Porträt

«Ich bin keine Erbsenzählerin»

Wie ist es eigentlich, jedes interne Big-Data-Projekt mit mahnendem Zeigefinger zu begleiten? Das weiss Gabriele Schmid, Datenschützerin bei der Schweizerischen Post.

Claudia Bardola

«Auch wenn unsere Kunden verständlicherweise sensibel sind - aus wirtschaftlicher Sicht kann sich die Post dem Thema Big Data nicht verschliessen und hat es seit Längerem in ihre Strategie integriert. Als Datenschutzbeauftragte des Konzerns bin ich in die internen Big-Data-Projekte involviert. Grundsätzlich sind für mich als Rechtsanwältin vor allem die den Systemen zugrundeliegenden Algorithmen und deren Kontrolle sehr schwierig nachzuvollziehen. Mir stellt sich dabei unter anderem die Frage: Sind die anonymisierten Daten auch morgen und übermorgen noch anonym oder kann durch die Verknüpfung von immer mehr Informationen nicht doch plötzlich ein Personenbezug hergestellt werden? Deshalb ist es unser Auftrag, Techniken, Verfahren und Prozesse so auszubilden, dass sie transparent und auch langfristig datenschutzfreundlich sind. 

 

Zurzeit geht unser Ansatz eher in Richtung Small Big Data. Wir treiben primär mehrere kleinere Vorhaben voran, die auf die Optimierung interner Abläufe und auf einen Mehrwert für unsere Kunden abzielen. Natürlich bin ich in meiner Rolle als Datenschützerin für die Projektverantwortlichen nicht immer bequem und habe ab und zu mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass unsere Arbeit Projekte verzögert oder verteuert. Deshalb betreiben wir als Datenschutzstelle auch eine gewisse Lobbyarbeit und versuchen, uns möglichst früh in die Projekte einzubringen. Denn wenn bereits fertige Projekte auf ihre Datenschutzkonformität beurteilt und dann allenfalls noch angepasst werden müssen – dann kann es wirklich teuer und mühsam werden.

«Natürlich bin ich in meiner Rolle als Datenschützerin für die Projektverantwortlichen nicht immer bequem.»

Natürlich steht die Einhaltung aller regulatorischen und internen Vorgaben immer im Fokus. Aber ich sehe mich nicht als Erbsenzählerin und fahre einen möglichst pragmatischen Ansatz. Dazu gehört auch, sich auf Diskussionen einzulassen und mit den Verantwortlichen einen gemeinsamen Konsens zu finden – denn gerade in einem Konzern wie der Post muss der Datenschutz von allen mitgetragen werden. 

 

Auch den Umgang mit meinen ganz persönlichen Daten würde ich als bewusst, aber durchaus liberal bezeichnen. Ich nutze die elektronischen Medien intensiv und wie jeder andere Konsument auch. Wenn mir eine Datenweitergabe einen gewissen Mehrwert bietet und auch transparent ist, dann nehme ich die entsprechenden Risiken ganz bewusst in Kauf. Beispiel Kundenkärtchen: Wenn Coop oder Migros meinen persönlichen Warenkorb auswerten und mir dafür bezogen auf mein Einkaufsverhalten einen passenden Rabattgutschein anbieten – wieso nicht?

 

Trotz vielfach hektischer Arbeitstage versuche ich, mir im Arbeitsalltag gezielt kurze Verschnaufpausen zu verschaffen. Dann schnappe ich mir am liebsten eine Tasse heissen Kaffee und lüfte auf unserer Dachterrasse mit ihrem gigantischen Ausblick auf die Berner Altstadt meinen Kopf. Privat tanke ich vor allem Energie bei gemeinsamen Erlebnissen mit meiner Familie.»

Gabriele Schmid

Gabriele Schmid ist seit 12 Jahren bei der Schweizerischen Post im Bereich Datenschutz tätig. Seit rund sechs Jahren amtet sie als offizielle Datenschützerin des Konzerns. Die Rechtsanwältin wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen im Primarschulalter im Berner Seeland.

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