Elektronisches Patientendossier

Debatte

Vier Fäuste und ein EPD


Dieses und nächstes Jahr erleben wir die Umsetzung des elektronischen Patientendossiers (EPD). Nicht alle sind von dem Vorhaben gleichermassen begeistert. Ärztin Yvonne Gilli und Konsumentenvertreterin Babette Sigg im Schlagabtausch.


Text: Roger Welti, Bilder: santemedia.ch,




Gongschlag. Start zur ersten Runde.

Runde 1 – Warum bremsen die Hausärzte das EPD aus?

Gilli:

Ärzte sind kritische Begleiter der Digitalisierung. Die elektronische Administration aufzublähen, nützt weder den Ärzten noch den Patienten. Es ist noch nicht klar, ob das EPD wirklich den versprochenen Nutzen bringt. Werden medizinische Entscheide wirklich unterstützt? Und wird die Zahl der Behandlungsfehler wirklich geringer? Was wir nicht wollen, ist einfach noch mehr Bürokratie.


Sigg:

Eines ist klar: Ohne das Mitmachen der Ärzte wird das EPD nicht zum Erfolg. Die doppelte Freiwilligkeit hätte man niemals ins Gesetz zum EPD nehmen dürfen. Sie ist absolut nicht im Sinne des Erfinders und das grösste Hindernis für die Umsetzung des EPD.

Der Gong ertönt erneut. Kurze Verschnaufpause. Es geht in die zweite Runde.



Babette Sigg, Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums



Runde 2 – Wären die Hausärzte mit Geld zu gewinnen?

Gilli:

Man wirft uns Ärzten immer vor, wir würden nur übers Geld reden. Fakt ist: Bei niedergelassenen Ärzten sind die Kosten fürs EPD nicht abgegolten. Das wollte die Politik so! Der Leistungserbringer im ambulanten Bereich kann diesen Aufwand aber nicht selber aufbringen. Kein Land der Welt konnte die Digitalisierung in der Arztpraxis ohne öffentliche Mitfinanzierung umsetzen.


Sigg:

Klar sind die Ärzte wichtige Personen im EPD-Kontext. Wir müssen jetzt aber endlich die Interessen der Patienten ins Zentrum stellen. Für sie ist das EPD ein riesiger Gewinn. Endlich haben wir von der Wiege bis zur Bahre alle unsere relevanten medizinischen Dokumente bei uns.

Pause. Keine der Kontrahentinnen zeigt bisher Ermüdungserscheinungen. Der Gong zur dritten Runde ertönt.


Runde 3 – Und wer trägt die Verantwortung für Informationen im EPD?

Sigg:

Wir Patienten haben künftig die «redaktionelle Verantwortung» über unser EPD. Es ist aber unbestritten, dass der Patienten wohl kaum einschätzen kann, was viele der Dokumente konkret für ihn bedeuten. Die Aufbereitung in patientengerechte Sprache ist ja auch nicht das Ziel im EPD. Aber der Umstand, dass ich heute meine Krankengeschichte gar nie zu Gesicht bekomme, ist doch auch kein Zustand. Ich bin mündig und will wissen, welche medizinischen Daten über mich vorhanden ist, und diese auch mit anderen austauschen können.


Gilli:

Am Ende bleibt die fachliche Verantwortung aber bei den Ärzten – heute und in Zukunft. Heute schon leite ich ja Informationen zu einem Patienten nach bestem Wissen und Gewissen an andere Ärzte weiter. Im EPD-Kontext ist aber zwingend zu klären, was «behandlungsrelevante Befunde» sind.



Dr. med. Yvonne Gilli, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH



Die letzte Pause vor der finalen Runde. Was trinken. Und weiter geht’s.


Runde 4 – Wie begeistert man die Bevölkerung fürs EPD?

Gilli:

Das EPD muss für alle Beteiligten einen überzeugenden Nutzen bringen – für Ärzte ebenso wie für Patienten. Das Ziel des EPD, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben, ist grundsätzlich sicher überzeugend.


Sigg:

Der Nutzen ist das Eine. Ein möglichst niederschwelliger Zugang ist aber ebenso entscheidend. Wo begegnen wir regelmässig Gesundheitsfachpersonen – auch ohne schwer krank zu sein? In der Apotheke! Dort sollte ich ein EPD eröffnen können. Und ich bin überzeugt, dass die Konsumentinnen für diesen Service auch bereit wären, etwas zu bezahlen.

Schlussgong. Der Kampf geht unentschieden aus. Applaus vom Publikum für die beiden Kontrahentinnen.


Anmerkung der Redaktion:

Dieser Beitrag basiert auf einem realen verbalen Fight zwischen Yvonne Gilli und Babette Sigg anlässlich des Anlasses "Schlagaustausch im Ring" in Bern.


Die Kontrahentinnen


Dr. med. Yvonne Gilli ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH. Von 2007 bis 2015 war sie Mitglied des Nationalrates und der Gesundheitskommission. Seit 2016 ist Gilli Mitglied des Zentralvorstandes der FMH und verantwortlich für Digitalisierung/eHealth.

Babette Sigg ist Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums kf, der ihres Zeichens einzigen liberalen Konsumentenorganisation. Die ausgebildete Modedesignerin war Gemeinderätin in Kloten und steht seit 2009 den CVP-Frauen Schweiz vor.




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