Unterwegs

Home Office – Zwang zur Präsenz versus Flexibilität

In Deutschland wird Home Office wieder zum Auslaufmodell. In der Schweiz zeigt der Trend in die andere Richtung. Der Grund: unterschiedliche Unternehmenskulturen und der hiesige Fachkräftemangel.

Claudia Bardola

Deutsche Unternehmen pfeifen ihre Home-Office-Mitarbeitenden wieder zurück ins Büro – zu diesem Schluss kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. So ist der Anteil der regelmässig von zuhause Arbeitenden massiv zurückgegangen und befindet sich mit 8 Prozent auf dem Stand von vor rund zwanzig Jahren. Den Grund vermuten die Studienautoren in der Unternehmenskultur, die in unserem nördlichen Nachbarland wieder vermehrt von Präsenzzwang für Mitarbeitende und Kontrollwahn seitens des Managements geprägt sei.

 

Hierzulande wird derweil Anwesenheit nicht mit Leistung gleichgesetzt: «Die Schweiz spielt in Sachen Home Office im europäischen Vergleich im oberen Drittel mit. Bis zu 25 Prozent der Beschäftigten erledigen ihren Job regelmässig von zuhause aus», sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Johann Weichbrodt, der an der Fachhochschule Nordwestschweiz unter anderem im Bereich flexible Arbeitsformen forscht.

 

Produktiver und attraktiver durch Flexwork

Weichbrodt hat die diesjährige FlexWork-Studie geleitet, bei der Schweizer Unternehmen zur örtlichen und zeitlichen Arbeitsflexibilität befragt wurden. Dieser zufolge hat über die Hälfte der Firmen aus dem Sektor der wissensintensiven Dienstleistungen – der grössten Branchengruppe der Schweiz – flexibles Arbeiten weitgehend etabliert oder befindet sich in der entsprechenden Umbruchphase. Weichbrodt überrascht die hohe Quote nicht: «Flexible Arbeitsmodelle mit Home-Office-Möglichkeiten sind angesichts des Fachkräftemangels ein wichtiges Recruiting-Argument.» Zudem können Unternehmen damit bei der Bürofläche sparen, die Umwelt durch den reduzierten Pendlerverkehr schonen und auch den Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft besser entsprechen. Untersuchungen zeigen weiter, dass Mitarbeitende im Home Office um bis zu 15 Prozent produktiver sind.

 

Unternehmen wollen weiter Gas geben

Dass der in Deutschland festgestellte Home-Office-Negativtrend mittelfristig auf die Schweiz überschwappen könnte, glaubt Weichbrodt nicht: «Dafür sehen wir keinerlei Anzeichen. Im Gegenteil: Gemäss unserer Studie will sich eine Mehrheit der Grossunternehmen in den nächsten Jahren in Sachen Arbeitsflexibilität klar weiterentwickeln.» Insbesondere was betriebliche Regelungen sowie HR-Massnahmen angeht, wollen und müssen die grösseren Unternehmen noch aufholen: Der Studie zufolge hat gerade mal ein Viertel eine für alle zufriedenstellende Policy gefunden.

«Flexible Arbeitsmodelle mit Home-Office-Möglichkeiten sind angesichts des Fachkräftemangels ein wichtiges Recruiting-Argument.»

Johann Weichbrodt

«Grundsätzlich gibt es in Sachen Flexwork noch erhebliches Potenzial», sagt Weichbrodt. Er hält jedoch gleichzeitig fest: «Nicht jede Firma muss superflexibel werden. Entscheidend ist vielmehr die optimale Passung.» Ein Unternehmen müsse das eigene Tempo finden und dabei sicherstellen, dass sich die einzelnen Dimensionen wie Technologie, Führungskultur und Regelungen möglichst im Gleichschritt entwickeln.

 

Jenen Betrieben, die hier erst am Anfang stehen, gibt der Experte zu bedenken: «Flexible Arbeitsmodelle funktionieren nicht von heute auf morgen perfekt. Man muss einkalkulieren, dass es zunächst Ungleichheiten gibt und ein gewisses Chaos durchaus zum Lernprozess gehört.»

Webinar

Am 27. Mai 2014 haben Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zum Thema «Neue Arbeitsformen – neue Führungskultur» diskutiert.

Aufzeichnung Webinar

Hilfestellungen

Die Schweiz auf dem Weg zu mehr Produktivität und Lebensqualität: Ist Ihr Unternehmen fit für flexible Arbeitsformen?

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Unternehmen und Mitarbeitende können sich mit Checklisten für Home Office rüsten.

Tipps und Tricks

Welches Potenzial birgt flexibles Arbeiten? Berechnen Sie Arbeitsstunden, Datenmenge und Kilometer für ihr Unternehmen:

Arbeitsstundenrechner

Lektüre

«Ohne Spielregeln kein flexibles Arbeiten»: Helia Burgunder, Leiterin Customer Care KMU bei Swisscom, über Organisation, Disziplin und Vertrauen als Voraussetzungen für erfolgreiches flexibles Arbeiten.

Artikel in «Der Organisator» (13.06.14)

Johann Weichbrodt

Dr. Johann Weichbrodt ist Arbeits- und Organisationspsychologe. An der Hochschule für Angewandte Psychologie der FHNW ist er Lehrbeauftragter für qualitative Forschungsmethoden und wissenschaftlicher Mitarbeiter. Zu seinen Forschungsinteressen zählen Home Office und flexible Arbeitsformen.