Rückblick WORLDWEBFORUM 2018: End of Nation

Zwischen Technologie und Menschsein

Nationen – eine emotionale Heimat?


Heavy Metal, starke Bilder, Scheinwerfer – das Intro zum WORLDWEBFORUM geht unter die Haut. Die Erwartungen an das Programm waren hoch, sehr hoch. Was bleibt?


Text: Tina Müntener und Michael Lieberherr, Bilder: Michael Lieberherr und WORLDWEBFORUM, 13. Februar 2018




Das WORLDWEBFORUM hat starke Nerven: Es bittet zum Auftakt einen Staatsvertreter zum Ende von Nationen und Staaten zu referieren. Denn an diesem Tag dreht sich alles um den provokativen Titel "End of Nation". Es ist eine Anspielung auf die Macht der grossen Tech-Konzerne, die sich in vielerlei Hinsicht um nationale Grenzen, lokale Gegebenheiten und selbst Gesetze foutieren. Oder anders gesagt: Sie schaffen schneller neue Tatsachen, als der Gesetzgeber folgen kann. Es zählt: wachsen, wachsen, wachsen. Und sie wachsen schnell. Sie bedienen Millionen, teilweise bis zu einer Milliarde Kunden. Innert Kürze sind sie zu den wertvollsten Unternehmen weltweit aufgestiegen. Sie sitzen auf den grossen Datenschätzen, die das Geschäft der Zukunft versprechen und ihre Infrastruktur ist inzwischen teilweise systemrelevant.

Die widersprüchliche Aufgabe – über das Ende von Nationen zu referieren – übernahm Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Er argumentierte, weshalb der Staat wichtiger sei denn je. Eine virtuelle Gemeinschaft könne nicht für Soziales, Bildung oder Menschenrechte sorgen. Der Staat müsse seinen Bewohnern Perspektiven bieten und müsse Menschen unterstützen, ihre Fertigkeiten weiterzuentwickeln. Es habe schon viele Veränderungen gegeben, aber die Digitalisierung erfasse alle Lebensbereiche. Die Aufgabe des Staates sei es, die Möglichkeiten von Technologien verantwortungsvoll zu nutzen. Eine Nation sei die Antwort auf den Nomadismus und eine emotionale Heimat. Für Bundesrat Schneider-Ammann ist klar: "Lieber Sumiswald als Silicon Valley."


Der CEO-Flüsterer

In Zeiten des Wandels brauchen auch CEOs einen Kompass. Marc C. Thomson ist Buchautor und CEO-Berater. Seine Fragen machen nachdenklich: "Denken Sie an Weihnachten zurück. Haben Sie es wirklich genossen? Wie viele unter Ihnen hatten den Wunsch, ein Familienmitglied zu verändern?" Wir können andere nicht ändern, aber wir können selbst vorangehen, so sein Fazit. Leader müssen andere in die Veränderung führen, aber erstmal bei sich beginnen. Thomsons "Veränderungsfitnessprogramm" hat vier Pfeiler:

 

  • "Productive Paranoia": Selbst wenn man auf einer Erfolgswelle reite, müsse man Augen und Ohren auf Veränderungen offenhalten. Mister Amazon Jeff Bezos rechne schon heute damit, dass Amazon eines Tages selbst verdrängt werde.
  • "Creative Change Agents": Man solle Kunden aktiv einbinden, um Produkte weiterzuentwickeln. Thomson nennt als Beispiel die automatische Parkfunktion bei Tesla. Dank "Machine Learning" sei das Auto bereits nach wenigen Tagen besser beim Einparken gewesen als er selbst. In diesem Fall hilft der Beitrag jedes einzelnen, damit die Parkfunktion besser wird.
  • "Distruptive DNA": Man kaufe Firmen nicht für ihre Geschäftsmodelle, sondern primär wegen der Kultur und Talente. Genau deshalb würden Google & Co. reihenweise Firmen aufkaufen.
  • "Value Creators": Leader sollen die Menschen im Unternehmen suchen, die Veränderung unterstützen und sie zelebrieren.

1/9 Bundesrat Johann Schneider-Ammann referiert über das Ende von Nationen

2/9 Marc C. Thomson ist Buchautor und CEO-Berater

3/9 Carissa Carter von der Stanford University, Director of Teaching Experiment

4/9 Nancy Pfund, Founder und Managing Partner des Investmentfunds DBL

5/9 Suzanne DiBianca, Chief Philantropy Officer von Salesforce

6/9 Glenn Gore (2. v. L.) , Head of Cloud Architecture Amazon Web Service

7/9 David J. Teece, Professor an der Berkeley Universität

8/9 Wilhelm Oehl, Apple-Store Designer

9/9 Bruce Dickinson, Lead Sänger der Heavy Metal Band Iron Maiden

1/9 Bundesrat Johann Schneider-Ammann referiert über das Ende von Nationen

Den Managementmodellen entgegensteuern

Auch Design Thinking steht quer zu klassischen Managementmodellen. Carissa Carter von der Stanford University, Director of Teaching Experiment, erörterte, warum gute Lösungen nur multidisziplinär entstehen: "Suchen Sie Stimmen, die man sonst nicht hört." Oder: "Der Themenkreis ist grösser als Sie denken". Sie präsentierte ihr Acht-Punkte-Modell, bei dem es im Wesentlichen um Diversität, Kreativität und eine Methodik geht, die dafür sorgen soll, dass mehr unterschiedliche Ansichten und Stimmen einfliessen, um Probleme zu lösen. Es wird an diesem Tag nicht das letzte Modell sein, das versucht, die durch Technologien getriebenen Veränderungen zu schematisieren und zu vereinfachen.


