Titelthema «ICT und Innovation»

Im Wettbewerb gegen die eigene Mentalität

Schweizer Unternehmen müssen ihre Entwicklungsprozesse beschleunigen, um nicht von Mitbewerbern überholt zu werden. In der für die Agilität grundlegenden IT sind sie aber ausgesprochen konservativ.

Daniel Meierhans

Franz Brinken, CEO des Werkzeugmaschinenherstellers Starrag, bringt in einer aktuellen Studie eine der zentralen Herausforderungen der Schweizer Industrie mit einem handfesten Vergleich auf den Punkt: «In der Schweiz dauern Entwicklung, Produktion und Markteinführung einer Maschine bis zu fünf Jahre. Die Asiaten sind in maximal zwei Jahren auf dem Markt.» Die Studie «Innovation – Neu erfunden» des Beratungsunternehmens Deloitte sieht denn auch die Schweizer Hersteller unter Zugzwang. Sie müssen ihre Innovationsprozesse beschleunigen und den Mut haben, Risiken einzugehen, wenn sie nicht von ihren weltweiten Mitbewerbern überholt werden wollen.

 

Geschwindigkeit statt absolute Zuverlässigkeit

Deloitte verweist damit auf eine Entwicklung, die nicht nur den Werkplatz Schweiz, sondern sämtliche international tätigen Unternehmen betrifft: In den seit der Finanzkrise immer volatileren und stärker umkämpften Märkten wird die Geschwindigkeit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor. Innerhalb von fünf Jahren kann ein Konkurrent eine zwar nicht ganz so gute, dafür aber kostengünstigere Lösung lancieren. Ebenso gross ist das Risiko, dass sich die Anforderungen grundsätzlich ändern, etwa wenn die Energiepreise fallen oder wenn sich in den Abnehmerländern die Kundensegmente verschieben. Die Schweiz steht damit nicht zuletzt auch vor einer mentalen Herausforderung. Statt absolute Qualität und Zuverlässigkeit sind vermehrt Risikofreude und Flexibilität gefragt. Diese Eigenschaften gewinnen zusätzlich an Gewicht, weil heute kaum mehr ein Unternehmen neue Produkte vollkommen eigenständig entwickeln kann. Für spezifisches Fach-Know-how, etwa aus der Informatik, den Materialwissenschaften oder dem Interaction Design, müssen spezialisierte Entwicklungspartner miteinbezogen werden.

 

Fokus auf Betrieb statt Veränderung

Wie schwer sich Schweizer Firmen mit Risikofreude und Offenheit tun, zeigt sich exemplarisch im IT-Einsatz. «Nur rund 10 Prozent der Schweizer Unternehmen nutzen bisher Public-Cloud-Computing und auch die nur in einem sehr bescheidenen Umfang. Dies zeigt indirekt, dass die wenigsten eine Cloud-Strategie haben», gibt Michael MacNicholas, Director Technology Advisory von Deloitte in der Schweiz, zu bedenken. In anderen Industrieländern nutzen laut der CIO Survey 2013 von Deloitte demgegenüber bereits 23 Prozent der Firmen Services aus der öffentlichen Cloud.

1/4 Die Agenden der Schweizer CIO werden von Betriebs- und Kostenthemen dominiert. Das Vorantreiben neuer digitaler Business-Modelle kommt erst an fünfter Stelle. International ist das genau umgekehrt. (Zu den Zahlen: Die Antwortoptionen waren für die Schweiz und international nicht genau gleich.)

2/4 Digitale Strategien voranzutreiben hat geringe Priorität. Dies wirkt sich direkt auf die Möglichkeiten der IT aus, Business-Innovationen zu entwickeln: Den CIO fehlen die personellen und materiellen Ressourcen.

3/4 Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den höchsten IT-Ausgaben pro Mitarbeitender. Dennoch werden moderne IT-Techniken vergleichsweise wenig genutzt. Damit droht sie – speziell im Cloud-Bereich – auch in Sachen innovative Business-Modelle in Rückstand zu geraten.

4/4 Die Schweizer CIO führen mit dem Datenschutz und der Gesetzgebung einen externen Faktor als Hauptgrund für die geringe Cloud-Nutzung an. Dies überrascht insofern, als dass heute viele Angebote genau diese Fragen adressieren.

1/4 Die Agenden der Schweizer CIO werden von Betriebs- und Kostenthemen dominiert. Das Vorantreiben neuer digitaler Business-Modelle kommt erst an fünfter Stelle. International ist das genau umgekehrt. (Zu den Zahlen: Die Antwortoptionen waren für die Schweiz und international nicht genau gleich.)

Die tiefe Cloud-Adaptionsrate in der Schweiz ist Ausdruck einer im Vergleich mit den weltweiten Konkurrenten grundsätzlich konservativeren Haltung in Sachen IT. Während die CIOs der Mitbewerber ihren Hauptfokus darauf ausrichten, Veränderungen möglichst schnell implementieren zu können, steht hierzulande die Aufrechterhaltung des Betriebs zuoberst auf der Prioritätenliste. «Dies hängt allerdings auch damit zusammen, dass Schweizer Unternehmen eine vergleichsweise hochstehende und komplexe IT mit einem sehr grossen Individualisierungsgrad aufgebaut haben», wie MacNicholas relativiert.

«Statt absolute Qualität und Zuverlässigkeit sind vermehrt Risikofreude und Flexibilität gefragt.»

Abwarten, bis ein Pferdefuss wächst

In der Vergangenheit haben sich Schweizer Unternehmen mit ihrer Zurückhaltung zwar manchen überschätzten Hype erspart. Wenn nun aber das Internet der Dinge, die Industrie 4.0, Big Data, Mobile Commerce, Bring your own Device und andere Consumerization-Technologien oder ein sich abrupt veränderndes Geschäftsumfeld immer schnellere und vor allem flexiblere Antworten verlangen, könnte diese Haltung schon bald zum Pferdefuss mutieren. Der Ball liegt, laut MacNicholas, beim Management: «Wie unsere Umfrage zeigt, wären die IT-Verantwortlichen selber sehr gerne als Innovationstreiber aktiv. Die Schweizer Geschäftsleitungen sehen die IT aber vor allem als Serviceabteilung und erkennen ihr Innovationspotenzial in den meisten Fällen noch zu wenig.»

Herausforderung Innovation

Die Studie von Deloitte zeigt auf, wie Schweizer Firmen auf den steigenden Innovationsdruck reagieren können (englisch):

«Innovation reinvented»

CIO Barometer

Die Stellung der IT in Schweizer Unternehmen und wo der Schuh bei den Schweizer CIOs drückt:

Switzerland CIO Survey 2013

Agilität in der IT

Eine agile IT umfasst die Dimensionen Flexibilität und Qualität. Konkret soll auf neue Herausforderungen zeitnah reagiert werden (Kernprozesse anpassen, Software weiterentwickeln) und ein hoher Qualitätsstandard gewährleistet werden können (Erfüllen der Funktionsanforderungen, Service Levels).

Agile IT

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