Kommunikation in Grossfirmen

Kommunikation in Grossfirmen

Das Management muss es richten


Interne Kommunikationskanäle sollen eigentlich die Produktivität steigern. Doch sie werden oft missbraucht – oder komplett ignoriert. Nur das Management kann die Firmenkommunikation positiv verändern.


Text: Adrienne Fichter,




Kundenberater Gerhard Fischer schreibt: «@channel: Ich übergebe meine Schicht an meinen Nachfolger, ich habe leider keinen Schichtplan vor mir. Ein Kunde meinte, er hätte unsere Information neulich nicht ganz verstanden. Wie wäre es, wenn wir uns regelmässig über Kundenfeedbacks austauschen? Schönen Abend noch allerseits!» Wer schon mal mit dem Kommunikationstool Slack gearbeitet hat, dem dürfte dieses Szenario bekannt vorkommen. Schreibt jemand @channel oder @here, erhalten alle möglichen Empfänger die Benachrichtigung via E-Mail, als Desktop-Hinweis oder direkt als Push-Benachrichtigung auf das Smartphone zugespielt.


Dieser Slack-tivismus ist ein Ärgernis für viele Unternehmen. Slack ist ein soziales Netzwerk für Unternehmen. Das Tool wurde dafür konzipiert, die interne Kommunikation mittels verschiedener Kanäle effizienter zu organisieren. Die Ironie dabei: Unternehmen laufen Gefahr, den Mitteilungsdrang ihrer Mitarbeiter anzustacheln und das Gegenteil von effizienter Kommunikation zu erreichen.


«Grund für die digitale Geschwätzigkeit kann Geltungsdrang sein, oder die Angst, dass die eigene Arbeitsleistung nicht wertgeschätzt wird.»


Digitale Geschwätzigkeit

Die digitale Geschwätzigkeit äussert sich auch in E-Mail-Kaskaden, in denen Mitarbeiter sämtliche Führungsebenen ins CC setzen. Grund dafür kann Geltungsdrang sein, oder die Angst, dass die eigene Arbeitsleistung nicht wertgeschätzt wird. Detailhandelsriese Coop errechnete vor einigen Jahren die Höhe des Produktivitätsverlusts infolge der Mailflut und ergriff Massnahmen: «Unsere Mitarbeitenden werden regelmässig für die Grundsätze des E-Mail-Verkehrs sensibilisiert», sagt Coop-Mediensprecherin Andrea Bergmann. So könne ein persönliches Gespräch effizienter sein als die elektronische Kommunikation. Coop bietet regelmässig Kurse zum Thema E-Mail-Management an.


«Die meisten Arbeitnehmer denken, es sei reputationsfördernder, wenn man seinen Leistungsausweis für alle sichtbar macht», sagt Joachim Tillessen vom Kompetenzzentrum Integriertes Kommunikationsmanagement der Fachhochschule Nordwestschweiz. Besonders gefürchtet: der Streber. «Viele Mitarbeiter nervt es, wenn ihre Kollegen zur eigenen Profilierung ständig Inhalte auf unternehmensinternen Plattformen posten» weiss Andreas Jäggi, Geschäftsführer vom Perikom, dem Fachverein für Personalmanagement und interne Kommunikation. Ob diese Art von digitalem Präsentismus à la «Schaut her, wie viel ich gearbeitet habe und was ich alles weiss» in Zeiten von zunehmendem mobilem Arbeiten virulenter geworden ist, weiss niemand – naheliegend ist es alleweil.


«Um Auswüchsen vorzubeugen, müssen Führungskräfte auf allen Stufen in interner Kommunikationskultur geschult werden.»


Führungskräfte sind Vorbilder

Die Hauptursache für das fehlgeleitete Kommunikationsbedürfnis liegt nicht etwa in der Technik, sondern in der von der Firma gepflegten Kommunikationskultur. «Interne Kommunikation soll kultur- und nicht technologiegetrieben sein», sagt Tillessen. «Es bringt nichts, wenn eine HR-Abteilung, die nicht nah bei den Leuten ist, Regelungen zur internen Kommunikation verabschiedet. Die Regelungen müssen vor allem oben vorgelebt werden».


Konkret heisst das: Um Auswüchsen vorzubeugen, müssen Führungskräfte auf allen Stufen in interner Kommunikationskultur geschult werden. Sie sollen kommunizieren, welche Verhaltensweisen erwünscht sind, wofür die jeweiligen Plattformen konkret gedacht sind – ob für News, Inspiration, produktive Prozesse oder zum Wissenstransfer – und diese am eigenen Beispiel demonstrieren. Sind «Unsichtbarkeitsängste» bei Mitarbeitern vorhanden, die vorwiegend zu Hause arbeiten und deswegen überproportional viel kommunizieren, sollen Vorgesetzte durch wertschätzendes Verhalten diese Unsicherheiten abbauen.


Mitarbeiter ignorieren Intranet

Viele Unternehmen in der Schweiz haben aber auch mit dem gegenteiligen Problem zu kämpfen: dem «Empty Disco»-Phänomen, wie es Barbara Josef, Mitgründerin der Büros 5to9 und ehemalige Leiterin Kommunikation von Microsoft Schweiz nennt. Damit gemeint sind firmeninterne Plattformen, die auf keine Akzeptanz in der Belegschaft stossen. Wie beispielsweise beim Lift- und Rolltreppenhersteller Schindler. Für das Kommunikationskonzept «mySchindler» erhielt es zwar die «Bronzene Feder» vom Schweizerischen Verband für interne Kommunikation SVIK. Die Jury bemängelte jedoch die starke IT-Lastigkeit des Konzepts und die fehlende Berücksichtigung kultureller Faktoren. Diese hätte dazu geführt, dass die Mitarbeiter die neue Plattform ignoriert hätten.


Die 100 grössten Unternehmen (nach Mitarbeitergrösse) der Schweiz betreiben laut einer Umfrage von Perikom alle ein Intranet. Doch viele dienen lediglich als Dokumentenablage und nicht für den effizienten Austausch. Es zeigt sich ausserdem, dass das mittlere und obere Management zu oft durch Abwesenheit glänzt. «Dies führt dazu, dass die Mitarbeiter kaum Anreize haben, diese Plattform zu nutzen, weil sie den Eindruck haben, ihr Engagement werde nicht gesehen.» sagt Arbeitsexpertin Barbara Josef. «Es ist in erster Linie entscheidend, das Management für neue Plattformen zu gewinnen. Sie müssen Vorbild sein», hält auch Olivia Bachofer, Brand & Communication Managerin von Schindler, als Learning fest.




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