Interview

«Die Patienten wollen zunehmend mitbestimmen»

Ärzte, die Patientenakten per Fax übermitteln, treffen auf voll digitalisierte Spitäler. Mit der Einführung des elektronischen Patientendossiers prallen Welten aufeinander. Mitten drin: Stefano Santinelli, CEO Swisscom Health AG.

Hansjörg Honegger

Dialogue Magazin: Swisscom ist ein Telekom-Unternehmen, das massiv im Gesundheitswesen mitmischt. Wie kommt das?

Stefano Santinelli: Es gibt zwei Megatrends im Gesundheitswesen, einerseits die Digitalisierung der Prozesse und Informationen. Das fand in verschiedenen Branchen bereits statt, beispielsweise bei den Banken. Andererseits sehen wir eine gewisse Consumerisation, wie es auf Englisch heisst, des Gesundheitswesens. Die Patienten sehen sich nicht mehr dem Gesundheitswesen ausgeliefert, sondern wollen zunehmend mitbestimmen und nutzen alle Möglichkeiten der Digitalisierung: Internetrecherche, Wearables, die verschiedene Gesundheitsparameter messen, usw. 

 

Und wo positioniert sich Swisscom?

Für uns ergeben sich vier Geschäftsfelder. Erstens brauchen Ärzte, Apotheken und Spitex eine digitale Lösung für das Patientendossier. Zweitens sind viele Spitäler daran, ihre Informationen und Prozesse zu digitalisieren. Drittens gibt es für Konsumenten viele Wearables in medizinischer Qualität und mit grossem Nutzen. Wir reden in der Schweiz von rund einer halben Million Wearables – von reinen Sport-Trackern bis zu Geräten für Diabetiker, Herzpatienten etc. All diese Geräte liefern Daten, die auch für Ärzte wichtig sind. 

 

 
Vertreibt Swisscom diese Geräte?

Sportgeräte vertreiben wir selbst. Bei den medizinischen Geräten arbeiten wir mit Partnern zusammen. Zum Beispiel seit letztem Herbst mit den TopPharm Apotheken. Hier steht nicht der Vertrieb der Geräte im Vordergrund, sondern die Lösung an sich. Konkret, ein digitaler Gesundheitscheck mittels iPad.

 

Ist Swisscom mit einer Schnittstelle im Gerät oder werden die Daten angeliefert? 

Das ist eine unserer Stärken: Wir verknüpfen alle möglichen Geräte für Patienten, Ärzte, Apotheken oder Spitäler. Wir bieten heute Schnittstellen zu 250 Geräten aus dem Fitness- und Medizinbereich. Der Mehrwert ist, dass wir alle Geräte integrieren, die Daten zentral ablegen und diese patientengerecht aufbereiten. Diese Daten können wiederum mit der Lösung für die Ärzte verknüpft werden und natürlich auch mit denen der Spitäler.

 

Wo liegen diese Daten? 

Die Daten liegen in Rechenzentren der Swisscom und – ganz wichtig – sie gehören ausschliesslich den Nutzern selbst, den Patienten. Swisscom hat keinerlei Vermarktungs- oder Auswertungsrechte an diesen Daten. Das ist ein grosser Unterschied beispielsweise zu den Smartwatches von Apple.

 

Nun ja, AGB sind schnell geändert, wie wir das von Google oder anderen Anbietern wissen.

Stimmt, bei den Wearables beispielsweise ist das Datenhandling per AGB geregelt. Das ist auch eine Frage des Vertrauens. Swisscom wird dieses Vertrauen nicht missbrauchen, das können wir uns gar nicht leisten. Wir werden diese Daten nicht nutzen, das ist kein Geschäftsmodell von uns. Die Daten des Patientendossiers sind klar per Gesetz geschützt. Das ist mit den heutigen, papierbasierenden Patientenakten viel schwammiger geregelt und schwieriger zu kontrollieren. Die Einführung des digitalen Patientendossiers bringt eine sehr viel grössere Rechtssicherheit für Patienten.

