Bereit für das Quantenzeitalter: Warum Sicherheit lange vorher beginnt

Für Unternehmen beginnt die Vorbereitung auf quantensichere Kryptografie bereits heute. Denn wer langfristig schützenswerte Daten, komplexe IT-Landschaften und externe Abhängigkeiten im Blick hat, erkennt: Post-Quanten-Sicherheit mehr als eine Frage einzelner Algorithmen.

September 2026, Text Yannik Goldgräbe         ​  15 Min.

Quantencomputing wird oft als Zukunftsproblem diskutiert – etwas, das uns irgendwann zwingen wird, heutige kryptografische Algorithmen durch Post-Quanten-Alternativen zu ersetzen. Das ist technisch gesehen zwar richtig, verdeckt aber die eigentlich grössere Herausforderung: Die wahre Schwierigkeit der Post-Quanten-Sicherheit (PQS) liegt nicht in der Auswahl neuer Algorithmen, sondern darin, Organisationen aufzubauen, die in der Lage sind, Kryptografie in grossem Massstab zu verändern. In diesem Sinne ist Post-Quanten-Sicherheit weniger ein kryptografisches Problem und weit mehr eine operative und strategische Aufgabe.

PQS vs. PQC – verwandt, aber nicht dasselbe

Bevor wir tiefer in das Thema eintauchen, klären wir einige Begriffe.Diese beiden Begriffe werden häufig synonym verwendet, beschreiben aber unterschiedliche Ebenen der Herausforderung:

  • Post-Quantum Cryptography (PQC) bezeichnet kryptografische Algorithmen, die so konzipiert sind, dass sie Quantenangriffen standhalten (zum Beispiel gitterbasierte oder hashbasierte Verfahren).
  • Post-Quantum Security (PQS) ist die übergeordnete organisatorische Fähigkeit, Kryptografie auf quantensichere Weise zu identifizieren, zu migrieren, zu betreiben und kontinuierlich anzupassen – und so effektiv gegen Quantenbedrohungen abzusichern.

Kurz gesagt: PQ-Kryptografie kann als das reine Algorithmen-Set betrachtet werden: Ein unverzichtbares Werkzeugset, das eingesetzt wird, um PQ-Sicherheit zu erreichen, welche die Gesamtsicherheit gegenüber der Quantenbedrohung misst. Die Implementierung von PQC ist damit eine Teilaufgabe einer in der Regel deutlich umfassenderen PQS-Agenda.Ohne Governance, Inventarisierung und Migrationsprozesse können selbst die besten Algorithmen nicht wirksam eingesetzt werden.

Die Herausforderung eingrenzen (durch Transparenz und Governance)

Quantencomputer werden in Stabilität, Skalierung und Fehlerkorrektur weiter Fortschritte machen (siehe beispielsweise diesen aktuellen Durchbruch, der Fehler um bis zu das 100-Fache reduzieren könnte), während sich kryptografische Standards (Algorithmen und Protokolle) parallel dazu weiterentwickeln. Algorithmen, die heute als sicher gelten, können morgen als veraltet eingestuft werden – nicht nur wegen Quantenbedrohungen, sondern auch aufgrund klassischer kryptoanalytischer Fortschritte oder Implementierungsschwächen. Diese Realität erfordert ein Mass an Anpassungsfähigkeit, für das viele IT-Landschaften nie ausgelegt wurden. Kryptografie ist in den meisten Organisationen tief verwurzelt und über Applikationen, Bibliotheken, Geräte, Cloud-Dienste und Drittanbietersoftware verstreut – oft ohne klare Zuständigkeiten oder Dokumentation. Wenn Änderungen notwendig werden, besteht die Herausforderung oft nicht darin, zu wissen, was geändert werden muss. Sondern überhaupt zu wissen, wo Kryptografie eingesetzt wird.


Deshalb beginnt eine sinnvolle Post-Quanten-Vorbereitung nicht mit kryptografischen Standards, sondern mit dem Verständnis der eigenen Daten. Bevor Strategien, Migrationspfade oder neue Algorithmen diskutiert werden, müssen Organisationen zunächst wissen, welche Daten sie verarbeiten, wo diese fliessen und wie lange sie geschützt bleiben müssen. Kryptografie war nie dazu gedacht, Daten unbegrenzt zu schützen – sie schützt sie nur so lange, wie die zugrunde liegenden Algorithmen sicher bleiben. Wenn bestimmte Daten über Jahrzehnte vertraulich bleiben müssen, muss ihr kryptografischer Schutz bereits heute künftige Bedrohungen berücksichtigen. Dies ist besonders relevant im Kontext sogenannter «Harvest now, decrypt later» Angriffe: Hierbei denen werden verschlüsselte Daten heute gesammelt werden in der Erwartung, sie entschlüsseln zu können, sobald ausreichend leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind.

