Coworking in der Schweiz legt zu





Coworking

Coworking bringt frischen Wind


Coworking unterstützt als dritte Säule des flexiblen Arbeitens die Produktivität und die Innovation. Nicht nur Startups und Digitale Nomaden profitieren davon, auch grössere Unternehmen ziehen Nutzen.


Text: Urs Binder




Wissensarbeiter, die in der Schweiz laut Eurostat 2015 43 Prozent der Beschäftigten ausmachen, profitieren potentiell am meisten von flexiblen Arbeitsformen. Dennoch sind traditionelle Arbeitsmodelle nach wie vor die Regel, wie etwa der Flexwork Survey 2016 der Work Smart Initiative zeigt: Erst 24 Prozent der Befragten arbeiten «sehr häufig» oder «des Öfteren» mobil. Gleichzeitig wandelt sich die Wirtschaftslandschaft fundamental. Innovation entsteht in kleinen Startups, grosse Unternehmen beziehen einzelne Dienstleistungen von hoch spezialisierten Mikrounternehmen, und gemäss der Studie «Arbeitsplatz der Zukunft» von Deloitte ist ein Viertel der Erwerbstätigen haupt- oder nebenberuflich als Freelancer unterwegs. Fixe Arbeitsorte und Präsenzzeiten passen schlecht in ein solches Umfeld.


Drei Flexwork-Szenarien

Neben der Arbeit im Firmenbüro bieten sich drei Szenarien für das flexible Arbeiten an: Home Office spart Arbeitswege, schränkt aber den Kontakt zum Team ein. Mobile Office – also unterwegs im Zug, im Café und überall dort arbeiten, wo eine Internetverbindung möglich ist – bietet höchste Flexibilität, kommt jedoch der Konzentration nicht gerade entgegen. Einen Mittelweg zwischen dem flexiblen, aber relativ einsamen Arbeiten zuhause und dem Corporate Office bietet Coworking: Mit anderen zusammen in einem Raum arbeiten und eine gemeinsame Infrastruktur nutzen – stunden- oder tageweise oder auch längerfristig. Coworking Spaces schaffen eine angenehme Umgebung, in der sowohl konzentriertes Arbeiten als auch anregende Kommunikation mit Kollegen aus der eigenen oder auch völlig fremden Branchen möglich sind.


Coworking entwickelt sich rasant

Den Begriff Coworking hat der Software-Entwickler Brad Neuberg 2005 geprägt. Mit dem ersten Coworking Space in San Francisco – 8 Plätze, untergemietet im alternativen Wellnesszentrum Spiral Muse – wollte Neuberg die Freiheit und Unabhängigkeit der selbstständigen Arbeit mit der Struktur und dem Gemeinschaftsgefühl verbinden, die bei der Zusammenarbeit mit anderen entstehen. Auf diesen Anfang sind die noch heute in vielen Coworking Spaces geltenden Grundwerte Community, Openness, Collaboration, Sustainability und Accessibility zurückzuführen.

Im ersten Monat, so Neuberg in seinem Blog, wollte niemand sein Angebot nutzen, doch seither hat sich die Idee weltweit ausgebreitet. Heute existieren Coworking Spaces in den unterschiedlichsten Formen. Die Palette reicht von kleineren Unternehmen, vornehmlich aus der Kreativ- und IT-Branche, die überzählige Büroplätze an Coworking-Interessierte vermieten bis hin zu dedizierten Anbietern mit dutzenden bis hunderten Plätzen wie dem Citizen Space in Zürich – gegründet schon 2007 – und dem Impact Hub mit Standorten in Zürich und Bern, die zu einem globalen, mitgliedschaftsbasierten Netzwerk gehören. In Birsfelden gibt es sogar eine Coworking-Möglichkeit für Handwerker mit Werkstatt- und Lagerräumen. Eine interaktive Karte des Verbands Coworking Schweiz zeigt über 40 Coworking-Spaces in allen Landesteilen, praktisch flächendeckend sowohl in den grossen Städten als auch an weniger naheliegenden Orten wie Bottighofen, Samedan und Glarus Süd. Nicht eingerechnet sind die zahlreichen klassischen Business Center, die ebenfalls vermehrt Büroplätze in offen gestalteten Räumen anbieten.