«Die Daten gehören ausschliesslich den Nutzern selbst»

Jetzt fehlt noch ein Geschäftsfeld von den vieren, die Sie erwähnt haben.

Stimmt, das ist das klassische Informations- und Telekommunikationsgeschäft. Alle Daten brauchen eine professionelle Infrastruktur: Hosting, Betrieb, Sicherheit, Managed Services, integrierte Lösungen, Stabilität. Diese Services erbringen wir seit Jahren auch für andere Branchen. 

 

Swisscom ist nicht der einzige Anbieter für das Patientendossier. Droht ein Chaos der Standards? 

Nein, für das Patientendossier gibt es in der Schweiz einen allgemeingültigen Standard. 2017 kommt das Gesetz zur Standardisierung und das entsprechende Zertifizierungsverfahren. Heute sehen wir tatsächlich noch viele Insellösungen. Aber am Schluss werden alle Dossiers kompatibel sein. 

 

Was bringt diese ganze Datenerfassung überhaupt – ausser dass sie ein Geschäft ist für die Anbieter?

Es gibt drei Ansätze: Die Digitalisierung der Prozesse zwischen Arzt und Spital bringt eine unmittelbare Effizienzsteigerung. Wir untersuchten, wie viel der Prozess kostet, wenn der Arzt den Patienten ans Spital überweist, der Patient aufgenommen und wieder entlassen wird. Das kostet heute pro Dokument, das hin und her geschickt wird, zwischen 30 und 60 Franken.

«Die Digitalisierung der Patientenakte spart allein schon 190 Millionen Franken»

Warum so viel?

Weil heute Fax noch immer ein wichtiges Kommunikationsgerät ist in vielen Arztpraxen. Druck, Fax, Post, Erfassung von Hand, all das kostet sehr viel. Wird das alles digitalisiert, kostet das noch 3 bis 7 Franken – inklusive der nötigen Investitionen. Nur schon das allein bedeutet eine Einsparung von 190 Millionen Franken für das Schweizer Gesundheitswesen. Sind sämtliche Prozesse so effizient, bedeutet das eine Einsparung von zwei bis drei Milliarden Franken im Jahr.

 

Viele andere Branchen haben die Digitalisierung bereits hinter sich oder zumindest weit vorangetrieben – nicht zuletzt unter massivem wirtschaftlichem Druck. Im Gesundheitswesen kommuniziert man noch per Fax. Ich bin schockiert. Warum ist das so?

Es gibt eine gewisse Asymmetrie der Anreize: Die Ärzte müssten investieren, profitieren würde aber in erster Linie das Spital. Ausserdem investiert das Gesundheitswesen nur gerade 1,5 bis 2 Prozent des Umsatzes in IT. Das ist im Vergleich zu anderen Branchen extrem wenig. Genau hier liegt aber der Mehrwert, den Swisscom bieten kann: Mit diesen 1,5 bis 2 Prozent können wir eine professionelle und moderne Infrastruktur zur Verfügung stellen. 

 

Bringt es auch den Patienten etwas, abgesehen von allenfalls etwas tieferen Prämien?

Ein Beispiel: 75 Prozent der Herzpatienten in Rehabilitation, die mit einer Waage, einem Schrittzähler und einem Blutdruckmessgerät ausgerüstet sind, verbessern innert dreier Monate ihre Risikofaktoren massiv. Diese stetige Motivation über Wearables und Apps ist sehr wertvoll. Es gibt Studien, die eine langfristige Ersparnis im Gesundheitswesen dank Wearables auf zwischen drei und sechs Milliarden Franken schätzen, ermöglicht durch bessere Prävention. Dank eines lückenlosen Patientendossiers sollte die Versorgung durch den Arzt auch besser möglich werden. Allerdings sind diese Benefits im Moment nur sehr schwer quantifizierbar.

 

Wo stehen wir auf dem Weg zu einem digitalisierten Gesundheitswesen?

Heute nutzen rund 20 Prozent der Ärzte ein modernes Praxisinformationssystem und eine moderne Krankengeschichte.