Viele Unternehmen führen aus regulatorischen Gründen – etwa dem hiesigen nDSG oder der DSGVO der EU – bereits teilweise Dateninventare. Doch diese sind selten mit konkreten kryptografischen Anforderungen verknüpft. Dabei ist genau diese Verknüpfung entscheidend: Nicht alle Daten rechtfertigen denselben kryptografischen Aufwand. Und eine übermässige Absicherung von allem kann ebenso schädlich sein wie eine unzureichende Absicherung kritischer Assets – insbesondere wenn Performance, Verfügbarkeit und operative Komplexität berücksichtigt werden.

Ein Center of Excellence für die Kryptografie

Sobald Datenkritikalität und Schutzhorizonte verstanden sind, kann Kryptografie als das behandelt werden, was sie wirklich ist: eine geschäftskritische Infrastrukturfähigkeit und kein rein technisches Detail. Hier wird Governance unvermeidlich. Kryptografische Entscheidungen wirken sich auf Compliance, Verfügbarkeit, Anbieterabhängigkeiten und langfristige Risikoexposition aus. In der Praxis bedeutet dies, dass Kryptografie nicht fragmentiert über isolierte Entwicklungsteams verteilt oder in Infrastruktursilos verborgen bleiben kann.

Viele Organisationen gehen daher dazu über, ein Cryptographic Center of Excellence (CCoE) oder eine ähnliche Governance-Struktur zu etablieren, die Richtlinien definiert, kryptografische Standards genehmigt und Übergänge über Abteilungen und Plattformen hinweg koordiniert. Eine solche Stelle wird auch zur natürlichen Schnittstelle gegenüber externen Anbietern, Cloud-Providern und Softwarelieferanten, deren kryptografische Roadmaps die eigene Migrationsfähigkeit direkt beeinflussen. Post-Quantum Readiness ist daher nicht nur eine interne Transformation, sondern eine Ökosystem-Herausforderung, bei der Kundendruck, Beschaffungsanforderungen und sogar Beiträge zu Open-Source-Projekten notwendig sein können, um die Einführung zu beschleunigen. Strategie und Governance allein sind jedoch ohne technische Transparenz wirkungslos. Eines der am meisten unterschätzten Probleme in der Kryptografie heute sind nicht schwache Algorithmen, sondern unkontrollierte Kryptografie. Routine-Audits decken beispielsweise häufig auf, dass SHA-1 oder veraltete TLS-Versionen noch immer in Produktivsystemen im Einsatz sind – selbst im Jahr 2026, viele Jahre, nachdem sie als unsicher eingestuft wurden.

Hardcodierte Schlüssel, abgelaufene Zertifikate, undokumentierte Protokollnutzung und nicht genehmigte Bibliotheken sind selten das Ergebnis böswilliger Absicht, sondern fehlender Aufsicht. Ohne kontinuierliche Transparenz darüber, wo Kryptografie eingesetzt wird, welche Algorithmen im Betrieb sind und wie Systeme voneinander abhängen, wird jede Migration reaktiv, langsam und riskant. Deshalb gewinnen kryptografische Inventare so viel Aufmerksamkeit: nicht als statische Dokumentation, sondern als lebende Systeme, die kryptografische Assets kontinuierlich entdecken, Abhängigkeiten abbilden und Daten liefern, die für Compliance, Risikoanalyse und operative Planung abgefragt werden können. Erst wenn diese Transparenz vorhanden ist, können Organisationen von theoretischen Sicherheitsstrategien zu konkreten, priorisierten Massnahmen übergehen.

Die Fähigkeit zur Veränderung gestalten (Agilität und Readiness)

Sind Transparenz und Governance erst einmal etabliert, wird Migration zu einem Engineering-Problem statt zu einer Krisenreaktion. Auch dann sind kryptografische Übergänge selten einfache Eins-zu-eins-Ersetzungen. Daten müssen neu verschlüsselt, Schlüssel rotiert, Protokolle aktualisiert und Systeme so getestet werden, dass Ausfälle oder Datenverluste vermieden werden. In vielen Fällen sind hybride Ansätze notwendig, bei denen klassische und Post-Quanten-Algorithmen koexistieren, um Kompatibilität und einen schrittweisen Rollout sicherzustellen. Diese Phase bietet auch Chancen – etwa das Löschen veralteter Daten, die nicht mehr geschützt werden müssen, was sowohl Risiken als auch Kosten reduziert. Migration wird damit nicht nur zu einer Sicherheitsübung, sondern auch zu einer Gelegenheit, langjährige technische Schulden abzubauen.

Doch selbst erfolgreiche Migrationen lösen nur die heutigen Probleme, wenn Systeme nicht darauf ausgelegt sind, sich morgen erneut zu verändern. Hier wird kryptografische Agilität unverzichtbar.

