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Fahrer lenkt, Auto denkt

Die Fahrzeughersteller integrieren die Smartphones in ihre Boardcomputer. Sprachsteuerung und lokalisierte Apps eröffnen im Auto quasi unbegrenzte Möglichkeiten – nicht zuletzt auch für die Werbung.

Beat Hochuli

«Hallo, Phone, ich habe einen Heisshunger. Wo gibts hier in der Gegend einen wirklich guten Italiener?» – «Hallo, hier gleich um die Ecke leider nicht – aber ich lotse dich zur Osteria della Mamma. Stau hats keinen bis dorthin.» – «Okay, ich weiss, wo das ist. Du brauchst mich nicht zu lotsen. Aber lies mir doch inzwischen meine neuesten Mails vor.»

 

Autobauer erliegen den Avancen

Wenn es nach den Vorstellungen der Smartphone- und Autohersteller geht, werden solch trauliche Gespräche zwischen Fahrer und Boardcomputer schon bald automobiler Alltag. Nach den eher dilettantischen Basteleien der vergangenen Jahre macht Apple mit dem iOS-gesteuerten CarPlay und Google mit der Android-basierten Open Automotive Alliance (OAA) nun wirklich Ernst. Den beiden IT-Riesen schwebt dabei jeweils dasselbe vor: Sie wollen ihre Smartphone-Plattformen so weit wie möglich in die Infotainment- und sogar in die Betriebssysteme der Autobauer integrieren. Diese haben auf der Gegenseite ihre bisherige Zurückhaltung gegenüber den Avancen aus dem Silicon Valley abgelegt.

 

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Vor allem jüngere Fahrer wünschen sich fürs Auto dasselbe Look-and-Feel und die gleichen praktischen Apps wie auf dem Smartphone.

Im Wagen ist auf dem Phone

Der Grund dafür ist so klar wie einfach: Mercedes, Toyota, Peugeot, GM und Konsorten haben in den vergangenen Jahren Unsummen in die Entwicklung eigener Hard-/Software-Konsolen gesteckt und sich damit gleichzeitig von ihrer Kundschaft entfernt. Denn ihre Klientel, vor allem die jüngere, setzt sich mittlerweile vornehmlich aus iPhone- und Android-Aficionados zusammen. Und diese wünschen sich in ihren Autos primär eines: dasselbe Look-and-Feel und die gleichen praktischen Apps, die sie als Smartphone-Anwender zu schätzen gelernt haben.

Intelligente Sprachassistenten werden mittels Freisprechfunktion so ziemlich jeden Wunsch der Lenkerinnen und Lenker erfüllen.
Frei sprechen – über alles

Mit den neuen Allianzen stehen auch den hoch innovativen App-Entwicklern Tür und Tor in die schöne neue Auto-Welt offen. Intelligente Sprachassistenten wie Siri von Apple und Cortana von Microsoft – ja, auch Windows soll via Smartphones aufs Armaturenbrett kommen – werden mittels Freisprechfunktion so ziemlich jeden Wunsch der Lenkerinnen und Lenker erfüllen. Einzig die Bedienung via Touchscreen, die für alle Plattformen vorgesehen ist, dürfte bezüglich der Verkehrssicherheit noch für Gesprächsstoff sorgen. Noch – denn es ist absehbar, dass im Lauf der weiteren Entwicklung alles mithilfe der Sprachassistenten abgewickelt wird: von der Musikauswahl über die Navigation bis hin zu Staumeldungen, lokalen Info-Diensten und Service-Apps jeder erdenklichen Art.

 

Autotalk und Werbevisionen

Das Beste an der Geschichte: Smartphone-vernetzte Autos können sich auch untereinander verständigen. Bemerken die Sensoren beispielsweise Glatteis, können sie so die nachfolgenden Fahrzeuge warnen. Lukrative und hochspezifische Möglichkeiten eröffnet die Integration der Smartphones ins Auto aber auch der Werbung. Wer beim Fahren etwas sucht, will möglichst schnell eine Lösung und ist viel weniger preissensitiv. Zudem verrät das Automodell auch einiges über die Grösse des Geldbeutels.

Beat Hochuli

Der Autor ist freischaffender ICT-Journalist. Er beobachtet die Technologiewelt aus Kota Kinabalu, Malaysia, wo er seit mehreren Jahren lebt.