Digitalisiertes Spital 2027

Effizienz im Spital

«Wir verfolgen diese Vision mit allen Kräften»


Das Universitätsspital Zürich (USZ) wartet mit der Digitalisierung nicht zu, sondern geht voran. Das hat nicht zuletzt ökonomische Gründe, sagt Martin Matter, Direktor ICT und Mitglied der Spitaldirektion.


Text: Roger Welti, Bilder: © Giorgia Müller, 21. August 2017




Die «Digitalisierung des Gesundheitswesens» ist aktuell in aller Munde. Wie erleben Sie an der Front diese Transformation?


Das Gesundheitswesen erlebt diesen Wandel gegenüber anderen Branchen wie dem Bankensektor oder der Industrie mit einigen Jahren Verzögerung. Entsprechend gross ist die Dynamik derzeit. Dass im Spital Prozesse mittels IT optimiert werden, ist allerdings nichts Neues. Das machen wir, seit es IT im Spital gibt.


Warum haben Spitäler da mehr Erfahrung als andere Akteure im Gesundheitswesen?


Erstens ist das Potenzial bei uns überdurchschnittlich gross. Im Spital halten wir 365 Tage einen Rund- um-die-Uhr-Betrieb aufrecht – und zwar mit höchster Verfügbarkeit. Es gibt also enorm viele Prozesse, die zudem pausenlos ausgeführt werden. Entsprechend gross ist das Potenzial, diese Abläufe immer wieder zu hinterfragen und zu verbessern.



 «Im Spital gibt es enorm viele Prozesse, die zudem pausenlos ausgeführt werden. Entsprechend gross ist das Potenzial, diese Abläufe immer wieder zu verbessern.» (Martin Matter)


Und damit Kosten zu sparen?


Das ist der zweite Aspekt. Als Spital agieren wir zwischen definiertem Leistungsauftrag und ebenso vorgegebener Tarifliste für diese Leistungen. Der Handlungsspielraum, unsere Erträge zu beeinflussen ist entsprechend klein. Die Effizienz bei unseren Abläufen zu steigern, ist fast der einzige Hebel. Und den nutzen wir natürlich.


Wirkt das seit diesem Frühling geltende Bundesgesetz zum Elektronischen Patientendossier (EPDG) als Katalysator für diese Anstrengungen?


Das tut es sicherlich. Bisher haben wir unsere Prozesse vornehmlich innerhalb des Spitals optimiert. Jetzt geht es um eine neue Dimension, darum, dass wir uns zwischen den Leistungserbringern besser vernetzen und Abläufe standardisieren und damit vereinfachen.

Teil des grössten eHealth-Projektes der Schweiz

Das USZ ist eines der Spitäler, die an vorderster Front den Aufbau der grössten eHealth-Plattform der Schweiz prägen. Unter dem Dach des Trägervereins Axsana und gemeinsam mit Swisscom Health bauen die Kantone Zürich und Bern eine Vernetzungsplattform auf, die den Betrieb des elektronischen Patientendossiers und den effizienten Datenaustausch zwischen Leistungserbringern ermöglichen wird. Das USZ ist seit der ersten Stunde an diesem wegweisenden, überregionalen eHealth-Projekt beteiligt.


«Die Effizienz bei unseren Abläufen zu steigern, ist fast der einzige Hebel. Und den nutzen wir natürlich.»



Sind Sie zuversichtlich, dass dieser Effekt eintreten wird?


Wir verfolgen diese Vision mit allen Kräften. Wie schnell sich die gewünschten Effekte einstellen werden, kann heute aber niemand sagen. Was klar ist: Die Effizienzgewinne dürfen nicht dazu führen, dass zusätzliche Kosten entstehen. Die Anschubfinanzierung des Bundes von 30 Millionen Franken wird da sicher nicht ausreichen. Wie die weitere Finanzierung vonstattengehen soll, wird derzeit in verschiedenen Projekten geprüft.



«Es ist absolut zwingend für den Erfolg des EPD, dass die Patienten den Nutzen von eHealth in ihrem Alltag überzeugend erleben.» (Martin Matter)


Das USZ geht die Umsetzung des EPDG trotz dieser Unsicherheiten aktiv an. Warum diese Rolle?