Kryptografische Agilität heisst: Algorithmen und Schlüssel können durch Konfiguration und gesteuerte Migrationsprozesse (wie Re-Keying) ausgetauscht werden, ohne die gesamte Codebasis neu zu schreiben oder zugrunde liegende Architekturen und Infrastrukturkomponenten (wie Hardware-Sicherheitsmodule, HSM) neu aufzubauen.

In der Praxis erfordert dies, dass Kryptografie von der Geschäftslogik entkoppelt wird und auf zentralisierte Schlüsselmanagementsysteme, Hardware-Sicherheitsmodule und gut gestaltete APIs setzt – statt auf eingebetteten Code. Es erfordert auch Automatisierung, da manuelle Schlüsselverwaltung und Konfigurationsänderungen nicht skalieren und unweigerlich zu Fehlern führen. Wenn Kryptografie zu einem austauschbaren Dienst statt zu einem fest verankerten Implementierungsdetail wird, gewinnen Organisationen die Fähigkeit, schnell zu reagieren – nicht nur auf Quantenbedrohungen, sondern auch auf neue Schwachstellen, regulatorische Änderungen und sich weiterentwickelnde Sicherheitsstandards.

Was letztlich darüber entscheidet, ob diese technischen Fähigkeiten in echten Fortschritt münden, ist die organisatorische Bereitschaft (Readiness). 

Dazu gehören:

  • das Bewusstsein der Führungsebene für kryptografische Risiken
  • die Bereitschaft, in Werkzeuge und Kompetenzen zu investieren
  • die Verfügbarkeit von Spezialwissen 
  • die Fähigkeit, interne Teams und externe Lieferanten auf gemeinsame Sicherheitsziele auszurichten


Ohne diese Readiness können Inventare unvollständig bleiben, Architekturrichtlinien ignoriert werden und Migrationen durch konkurrierende Prioritäten dauerhaft aufgeschoben werden. Mit ihr werden selbst komplexe Übergänge realisierbar – weil sie als langfristige Programme und nicht als Notfallreaktionen behandelt werden. 

Post-Quanten-Sicherheit, ein stetiger Prozess

Zusammengenommen kann Post-Quanten-Sicherheit daher als Ergebnis einiger sich gegenseitig verstärkender Kernfaktoren betrachtet werden. Vereinfacht und symbolisch lässt sich dies wie folgt ausdrücken:

PQS ≈ ((Visibility × Agility)^Organisational Readiness)+PQC

Dies ist keine Mathematik, sondern eine Möglichkeit, Zusammenhänge zu veranschaulichen:

  • Visibility beschreibt, wie gut die kryptografische Nutzung über Systeme und Abhängigkeiten hinweg entdeckt, überwacht und verstanden wird.
  • Agility spiegelt wider, wie einfach kryptografische Mechanismen geändert werden können, ohne Quellcode zu refaktorieren oder Architekturen neu zu gestalten.
  • Organisational Readiness erfasst Bewusstsein, Kompetenzen, Finanzierung, Governance und Anbieterausrichtung, die technischen Wandel in grossem Massstab ermöglichen.
  • PQC steht für die Verfügbarkeit und Reife von Post-Quanten-Algorithmen und Implementierungen, die bei Bedarf eingesetzt werden können.

Die Multiplikation zeigt an, dass sowohl Visibility als auch Agility notwendig sind; Schwächen in einem der beiden Bereiche schränken den Fortschritt erheblich ein. Der Exponent spiegelt wider, wie stark die organisatorische Readiness das technisch Mögliche verstärkt oder begrenzt. Und die Addition von PQC verdeutlicht, dass neue Algorithmen unverzichtbar sind, aber erst dann wirksam werden, wenn eine Organisation sie in der Praxis einsetzen kann.

Letztlich ist Post-Quanten-Sicherheit kein einzelnes Projekt mit einem fixen Enddatum. Es ist die kontinuierliche Fähigkeit, kryptografische Schutzmassnahmen an Bedrohungen anzupassen, während sich Technologien und Regulierungen weiterentwickeln. Organisationen, die diese Fähigkeit jetzt aufbauen, werden nicht nur besser auf das Vorhandensein kryptografisch relevanter Quantencomputer vorbereitet sein, sondern auch widerstandsfähiger gegenüber den sehr realen kryptografischen Risiken von heute. Abzuwarten, bis Quantencomputer leistungsfähig genug sind, ist keine neutrale Entscheidung mehr. Daten können bereits «heute geerntet und später entschlüsselt» werden, was sensible Informationen schon jetzt gefährdet. Wer weiter zuwartet, könnte feststellen, dass das Schwierigste nie die Mathematik war, sondern die organisatorische Bereitschaft zur Veränderung.

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Yannik Goldgräbe ist Software Architect mit Schwerpunkt Security und Innovation bei Swisscom.

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