Erfahrungsbericht geteilte Gesundheitsdaten

Monitoring mit digitalem Gesundheitsdossier

Höhere Lebensqualität, tiefere Kosten


Nur die Wenigsten teilen heute schon Gesundheitsdaten elektronisch mit ihrem Arzt. Wie einfach und nützlich so ein Austausch sein kann, zeigt eine Forschungsgruppe unter Leitung des Kantonsspitals St. Gallen.


Text: Roger Welti, Bilder: Keystone, aktualisiert am 16. Juli 2018




Heute macht das Wetter Brigitte Schneider zu schaffen. Die Ostschweizerin leidet unter der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD – wie rund 400'000 andere Menschen hierzulande. An gewissen Tagen bereite ihr das Atmen Schwierigkeiten und körperliche Anstrengungen seien kaum möglich, erzählt Schneider. Medikamente können die Symptome von COPD zwar lindern, eine Heilung der Krankheit ist bisher aber nicht möglich. Umso wichtiger ist es, die Lebensqualität von Betroffenen so weit wie möglich zu verbessern – zum Beispiel dadurch, dass eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes keinen Spitalaufenthalt nach sich zieht.


Digitalisierung ermöglicht innovativen Ansatz

«Ich bin überzeugt, dass der Einsatz von Telemedizin genau dazu beitragen kann», sagt Dr. med. Frank Rassouli, Oberarzt in der Pneumologie im Kantonsspital St. Gallen. Unter seiner Leitung führen fünf Schweizer und eine deutsche Klinik derzeit eine Studie mit 175 Teilnehmenden durch. Dabei wird das elektronische Gesundheitsdossier Evita für das Monitoring des Zustandes von COPD-Patienten eingesetzt. Mit dabei ist auch Brigitte Schneider: «Ich musste nicht lange überlegen, ob ich an der Studie teilnehme. Ich kann ja nur gewinnen – für mich und auch für andere COPD-Patientinnen.»


Sie und die anderen Studienteilnehmenden beantworten im Dossier Evita täglich Fragen zu ihrem Gesundheitszustand. In den beteiligten Spitälern laufen alle Informationen in Echtzeit zusammen. Weist ein Patient besorgniserregende Werte auf, wird er umgehend vom Studienteam kontaktiert. Die Behandelnden stellen ihm weitere Fragen zu seiner Verfassung und beraten ihn telefonisch. Das Ziel: Die Betroffenen werden rasch und nach Möglichkeit bei sich zu Hause versorgt.


Evita: Nicht nur etwas für Patienten

Das persönliche Gesundheitsdossier Evita eignet sich nicht nur für telemedizinische Einsätze. Es unterstützt Menschen generell, alle Informationen rund um ihre Gesundheit zu verwalten. Ob auf Reisen, bei einem Arztbesuch oder im Notfall: Mit Evita sind alle wichtigen medizinischen Informationen online griffbereit und können mit Ihren Verwandten, Freunden oder einem Arzt geteilt werden. Nutzer von Evita vergeben die entsprechenden Zugriffrechte persönlich und individuell. Alle Daten in Evita werden sicher übertragen und verschlüsselt gespeichert.

Studie zeigt: Lebensqualität steigt, Kosten sinken

Erste Ergebnisse der bis Sommer 2019 laufenden Studie zeigen, dass der Telemedizin-Einsatz qualitativ und quantitativ erfolgversprechend ist. Patienten fühlen sich mit Evita besser betreut als ohne. Mit Telemedizin-Betreuung verbesserte ein Viertel der Patienten seine Werte beim anerkannten COPD Assessment Test, mit dem der Gesundheitszustand mittels eines standardisierten Fragebogens beurteilt wird. Die Hospitalisierungsrate aufgrund akuter Zustandsverschlechterungen lag um ein Viertel tiefer als ohne Monitoring. Die COPD-bezogenen Behandlungskosten waren während des Telemedizin-Einsatzes um 44% geringer als ohne.

«Wir konnten bisher zeigen, dass wir mit dem Einsatz des elektronischen Gesundheitsdossiers die Lebensqualität von COPD-Patienten erhöhen und Hospitalisationen vermindern können», sagt Studienleiter Rassouli. Jeder vermiedene Notfalleintritt spare dem Gesundheitswesen einige tausend Franken.  


Auch das Universitätsspital Zürich setzt auf Digitalisierung

An der COPD-Studie beteiligt ist auch das Universitätsspital Zürich. Prof. Dr. med. Gregor Zünd, CEO und Vorsitzender der Spitaldirektion, ist vom eingeschlagenen Weg überzeugt: «Wir müssen die Digitalisierung in der Medizin fördern, damit Patienten zunehmend auch zu Hause betreut werden können.» Damit ist das Potenzial der Digitalisierung aber noch lange nicht ausgeschöpft. «Digitalisierung ist der Schlüssel zum Erfolg, wenn wir die Lebensqualität und Sicherheit für unsere Patientinnen und Patienten verbessern und die Effizienz in unserem Betrieb erhöhen wollen», betont Zünd.



Gregor Zünd, CEO des Universitätsspitals Zürich



Mehr Sicherheit und Wissen

Damit die Nutzung des elektronischen Gesundheitsdossiers auch für ältere COPD-Patienten möglichst einfach ist, wurde Evita speziell auf die Bedürfnisse der Studie und deren Teilnehmenden angepasst. Mit Erfolg. «Das tägliche Ausfüllen des Online-Fragebogens ist in der Handhabung einfach und wird rasch zur Routine», sagt Brigitte Schneider. «Der enge Austausch mit dem Ärzte-Team gibt mir Sicherheit und erhöht meine Lebensqualität.»


Auch die beteiligten Mediziner sind vom elektronischen Gesundheitsdossier überzeugt. «Unsere Patienten schätzen den einfachen und intensiven Kontakt zu uns über Evita», sagt Frank Rassouli. Er stellt zudem einen wertvollen Nebeneffekt fest: «Die tägliche Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit steigert bei den Patienten die eigene Kompetenz und das Wissen zu COPD.» Fachleute sind überzeugt, dass die Stärkung der Selbstverantwortung und der Gesundheitskompetenz der Betroffenen einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf haben.



Studienleiter Frank Rassouli



Sechs Kliniken mit an Bord


Insgesamt sechs Kliniken nehmen an der wegweisenden Telemedizin-Studie mit COPD-Patienten teil:

  • Klinik für Pneumologie/Schlafmedizin am Kantonsspital St. Gallen (Studienleitung)
  • Universitätsspital Zürich
  • Universitätsspital Basel
  • Kantonsspital Münsterlingen
  • Kantonsspital Glarus
  • Fachkliniken Wangen im Allgäu

Informationen zur Studie finden Sie hier.





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