Wir sind mit 44 Kliniken und Instituten das grösste Spital im Kanton Zürich. 2016 haben wir rund 41'000 Patienten stationär behandelt und über 570'000 ambulante Besuche gezählt. Entsprechend gross ist der Effekt, wenn wir das Potenzial für Prozessoptimierungen in der Administration ausschöpfen. Davon wollen wir so rasch wie möglich profitieren. Darum war es für die Spitaldirektion sofort klar, dass wir bei der EPDG-Umsetzung nicht zuwarten, sondern vorangehen.


Was versprechen Sie sich konkret?


In der Zusammenarbeit mit anderen Leistungserbringern wollen wir administrative Hürden abbauen, um das USZ dadurch noch besser auszulasten. Heute haben wir zum Beispiel mit allen Partnern bilaterale Abkommen. Künftig können wir die administrative Zusammenarbeit im Verbund aller Schweizer Leistungserbringer gestalten. Das macht uns schneller und erhöht die Effizienz.


Können Sie ein Beispiel geben?


Nehmen wir die Entlassung eines Patienten in eine Reha-Klinik. Wenn wir künftig online auf einen Blick sehen, in welchen Kliniken aktuell ein passender Platz für diesen Patienten frei ist, können wir ihn rasch und unkompliziert dorthin überweisen. Das hilft uns, der Reha-Klinik und natürlich auch dem Patienten.


Wie werden Patienten die Optimierung dank eHealth im Spitalalltag sonst noch spüren?


Es ist absolut zwingend für den Erfolg des EPD, dass die Patienten den Nutzen von eHealth in ihrem Alltag überzeugend erleben. Das geht über das EPD hinaus und betrifft im Spital vor allem die administrativen Prozesse. Der Patient wird seine Stammdaten nicht bei jedem Spitalbesuch erneut erfassen müssen, weniger Wartezeiten haben und während diesen besser informiert und unterhalten werden. Wir denken sogar darüber nach, ihm über sein Smartphone den Weg zum Behandlungsort auf unserem Gelände anzuzeigen.


«Ich denke, ein Horizont von 10 Jahren ist realistisch. Im USZ werden wir sicher früher viele überzeugende Anwendungen eingeführt haben.»



Smarte Anwendungen sollen den Patienten also von eHealth überzeugen?


Genau. Gelingt uns das nicht, werden wir statt einem System einfach zwei haben. Wir werden tendenziell jüngere Personen haben, die sich von eHealth begeistern lassen, und andere, die wie gehabt auf analogen Kanälen mit ihrem Arzt und ihrem Spital kommunizieren werden. Das wäre sehr ineffizient und teuer.



Martin Matter, CIO Universitätsspital Zürich


Und wie steht es mit der Überzeugungsarbeit beim Spitalpersonal?


Auch daran arbeiten wir beim USZ. Wir haben eine spezielle Prozessgruppe, die wir im ganzen Spital umherschicken. Die Gruppe analysiert mit Teams und einzelnen Mitarbeitenden die aktuellen Prozesse und schlägt Optimierungen vor, die dank innovativem IT-Einsatz möglich werden. Die Mitarbeitenden sind dabei anfangs manchmal skeptisch. Wenn sie die erzielten Erleichterungen erleben, sind sie aber schnell begeistert. So haben wir zum Beispiel die Disposition von Patienten zu Ärzten und Behandlungsräumen erstmals über alle unsere 44 Kliniken vereinheitlicht. Das macht den Alltag auf einen Schlag merklich einfacher.


Wann werden Patienten und Mitarbeitende das Potenzial von eHealth im Spital in vollen Zügen erleben und auch nutzen können?


Ich denke, ein Horizont von 10 Jahren ist realistisch. Im USZ werden wir sicher früher viele überzeugende Anwendungen eingeführt haben. Bis eHealth aber das gesamte Gesundheitswesen durchdringt und auch die Patienten voll auf den Zug aufspringen, wird es noch etwas Zeit und Überzeugungsarbeit brauchen. Ich finde es persönlich enorm spannend, diese Zeit mitzuerleben und mitgestalten zu können. Und ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Anstrengungen lohnen werden.



Martin Matter


Seit 2014 ist Martin Matter Direktor ICT und Mitglied der Spitaldirektion des USZ. Zuvor war der diplomierte Betriebsökonom bei Oerlikon Contraves und Sulzer Metco mit ICT-Themen betraut. Danach war Matter beim Kanton Aargau tätig, zuletzt während fünf Jahren als Leiter Informatik Aargau. Im USZ entwickeln Matter und sein Team die Informationstechnologie des Spitals laufend weiter, so dass sie zur Sicherheit und Qualität der Diagnose und Behandlung der Patientinnen und Patienten beiträgt.





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