Investment is impact

Nancy Pfund, Founder und Managing Partner des Investmentfunds DBL, plädiert dafür, dass Rendite und Gutes tun zusammengehören. Aus ihrer Sicht können Staaten nicht alle Probleme alleine lösen, sondern auch Investoren seien in der Pflicht, positive Veränderungen zu schaffen: "Invest is impact." Sie zeigte ein adaptiertes Yin und Yang: Yin sei die Rendite, Yang der soziale Aspekt. Beide müssen in der Balance sein. Dass es funktioniert, beweise ihre solide Performance der letzten Jahre.

Salesforce, gegründet im Jahr 1999 und mittlerweile mit einen Wert von 12 Milliarden Dollar der weltgrösste CRM-Anbieter, hat sich seit seiner Entstehung auf die Fahne geschrieben, Gutes zu tun. Deren Modell 1:1:1 bedeutet: ein Prozent des erwirtschafteten Kapitals, ein Prozent des Produkts, beispielsweise in Form von freien Softwarelizenzen für NGOs und ein Prozent der Mitarbeiterzeit wird für einen guten Zweck gespendet. Inzwischen würden 4'000 Firmen mitmachen. Eine Idee, die wir in der Schweiz seit langem kennen. Diese Vision hatte Gottlieb Duttweiler bereits 1957, als Migros das Migros Kulturprozent einführten.

Suzanne Dibianca, Chief Philantropy Officer von Salesforce erklärte, dass ein solches Modell fest in die Unternehmenskultur verankert werden müsse. Für ihr Unternehmen sind gleiche Löhne für Männer und Frauen seit Anfang an eine Selbstverständlichkeit. Auch hat die Firma erkannt, welches Potential in der Diversity liegt: "Wir bilden Mütter aus" oder "Wir stärken Frauen", so Nancy Pfund.


Ideen bei Amazon

In einer Diskussionsrunde zum Thema Innovation gewährte Glenn Gore, Chefarchitekt der weltgrössten Cloud, Einblicke in die Kultur von Amazon. Die Amazon Cloud hat weltweit einen Marktanteil von über 60 Prozent. Sie wächst rasant, ebenso ihr Profit. Gore erläutert: Bei zwei gegensätzlichen Ideen sollte man keinen Kompromiss eingehen, sondern stattdessen eine der beiden Ideen konsequent verfolgen. Amazon suche in der Innovation nicht die Harmonie, sondern die Uneinigkeit. Polarisieren statt Harmonieren. Daraus entstehen die guten Ideen. Um Ideen zu evaluieren, würde das Unternehmen massenhaft Daten verwenden. Am Ende der Diskussion müssen aber alle voll und ganz hinter einer Idee stehen.


Darum prüfe, wer sich bindet

Bei den Vorträgen am WORLDWEBFORUM ist ein Thema besonders augenfällig: "Hiring is a big issue." Amazon setzt bewusst auf sogenannte "bar raisers". Das sind bestimmte Mitarbeitende, die beim Rekrutieren aktiv mitbestimmen und ein Vetorecht haben – selbst bei Kandidaten, die nicht mit ihrem Themenfeld zu tun haben. Denn genau diese würden die spannenden Fragen stellen, die zeigen, ob ein Kandidat zur Kultur passt oder nicht. Diese "Bar Raisers" sind weder Mitarbeitende von Human Resources noch aus dem Management, sondern in verschiedensten Funktionen tätig.

Insgesamt stünde und falle der Erfolg der Tech-Giganten mit den richtigen Talenten. Für diese sei nicht das Geld ausschlaggebend, sondern spannende Projekte und Aufgaben. Diese Menschen wollen Probleme lösen und sich einer Herausforderung stellen, so Glenn Gore. Was Kultur bewirken kann, zeigt die Firma Atlassian. Ihr Vertreter Sean Regan behauptet: "Bei uns arbeiten keine Verkäufer – unser Produkt muss so gut sein, dass es sich selbst verkauft." Der Erfolg gibt Atlassian recht, das Unternehmen ist extrem auf das Thema Kultur erpicht. Dies bestätigten Vertreter der Firma schon an früheren Konferenzen mit ihren Beispielen.

Ein weiteres Managementmodell kam von David J. Teece, Professor an der Berkeley Universität. Er zeigte exemplarisch auf, wie die Unternehmensumwelt stets weniger planbar werde. Provokativ meint er: "Eine grossartige Firma bleibt nicht lange grossartig", und beruft sich dabei auf historische Wirtschaftsdaten. Unternehmen müssten sich dahin entwickeln, dynamische Fähigkeiten aufzubauen. Man stehe vor einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Die Planung sei tot, jetzt seien echte Leader gefragt. In der nachfolgenden Diskussion mit zwei Kollegen betont er allerdings, dass Unsicherheit nicht bedeute, erhöhte Risiken einzugehen.