 

Das ist deprimierend …

Stimmt, für uns heisst das aber auch, dass wir mit unserem Angebot genau zur richtigen Zeit einsteigen. Vor drei Jahren lag die Zahl noch bei 5 Prozent. Die jungen Ärzte wollen digitalisieren. Die wollen keinen Server mehr unter dem Schreibtisch haben und eine Praxisassistentin, die am Abend das Back-up-Band mit nach Hause nimmt. Für diese Ärzte sind Software as a Service, Cloudinfrastruktur und mobiler Datenzugriff das tägliche Brot.

 

Wie sieht es mit den Spitälern aus?

Wir rechnen mit einer grossen Digitalisierungswelle bis 2020. Dann wird rund die Hälfte aller Spitäler ihre Daten und Prozesse digitalisiert haben, darunter alle grossen Krankenhäuser.

 

Und wie stehen die Kunden, die Patienten, zu dieser Digitalisierungswelle? Würden die mitmachen?

Ja. 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer hätten gern Zugriff auf ihre elektronischen Gesundheitsdaten. Leider ist das System noch nicht so weit. Aber an den Konsumenten liegt es sicher nicht. Swisscom ist auch bei Krankenkassen aktiv und bietet Lösungen. Swisscom ist hier meiner Meinung nach in einem Interessenskonflikt: Die Krankenkassen haben ganz Interessen als die Ärzte und Spitäler.

«Der Gesetzgeber soll die Rahmenbedingungen festlegen und nicht die Technologie»

Wir bieten für Krankenkassen völlig andere Leistungen an. Hier geht es um ICT-Dienstleistungen und Outsourcing. Dieses Geschäft hat nichts mit medizinischen Daten zu tun. Wir bieten auch Dienstleistungen für die Abrechnung. Zusätzlich bieten wir einige Innovationen an, beispielsweise ein Bonusprogramm mithilfe von Gesundheitsdaten, erfasst durch die Wearables. Die Krankenkassen haben aber keinen Einblick in diese Daten, diese werden von uns gehostet und verwaltet. Noch einmal: Alle Daten gehören den Patienten bzw. den Konsumenten. Sie gehören weder uns noch den Krankenkassen.

 

Wo liegt das grösste Risiko, dass sich die Einführung des elektronischen Patientendossiers noch weiter verzögert?

Ich hoffe sehr, dass der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen festlegt und nicht die Technologie regulieren will. Der Gesetzgeber sollte nicht sagen, dass die Identifizierung mit einer Karte erfolgen müsse. Richtig wäre, wenn er die Erwartungen an die Technologie formuliert: Die Identifizierung muss sicher sein. Den Rest überlässt er den Anbietern.

Digital Health für eine gesunde Schweiz

Dank den innovativen ICT-basierten Lösungen von Swisscom sparen Ärzte, Spitäler und Versicherer wertvolle Zeit und Kosten. Patienten bekommen Einblick in ihre Daten und profitieren von der effizienten Zusammenarbeit ihrer Leistungserbringer.

Zu den Angeboten

Stefano Santinelli

Der 46-Jährige gebürtige Tessiner ist der Gründer und CEO der Swisscom Health AG, einer 100 Prozentigen Tochtergesellschaft der Swisscom. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört es, dem Geschäft zum Wachstum zu verhelfen, Organisationen weiterzuentwickeln und neue Märkte zu erschliessen. Er kann mehr als 20 Jahre Erfahrung als CEO, in der Unternehmensstrategie, im Business Development und im Produktemarketing vorweisen. Zudem ist er im Verwaltungsrat mehrerer Unternehmen. Er beschreibt sich auf Linkedin als charismatischen Leader mit guten analytischen und organisatorischen Fähigkeiten. Zudem bewegt er sich geschmeidig auf dem internationalen Parkett mit mehrjähriger Auslanderfahrung unter anderem in den USA, Deutschland, Russland und Italien. Privat geniesst er Pilates Training und Salat ohne Sauce.

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