Für Startups und Grosse

Coworking kommt der Startup-Szene und den digitalen Nomaden optimal entgegen – sie leben vom Austausch und vom Community-Spirit. Aber auch Unternehmen profitieren, wenn sie ihren Mitarbeitenden Coworking ermöglichen oder selbst als Coworking-Anbieter auftreten, wie etwa die ZKB mit dem «Büro Züri». Die Vernetzung mit der Community inspiriert und kann die Innovation fördern. Mitarbeitende können ihre Effizienz und Flexibilität steigern, indem sie zum Beispiel zwischen Kundenterminen eine Coworking-Space nutzen. Coworking Spaces bieten sich als «Third Place» für Wissensarbeiter an, die einen Rückzugsort von der Firma suchen, aber Arbeit und Privatleben trennen wollen – im Home Office ist das nur schwer möglich. Coworking Spaces können zudem als Inspiration für die Gestaltung des Corporate Office dienen, oder als zusätzlicher Ort für Retreats zur fokussierten Projektarbeit und Ideenfindung. Und nicht zulettzt positioniert sich ein Unternehmen als fortschrittlicher Workplace, wenn es seinen Mitarbeitenden Coworking anbietet.


«Für mich bedeutet Coworking Flexibilität – raus aus unseren Gebäuden, aus dem bekannten Büroumfeld, aus der 08:15-Arbeit»


Gaetano Mecenero, Head Content Marketing Strategy & Projects


Coworking in Schweizer Unternehmen

In der Schweiz experimentieren verschiedene Unternehmen mit Coworking, darunter die Post, Migros und die ZKB. Eine Vorreiterrolle nimmt AXA ein, wie Gaetano Mecenero anmerkt, Head Content Marketing Strategy & Projects beim Winterthurer Versicherungsunternehmen. Er zeigt sich begeistert: «Für mich bedeutet Coworking Flexibilität – raus aus unseren Gebäuden, aus dem bekannten Büroumfeld, aus der 08:15-Arbeit». AXA-Mitarbeitende, die nicht an fixe Präsenzzeiten gebunden sind, können über die Online-Plattform PopupOffice unkompliziert freie Coworking-Plätze an über 100 Standorten buchen. Mecenero hat die Zusammenarbeit mit PopupOffice ins Leben gerufen, die Idee beim Management durchgesetzt und treibt Coworking aktiv voran. AXA pflegt auch eine Kooperation mit dem Impact Hub Zürich – Mecenero sieht darin klare Vorteile: «Wir sind uns bewusst, dass wir im digitalen Zeitalter neue Wege gehen müssen. Ein Impact Hub und generell Leute, die digital unterwegs sind, helfen hier sehr.» Verschiedene AXA-Mitarbeitende arbeiten heute jede Woche ein oder zwei Tage im Impact Hub, das Innovation Team von AXA arbeitet dort regelmässig und hält Meetings ab. Und öfter finden Workshops in den Räumen statt – auch mit dem Management.



Coworking mit PopupOffice

Auf der Online-Plattform Popupoffice kann jeder Interessent Coworking-Plätze spontan zum fixen Stundenpreis von derzeit 8 Franken buchen – das Angebot umfasst zahlreiche Coworking-Spaces in Basel, Bern, Genf, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich. Für Geschäftskunden offeriert PopupOffice Firmenaccounts mit automatischer, monatlicher Abrechnung aller gebuchten Stunden und einem Firmendashboard, über das sich die Nutzung live verfolgen lässt.

Coworking-Studie aus Unternehmenssicht

Das Projekt «Expédition Co-Création Leman» hat als eine der ersten Studien Coworking im Hinblick auf etablierte Unternehmen analysiert. Das Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen hat die insgesamt 25 Mitarbeitenden von Swisscom und Microsoft, die während vier Monaten Coworking nutzen konnten, in persönlichen Interviews eingehend dazu befragt. Die Studie fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen Interviews zusammen und macht Handlungsempfehlungen, wie Unternehmen bestmöglich von der Arbeitsform Coworking profitieren können.






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