. Der IT-Dienstleister EMC hält fest, dass ein Grossteil der IT-Verantwortlichen glaubt, allein für die IT-Strategie des Unternehmens verantwortlich zu sein. Laut der Studie, für die rund 2700 IT-Entscheider und Business-Manager befragt wurden, stimmt die Geschäftsseite dieser Sichtweise aber nur selten zu; sie sieht im Gegenteil die IT-Strategie oft als ihre Aufgabe an.


IT im Austausch

Trotzdem muss laut der Studie die IT am stärksten als Innovator für neue IT-Projekte in Erscheinung treten. Business-Entscheider seien schliesslich nicht primär an IT, sondern an Unternehmenszielen interessiert. Für die IT-Departements keine leichte Aufgabe: Die Studie zeigt, dass die meisten CIOs daran zweifeln, den IT-Aufgaben bei Unternehmenswachstum und steigenden Anforderungen gewachsen zu sein – sofern sie überhaupt noch dafür verantwortlich sind. Denn laut dem Studienbericht greifen Unternehmen vermehrt auf Cloud- oder Outsourcing-Dienstleister zurück. Interne IT-Verantwortliche würden daher um ihre Abteilung bangen. Mehr als 50 Prozent der befragten CIOs rechnet damit, dass diese als unabhängige Einheit bis 2019 verschwunden sein könnte.


Damit CIOs aber als treibende Kraft in Sachen Unternehmens-IT auftreten können, habe diese in einen verstärkten Dialog mit den Fachbereichen und der Geschäftsführung zu treten. Nicht die Wartung bestehender IT-Infrastrukturen, sondern das «Business-IT-Alignment» führt dazu, dass die Unternehmens-IT als Treiber und Drehscheibe von Geschäftsprozessen auftreten kann. Das heisst, dass IT genau auf die strategischen Ziele, Leistungen und Prozesse des Business abgestimmt sein muss. Laut Studienbericht muss die IT-Belegschaft dafür nicht nur Business-Know-How, sondern vor allem Flexibilität zeigen. Das Wissen um das Potential neuerer Lösungen wie Cloud-Computing oder konvergente Infrastrukturen sei für den CIO und seine Mitarbeiter daher unabdingbar.


«Nur Fachabteilung und Unternehmens-IT zusammen können diese Transformation bewältigen.»


Thomas Pinegger, technischer Stratege bei Swisscom


«Die Digitalisierung transformiert ganze Branchen. Dabei werden Geschäftsmodelle genauso auf den Kopf gestellt, wie die IT revolutioniert wird», erklärt Thomas Pinegger, technischer Stratege bei Swisscom. «Nur Fachabteilung und Unternehmens-IT zusammen können diese Transformation bewältigen. Erst dann, wenn Fachabteilungen die technologische Revolution wirklich nutzen und die IT die richtigen Beiträge leistet, entsteht eine erfolgreiche Umsetzung und Neupositionierung des Unternehmens. Es ist folglich die Aufgabe der Geschäftsleitung dafür zu sorgen, dass die Gräben zwischen Fachabteilung und IT geschlossen werden und beide Bereiche gemeinsam die Transformation gestalten.»




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