Im Gespräch mit Sylvère Leu

«Kunden wollen keine Innovationen»

Als Chief Innovation Officer von Meyer Burger lenkt Sylvère Leu aktiv die Innovationsfähigkeit der auf die Solarindustrie fokussierten Technologiegruppe. Persönlich jagt Leu derweil nicht jeder Neuentwicklung hinterher.

Claudia Bardola

Herr Leu, welches ist der grösste Widerspruch in Sachen Innovation, mit dem Sie in der Marktrealität konfrontiert sind?

Eigentlich wollen Kunden ja keine Innovationen, sondern nur schneller und günstiger leistungsfähigere Produkte herstellen können. Innovationen sind auf unserer Seite nötig, um ihnen das bieten zu können. Ein wichtiger Teil unserer Strategie ist es darum, abzuklären, inwieweit die Kunden überhaupt bereit sind, die geplanten Innovationen mitzumachen.

 

Wie hat sich denn dieser Widerspruch schon konkret geäussert?

Ein Chinese hatte mir vor Jahren einmal gesagt, er könne unsere Anlagen nicht kaufen, weil man unsere Technologie nicht kopieren könne. Er wollte dabei nicht unsere Anlage nachbauen. Vielmehr hatte er Angst, zu stark von uns abhängig zu sein, weil die Mitbewerber nicht in der Lage sind, vergleichbare Technologien zu entwickeln.

 

Alleine machen oder möglichst zusammenarbeiten: Was ist Ihr Ansatz?

Es braucht beides. Heute kann keiner mehr jedes Teilgebiet auf höchstem Niveau beherrschen. Wir benötigen auch als Technologieführer Entwicklungspartnerschaften. Grob geschätzt verteilt sich der Anteil an einer Neuentwicklung heute zu einem Drittel auf Impulse, die aus der Zusammenarbeit mit den Kunden kommen. Ein Drittel steuern externe wissenschaftliche und industrielle Partner bei und ein Drittel erarbeiten wir in unseren eigenen Labors.

1/4 Für die auf die Solarindustrie fokussierte Technologiegruppe Meyer Burger sind Entwicklungspartnerschaften ein zentraler Faktor zur Erhöhung der Innovationsfähigkeit.

2/4 Problemsolver Leu arbeitet viel und gerne: «Wenn man mit Herzblut bei der Arbeit ist, geht sie einem leicht und gut von der Hand.»

3/4 Immer dabei und vielgenutzt: In seinem kleinem, schwarzen Notizbüchlein hält Innovationsmensch Sylvère Leu Blitzgedanken und kreative Ideen fest.

4/4 Sylvère Leu ist praktisch 24-Stunden für sein Unternehmen erreichbar – sogar in den Ferien: «Ich hatte noch nie den Mut, das Handy zuhause zu lassen. Gleichzeitig beruhigt es mein Gewissen, wenn ich auch im Urlaub Kontakt zur Firma, quasi meiner Homebase, habe.»

1/4 Für die auf die Solarindustrie fokussierte Technologiegruppe Meyer Burger sind Entwicklungspartnerschaften ein zentraler Faktor zur Erhöhung der Innovationsfähigkeit.

Und Sie persönlich, wie handhaben Sie technische Innovation?

Besitzen Sie jeweils die neusten Gadgets und Smartphones, oder setzen Sie eher auf einen alten Quasselknochen und Papieragenda? Eine Papieragenda besitze ich zwar nicht mehr, aber ehrlich gesagt mache ich auch nicht jede Entwicklung und Innovation mit, sondern benutze meine Geräte relativ lange. Zum einen aus ökologischen Gründen, zum anderen auch, um nicht ständig umlernen zu müssen.

 

Wer ist Herr Leu, der Manager?

Vernetzend und gleichzeitig situativ angepasst.

«Ein Chinese hatte mir vor Jahren einmal gesagt, er könne unsere Anlagen nicht kaufen, weil man unsere Technologie nicht kopieren könne.»

Wie packen Sie demnach neue Herausforderungen an?

Ich bin ein analytischer Typ, der zuerst immer versucht, die Dinge zu verstehen. Danach muss ich sie ausprobieren, um zu sehen, was und wie etwas wirklich funktioniert. So wollte ich nach vier Jahren als Elektroingenieur die wirtschaftliche Seite der Produktion besser verstehen und habe darum zusätzlich ein Wirtschaftsstudium an der HSG gemacht. An der ETH lernt man, konvergent zu denken: Eine Änderung im System hat eine bestimmte Wirkung. Betriebswissenschaftler denken demgegenüber divergent. Sie spielen möglichst viele Varianten durch, um das Spektrum der möglichen Wirkungen abschätzen zu können. Solche Unterschiede faszinieren mich.

 

Das klingt nach dem geborenen Problemlöser.

Ja, und deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, ausserhalb des Innovationsbereichs tätig zu sein. Es birgt für mich eine unglaubliche Spannung und Befriedigung, jeweils genau den Moment zu finden, in dem eine Idee eingefroren werden und zur Umsetzung gebracht werden muss.

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