Wearables: Chancen und Innovationen





Wearables-Markt

Körperbetonter Umsatz


Mit der Smartwatch von Apple wurden die Wearables erwachsen. Mit zweistelligen Wachstumsraten mischt das neue Segment diverse Branchen auf – und ermöglicht neuen Playern von der Digitalisierung zu profitieren.


Urs Binder, 




Im Herbst 2014 stellte Apple seine seit langem herbeispekulierte Smartwatch vor. Manche Industriebeobachter sahen dies als eine Art Ritterschlag für die Produktekategorie Wearables. Nach Schätzungen von Gartner wurden 2015 über alle Marken gerechnet zwar rund 30 Millionen Smartwatches verkauft, im Vergleich dazu aber insgesamt über 80 Millionen Fitness-Armbänder, Pulsuhren, Brustgurte und andere Aktivitätsmonitore. IDC prognostizierte laut dem Statistikportal Statista vor zwei Jahren für 2015 einen Absatz von 65 Millionen Stück dieser so genannten Wristwear, nur schon das wäre gegenüber 2014 eine Steigerung um fast das Dreifache gewesen. Klarer Marktleader ist bis heute Fitbit, gefolgt von Xiaomi, Garmin, Samsung und Jawbone.


«2020 werden 35 Prozent aller Menschen in den entwickelten Märkten ein Wearable tragen.»


Nick Jones, Gartner


Die Modebranche steigt ein

Der Einstieg von Apple zeigt aber deutlich: Jetzt sind auch die Grossen der Elektronikbranche am Wearables-Markt interessiert. Und nicht nur diese. Die Fossil Group, bekannt durch Modemarken wie Diesel, Emporio Armani und Michael Kors, sieht enorme Marktchancen und will nach der Smartwatch «Q» dieses Jahr über hundert neue Wearable-Produkte lancieren. Wearables sind damit definitiv auch im Lifestyle-Segment angekommen und ermöglichen es bisher technikfernen Branchen, vom Digitalisierungsboom zu profitieren.


Die Marktforscher erwarten für die kommenden Jahre denn auch ein massives Wachstum. Für 2016 prognostiziert Gartner einen Absatz von fast 275 Millionen Wearables, darin sind auch 116 Millionen Bluetooth-Headsets sowie 50‘000 am Körper getragene Kameras im Stil der Gopro eingerechnet. Der weltweite Gesamtumsatz liegt bei knapp 29 Milliarden Dollar, wovon Smartwatches 11,5 Milliarden ausmachen.


Das auf neue Technologien spezialisierte Marktforschungsunternehmen Idtechex blickt etwas weiter in die Zukunft und meint, dass der Umsatz mit Wearables bis 2025 auf 70 Milliarden Dollar pro Jahr steigen wird. Analyst Nick Jones schätzte am letztjährigen Gartner-Symposium, dass 2020 der Absatz bei 500 Millionen Geräten liegen werde. In den entwickelten Märkten werden 35 Prozent aller Menschen mindestens ein Wearable nutzen.


Die Statistiken unterscheiden sich übrigens je nach Quelle deutlich. Das liegt an der Definition des Begriffs Wearable. Einige verstehen darunter vor allem Fitnesstracker und Smartwatches, weiter gefasst bezeichnet er alle Geräte, die am, im oder nahe dem Körper getragen werden, sowie smarte Kleidung, die in Zukunft zunehmend wichtig werden dürfte.


Chancen, Fallstricke und Innovationen

Neben den Geräteanbietern profitieren weitere Branchen vom wachsenden Wearables-Markt: Chiphersteller, Designer, Systemintegratoren und OEM-Hersteller, Prüforganisationen, Software-Entwickler, Cloud-Service-Provider und Telekommunikationsanbieter versprechen sich neue Geschäftsfelder und Umsätze.


Wearables bieten jedoch nicht nur für bekannte Player, sondern auch für Startups mit innovativen Ideen neue Chancen. Im Moment sei dieser Markt noch unreif, stellte Jones fest. Projekte würden oft durch Crowdfunding finanziert und manche davon rasch scheitern. Es fehle der Industrie an stabilen Standards – im Moment herrsche ein Kampf der Anbieter, Erfahrungen und APIs. 


Die Mode- und Schmuckbranche sieht im Wearable-Markt völlig neue Wachstumsmöglichkeiten.


Die Innovation geht ungebremst weiter, sowohl bei der Funktionalität als auch bei der Interaktion der Wearables mit ihren Trägern. Während sich Wearables heute meist mit Textbenachrichtigungen melden – Beispiel Smartwatch – kommen laut Jones künftig vermehrt haptische, akustische und visuelle Indikatoren zum Zug. Etwa beim smarten Schmuck, der eingegangene Meldungen durch Farbwechsel anzeigt. Die Bedienung wird vermehrt mit Mikrointeraktionen wie Gesten und Zusammendrücken oder Schütteln erfolgen.


Healthcare als Taktgeber

Der dominante Markt für Wearables bleibt auf absehbare Zeit der Gesundheitssektor. Idtechex fasst unter Healthcare medizinische Anwendungen, aber auch Geräte und Apps für Fitness- und Wellness-Belange zusammen und nennt Apple, Accenture, Adidas, Fujitsu, Nike, Philips, Reebok, Samsung, SAP und Roche als wichtige Marktteilnehmer.


Bereits existierende medizinische Anwendungen reichen vom Smartphone-gesteuerten Blutdruckmessgerät über das Hörgerät mit integrierter Herzfrequenzmessung, den Bluetooth-fähigen Blutzucker-Sensor und das mobile EKG-Messgerät bis zur smarten Pille, die auf ihrem Weg durch den Verdauungstrakt endoskopische Aufnahmen liefert. In Zukunft wird sich das Anwendungsspektrum massiv erweitern, zum Beispiel bei der perkutanen Medikation: Intelligente Pflaster messen die relevanten Vitalwerte und geben exakt die benötigte Dosis des Medikaments frei. Dank Nanotechnologie werden vermehrt auch Sensoren und therapeutische Aktoren zum Einsatz kommen, die direkt im Körper wirken und so genauere Diagnosen und individuell auf den Patienten zugeschnittene Therapien ermöglichen.





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