User Interfaces





Kolumne: User Interfaces

Lesen und gelesen werden


Seit Apple uns den Mac beschert hatte, dreht sich alles um die Benutzerschnittstelle. Und die Erde dreht sich diesbezüglich weiter und immer weiter. Wir werden in Zukunft nicht nur anders lesen, sondern mittels taktiler Hologramme auch anders arbeiten – und leben.


Beat Hochuli




«Gestern habe ich Tolstois ‹Krieg und Frieden› in einer Stunde vollständig durchgelesen. Es ist eine Geschichte über Russen.» Das ist lustig – und Woody Allen hat dies gesagt, nachdem er angeblich einen Schnelllesekurs absolviert hatte. Aber selbstverständlich ist es – wie immer bei Woody Allen – nicht nur lustig. Denn so ziemlich alles deutet darauf hin, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft gänzlich anders lesen werden als bis anhin. Und nicht nur anders, sondern auf verschiedene Art und Weise – je nach Inhalt, Anforderung und Zweckmässigkeit.


Das Gelesene liest dich!

Dass auch in Zukunft niemand einen Roman wie «Krieg und Frieden» so schnell wie möglich abarbeiten will, um dann lapidar feststellen zu müssen, dass es «darin um Russen geht», liegt in der Natur der Sache – besser gesagt: In der Kultur des literarischen Kunstwerks. Der Leser/Anwender/Rezipient liest solches ja bekanntlich, weil er sich davon Genuss verspricht, und nicht, weil er einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen möchte. Die meisten Texte, die wir heute lesen, sind aber keine literarischen Kunstwerke, sondern Informationen, die wir in unserer Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft so schnell und effizient wie möglich verarbeiten wollen. Diesbezüglich sind die gegenwärtigen technologischen Forschungen und Entwicklungen durchaus einschneidend – und entscheidend für unser künftiges Lese- und Inhalteverarbeitungsverhalten.



Die Brille soll beispielsweise historische Fotos von Gebäuden, Wetterdaten, persönliche Kontakte, Wegbeschreibungen oder Angebote von Geschäften einblenden können.

Die Brille soll beispielsweise historische Fotos von Gebäuden, Wetterdaten, persönliche Kontakte, Wegbeschreibungen oder Angebote von Geschäften einblenden können.


So arbeitet beispielsweise Andreas Dengel am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Karlsruhe seit Jahren unermüdlich an «gescheiten» Lesebrillen, mit deren Hilfe der Leser nicht nur liest, sondern vom Gerät sozusagen gegengelesen wird. Das klingt im ersten Moment etwas abschreckend – wer will sich schon von einem Gerät permanent beobachten lassen –, hat aber je nach Anwendung und Anwender unschätzbare Vorteile. Mithilfe einer Kamera und Infrarotsensoren «weiss» nämlich die Brille in jedem Moment, auf welchem Wort oder Satz das Auge des Lesers gerade ruht – und kann beispielsweise im eigebauten Display ergänzende Texte oder eben auch internetbasierte Bilder und Videos zum Thema einspielen. Auch Audiokommentare oder Soundeinlagen sind selbstverständlich inbegriffen. Ein weiteres Beispiel in Sachen Schnellleseapplikation ist die – durchaus kontrovers diskutierte – Software von Spritz.



Ganz andere Job-Profile

Was solche Entwicklungen im Hinblick auf das Zeitalter der «Digitalisierung» und «Industrie 4.0» bedeuten, lässt sich gerade bezüglich künftiger Businessabläufe und Geschäftsmodelle kaum hoch genug einschätzen. Aber eines ist klar: Unzählige «Berufs»-Bilder – besser: Job-Profile – werden sich massiv verändern. Contact-Center-Mitarbeitende zum Beispiel werden eben kaum mehr einfach Call-Agents sein – und höchstwahrscheinlich auch nicht mehr in einem Center arbeiten. Sie werden erstens per se hochqualifiziert sein und aufgrund der Nutzung immer ausgefeilterer Zusatzinformations-technologien schneller und umfassender auf Kundenwünsche eingehen können – egal wo sie sich geografisch gerade aufhalten.

Und selbstverständlich geht es in der Benutzerschnittstellen-Forschung nicht nur um textbasierte Informationserweiterungen. Denn wir können davon ausgehen, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren massive Fortschritte punkto Mimik-, Gestik- und sogar Tonfallanalyse erzielt werden. Wirklich marktreif – und politisch/gesellschaftlich kompatibel – wird dies nicht so schnell sein. Aber aufzuhalten ist es ebenfalls nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Anwender die Interaktionsinterfaces für sich selber als intuitiv besser betrachten. Die Benutzerschnittstellen-Profis von der zürcherischen Zeix AG zum Beispiel sind davon überzeugt, dass hier noch starker Nachholbedarf herrscht. Und auch Andreas Dengel ortet etwa im Bereich holografiebasierter Anwendungen ein riesiges Potenzial.



Das Buch bleibt das Buch, aber ...

Es ist klar, dass die gegenwärtige und künftige Entwicklung immer intuitiverer Benutzerschnittstellen auch das taktile Bedürfnis des Homo sapiens sapiens berücksichtigen muss – und wird. Das gedruckte Buch wird gerade deshalb nicht verschwinden. Das E-Book ist zwar eine tolle Sache – vor allem, wenn man wie ich auf Borneo kaum Zugang zu zufriedenstellenden Buchhandlungen hat. Aber die jüngste Diskussion um die Zukunft der Bibliotheken zeigt, wie wichtig es ist, «etwas in der Hand zu halten». Wir können gespannt sein auf die Zukunftstechnologien im Bereich tastsensitiver Hologramme! Bandbreitensteigerung garantiert, dürfte dies nicht nur die Benutzerschnittstellen-Landschaft, sondern die gesamte Business-Community endgültig ins «Industrie 4.0»-Zeitalter katapultieren – oder dann eben in die «Industrie-5.0»-Ära.


Beat Hochuli


ist freischaffender ICT-Journalist und lebt in Kota Kinabalu, Sabah, Malaysia.


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