Von Tragödien und Dramen

Wieso Technologie das Menschliche nicht ersetzen kann, erläuterte der Designer Wilhelm Oehl. Er hat den Apple Store gemeinsam mit Steve Jobs entwickelt: "Wir sind soziale Wesen, egal wie digital die Welt ist." Bezugnehmend auf den Apple Store an der 5th Avenue in New York – dem markanten Glaskubus – sagte Oehl: "Apple hat einfach den Mut gehabt, in etwas zu investieren, woran sie glaubten." Der Kubus ist eine Art Forum, wie es die Griechen und Römer kennen. Nicht um Dramen und Tragödien aufzuführen, sondern um Menschen zusammenzubringen – obwohl eine fehlende Verfügbarkeit neuer iPhones inzwischen für viele auch eine Tragödie sein kann.

Nach den vielen ernsten Change- und Kulturthemen war der letzte Bühnengast, Bruce Dickinson, Lead Sänger der Heavy Metal Band Iron Maiden, eine willkommene Erfrischung. Der Tausendsassa spielt seit mehr als vierzig Jahren in der erfolgreichen Heavy Metal Band, hat Millionen Alben verkauft, auf Tournee den Pilotenschein für ein Boeing-Linienflugzeug gemacht, Bücher und ein Videospiel herausgegeben und sein eigenes Bier gebraut. Alles nur Show? Nein, dieser Mann hat am WWF den inspirierendsten Auftritt hingelegt. Er animierte, an sich selbst zu glauben, fasste so ziemlich alles zusammen, was fragmentarisch während des ganzen Tages referiert wurde, fügte es zu einem Gesamtbild zusammen und schloss rhetorisch brillant ab, weshalb ein Autopilot doch nicht den Piloten ersetzt: Am Ende des Tages dreht sich eben doch alles um Menschen.


Persönliche Einschätzung


Das WORLDWEBFORUM ist endgültig erwachsenen geworden, die wilden Jahre sind vorbei – das zeigte sich schon im letzten Jahr. Nun stehen Verlässlichkeit und Erwartungen der erweiterten Stakeholder im Vordergrund. Die Konferenz hat sich thematisch stark gewandelt. Standen früher Technologiethemen im Fokus, so ist es heute der Umgang mit den Veränderungen, welche neue Technologien evozieren. Die Konferenz hat sich dem veränderten Publikum angepasst. Mehr Besucher, aber auch mehr Homogenität. Weniger Überraschendes, dafür solide Management Modelle und Change Themen. Die packenden und unkonventionellen Pitches, die nachhaltig inspirieren, sind subjektiv weniger geworden. Die Go-Go-Tänzer und laute Musik wirken als Zeugen der vergangenen Jugend des WORLDWEBFORUMs.

Für den langjährigen Besucher stellt sich zudem die Frage, ob die starke Silicon Valley-Perspektive das Mass der Dinge bleibt. Unbestritten ist das Silicon Valley nach wie vor die Brutstätte für Innovation. Inzwischen sind längst weitere und hoch spannende Hotspots entstanden: Denken wir an Asien mit Tencent, Alibaba und Co., dass in Sachen E-Commerce weit vorne liegt oder an Frankreich und Israel, die sich im Startup-Umfeld unglaublich dynamisch entwickeln. In diesem Zusammenhang würde der Konferenz ein stärkerer Einbezug von Digital Shapers und deren Erfolgstories jenseits des kalifornischen Tech-Mekkas guttun, vielleicht sogar schweizerischen Playern. Wir brauchen verstärkt Vorbilder aus den eigenen Reihen, welche Ängste abbauen und Zuversicht verströmen, damit auch die Schweiz zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören kann.




Glenn Gore, Head of Cloud Architecture Amazon Web Services, an der Swisscom Breakout Session

Glenn Gore verantwortet die Architektur der weltgrössten Cloud – hunderte Millionen von Benutzern greifen täglich auf sie zu, ohne es zu merken. Amazon Web Services (AWS) hat weltweit einen Marktanteil von über 60 Prozent. Gemäss Schätzungen von Gartner im Jahre 2016 hat AWS die zehnfache Rechenleistung der nachfolgenden 14 Anbieter, kombiniert. Glenn Gore stand in der Swisscom Breakout Session sowie in der Swisscom Lounge exklusiv Rede und Antwort. Swisscom ist Consulting Partner von AWS und verfügt über zertifizierte Experten. Damit bietet sie Professional Services für Unternehmen, die den Weg in die globale Cloud von AWS suchen. Im Fokus stehen dabei die Integration und Migration.

> Amazon Web Services by Swisscom



Newsletter

Jetzt Newsletter abonnieren und über Trends, Branchen-News und Benchmarks informiert bleiben.


Zur Anmeldung




Mehr zum Thema