Kolumne

Der Cloud-Computing-Graben

Viele denken, der Unterschied zwischen Cloud Computing und klassischer IT sei ein kleiner. Das ist allerdings eine fatale Fehleinschätzung. Es gibt einen eigentlichen Cloud-Computing-Graben, und der wird laufend breiter.

Andreas Von Gunten

Seit 15 Jahren bin ich überzeugter Nutzer der Cloud, und ich staune immer wieder, wie rückständig wir in Sachen Cloud Computing immer noch sind. Es gibt sie zwar, die löblichen Ausnahmen – sowohl Anwender wie auch Anbieter. Doch sie bilden eine kleine Minderheit.

 

Zwischen ihnen und der grossen Mehrheit klafft ein eigentlicher Cloud-Graben: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die jederzeit mit jedem Endgerät und über die Unternehmensgrenzen hinweg in Teams an denselben Daten und Dokumenten arbeiten können. Auf der anderen Seite sind die, die zuerst in der IT-Security einen VPN-Zugang für einen externen Partner beantragen müssen, um ihm dann ein Log-in zu einer eigens betriebenen Collaboration-Umgebung geben zu können, mit der allerdings niemand arbeitet, weil sie völlig unzulänglich ist. Während die einen an einer Sitzung eine Prozessänderung beschliessen und innert Tagen, wenn nicht Stunden, in der Cloud-Infrastruktur umsetzen, müssen die anderen dafür ein IT-Projekt bewilligen lassen, das mindestens drei bis sechs Monate dauert und einen fünfstelligen Betrag verschlingt.

«Noch schlimmer als die Cloud-Verweigerer sind allerdings die Cloud Washer.»

Verweigerer und Washer im IT-Keller

Die Verweigerer der Cloud sitzen erstaunlicherweise vielfach in den IT-Abteilungen der Unternehmen. Dort, wo früher einmal Neugierde und Dynamik zum Alltag gehörten, hat sich eine Lizenzen- und Zertifikatsverwaltermentalität breitgemacht.

 

Noch schlimmer als die Cloud-Verweigerer sind allerdings die Cloud-Washer, von denen es in letzter Zeit an den Fachmessen und IT-Veranstaltungen nur so wimmelt. Das sind die IT-Verantwortlichen, -Berater und -Verkäufer, die Ihnen weismachen wollen, dass Sie nun auch auf «Cloud Computing» setzen sollen. Sie meinen aber die sogenannte Private Cloud und wollen damit eigentlich nichts anderes, als dass alles beim Alten bleibt. Aber glauben Sie mir: Wenn Ihre «Cloud» in Ihrem eigenen Keller steht, haben Sie keine flexible Cloud, sondern eine hochkomplexe IT-Infrastruktur, die Ihre Innovationskraft hemmt und Ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den tatsächlichen Cloud-Nutzern verringert.

 

Auf welcher Seite des Grabens stehen Sie?

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Andreas Von Gunten

Andreas Von Gunten (1968) ist Gründer und Geschäftsführer von buch & netz, einem Buch- und Onlineverlag für die vernetzte Welt. Vorher hat er unter anderem Parx als Salesforce.com-Beratungsunternehmen gegründet und war während vieler Jahre als Cloud-Computing-Evangelist im Einsatz.

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