Digitalisierung und Kostenentwicklung

Gesundheitskosten

Ist digital automatisch billiger?


Bringt die Digitalisierung im Gesundheitswesen mehr Effizienz und damit automatisch tiefere Kosten? Preisüberwacher, Konsumentenschützer und Krankenkassen sind sich nicht einig.


Text: Roger Welti,




Die Aussichten sind alles andere als erfreulich: Um 3.8 Prozent sollen die Gesundheitskosten 2018 gegenüber dem Vorjahr zunehmen – auf fast 84 Milliarden Franken. Das prognostiziert die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Pro Kopf sind das erstmals mehr als 10'000 Franken im Jahr.

Von der Digitalisierung und von damit einhergehenden Effizienzgewinnen versprechen sich die Akteure im Gesundheitswesen positive Effekte auf die Kostenentwicklung. 40 Minuten können im Durchschnitt eingespart werden, wenn zum Beispiel die Zuweisung eines Patienten ans Spital und sein Austritt nach erfolgter Behandlung digital statt per Fax, Brief und Telefon erfolgen. Schweizweit liessen sich damit jährlich rund 100 Millionen Franken sparen, rechnet das Beratungsunternehmen PwC in seiner Studie vor. Die Formel lautet also: Digitalisierung = mehr Effizienz = tiefere Kosten. Stimmt das tatsächlich?


Preisüberwacher Stefan Meierhans

Preisüberwacher Stefan Meierhans


Effizienzpotenzial unbestritten

Von Berufes wegen befasst sich der Preisüberwacher mit dieser Frage. «Die Digitalisierung erlaubt Verbesserungen der Operationstechnik, beschleunigt die Entwicklung der personalisierten Medizin und hat grosses Potential für die Gesundheitsprävention auf Basis der vielen Daten aus elektronischen Geräten wie Handys, Fitnessuhren und anderen Wearables», sagt Stefan Meierhans. Und auch eine bessere Organisation der integrierten Versorgung hält er dank digitalen Tools für möglich. Der Krankenversichererverband curafutura warnt zwar vor überzogenen Erwartungen. «Das Potenzial der Digitalisierung fürs Schweizer Gesundheitswesen ist aber unbestritten gross», sagt Direktor Pius Zängerle.

Mit ihrer Erwartungshaltung sind Preisüberwacher und Krankenversichererverband nicht alleine. Laut einer Umfrage von Anfang 2018 erhoffen sich 76 Prozent der Schweizer Bevölkerung, dass dank dem elektronischen Patientendossier (EPD) unnötige Abklärungen und Behandlungen eingespart werden können. Diese Hoffnung sei gut nachvollziehbar, sagt Babette Sigg. «Unsere jährliche Pulsmesser-Erhebung zeigt, dass die Gesundheitskosten immer ganz oben auf der Liste der Sorgen der Konsumenten stehen», so die Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums. Was helfe diese Kosten zu senken, müsse ausprobiert werden – auch im Bereich der Digitalisierung. «Wir sollten uns weniger mit allerlei Bedenken aufhalten und stattdessen einfach einmal umsetzen.»


Konsumentenvertreterin Babette Sigg

Konsumentenvertreterin Babette Sigg


Höhere statt tiefere Kosten?

Die Hoffnung auf mehr Effizienz im Gesundheitswesen dank der Digitalisierung sind also durchaus berechtigt. Doch damit sinken nicht automatisch auch die Gesundheitskosten. «Ich gehe davon aus, dass die Digitaltechniken eine Vielzahl neuer Behandlungsformen ermöglichen und sich dadurch das Kostenwachstum noch beschleunigt», befürchtet Preisüberwacher Meierhans. Gegensteuer könne man hier am ehesten mit globalen Zielwerten für das jährliche Gesundheitskostenwachstum geben, die sich etwa am Wachstum unserer Löhne oder der Gesamtwirtschaft orientierten.

Bei curafutura glaubt man nicht, dass die Digitalisierung dazu führen wird, dass neue und mehr Behandlungen durchgeführt werden, die dann wiederum zu einem verschärften Kostenanstieg führen. «Was heute und künftig zählt, sind Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit», ist Pius Zängerle überzeugt.


Pius Zängerle vom Krankenversicherungsverband

Pius Zängerle vom Krankenversicherungsverband


Mehr Daten, mehr Selbstverantwortung?

Ab 2020 soll das EPD relevante Gesundheitsinformationen für Bürger und Behandelnde zugänglich machen. Dadurch sollen Doppelspurigkeiten verhindert und die Behandlungsqualität verbessert werden. «Das EPD ist es eine wichtige Voraussetzung für die Etablierung integrierter Versorgungssysteme», sagt Stefan Meierhans. Und Babette Sigg freut sich: «Als Patientin erhalte ich endlich Zugriff auf meine Gesundheitsdaten und kann sie zugänglich machen, wem ich will.» Damit würden unnötige Doppeluntersuchungen verhindert und es ende ein Stück Bevormundung der Patienten durch die Ärzteschaft. Entscheidend für alle digitalen Lösungen sei deren Usability, sagt Sigg. «Der Umgang mit ihnen muss lustvoll sein und mir auf einfache Weise maximalen Nutzen bringen.»

Gleichzeitig mit neuen Möglichkeiten bekommt der Bürger aber auch mehr Mitverantwortung. «Die Eigenverantwortung ist grundsätzlich ein wichtiger Punkt, der wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Prämien hat», sagt Pius Zängerle vom Krankenversichererverband. Und Preisüberwacher Meierhans betont: «Je besser sich die Versicherten dank der Digitalisierung über den eigenen Gesundheitszustand und Möglichkeiten der Gesundheitsprävention informieren können, desto mehr Verantwortung tragen sie für die eigene Gesundheit und damit auch für die gesamten Gesundheitskosten.» Andererseits könnten besser informierte Patienten auch mehr Druck auf die Ärzte aufbauen, gewisse Behandlungen vorzunehmen, von denen noch vor 20 Jahren nur die Ärzteschaft Kenntnis hatte. Mit entsprechenden Kostenfolgen.

Babette Sigg sieht in grösserer Transparenz zu den eigenen Gesundheitsinformationen vor allem eine grosse Chance. «Wer etwas für seine Gesundheit tut, kann das mit seinen Vitaldaten belegen und zum Beispiel tiefere Krankenkassenprämien einfordern.» Das sei im Sinne des Konsumenten und im Sinne der Gesellschaft. «Dass wir für diesen Rabatt einen Nachweis erbringen und hierzu gewisse Daten preisgeben, scheint mir nur logisch und legitim», so die Konsumentenvertreterin.




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