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Iron Man wird Industriearbeiter

Mit Exoskeletten lässt sich zwar die Welt nicht retten. Aber sie verbessern das Leben in der medizinischen Rehabilitation und werden jetzt auch fit gemacht für den Industrieeinsatz.

Beat Hochuli

Inwiefern unterscheiden sich Iron Man und Batman von Superman? Wie David Carradine im Film «Kill Bill» richtig feststellt, hat Superman seine übernatürlichen Kräfte sozusagen natürlicherweise erlangt, während Iron Man und Batman zuerst einmal in ihre Spezialanzüge steigen müssen, bevor sie die Welt retten können. Mit anderen Worten: Sie sind für ihre Heldentaten auf sogenannte Exoskelette angewiesen, äusserliche Hightechkörperstützen oder -panzer. 

 

Militärische Versuche mit geringem Erfolg

Nur eine Hollywoodfiktion? Mitnichten, denn intelligente Exoskelette  sind derzeit buchstäblich im Vormarsch. Das war allerdings nicht immer so. Die ersten Modelle für militärische Zwecke wurden zwar bereits Anfang der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts von der US-Rüstungsforschungsbehörde DARPA zusammen mit ihren Partnerinstituten und -firmen entwickelt. Aber so richtig klappen wollte das Ganze lange nicht. 

 

Der Man Amplifier beispielsweise, der von Neil Mizen und seinem Team am Aeronautical Lab der Cornell University gebaut wurde, kam nie zum Einsatz, weil die elektronischen Gelenkverstärker nicht richtig funktionierten. Etwas mehr Erfolg war dann dem 1965 von General Electric präsentierten Hardiman Suit beschieden – allerdings nicht dem ganzen Anzug, sondern bloss seinen exoskelettalen Armen, mit denen der Benutzer Gewichte von 370 Kilogramm heben konnte. 

 

Mittlerweile sind im militärischen Bereich Dutzende von exoskelettbasierten Lösungen entwickelt und getestet worden. Richtig überzeugend sind sie aber alle nicht, weil sie erstens die Soldaten im Einsatz in ihrer Agilität einschränken und zweitens die Batterielaufzeit beschränkt ist, was dann richtig gefährlich werden kann.

 

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Die stuhllosen Stühle sind Exoskelette, die an Beinen und Schuhen fixiert werden und dadurch Industrie- oder Fliessbandarbeiter weitgehend vom eigenen Körpergewicht entlasten.

Daewoo erkennt das industrielle Potenzial

Im industriellen Umfeld lösen sich beide Probleme in Luft auf. Einerseits, weil in einer Produktionsstätte der Akku jederzeit ersetzt oder aufgeladen werden kann, und andererseits, weil sich die exoskelettalen Lösungen exakt auf einzelne Arbeitsumgebungen und -abläufe abstimmen lassen. 

Mit einem Exoskelett heben Arbeiter 30 Kilo ohne jede Mühe. 

Das hat zum Beispiel eine der weltgrössten Schiffswerften, die südkoreanische Daewoo Shipbuilding and Marine Engineering, erkannt. Ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilung hat deshalb eine exoskelettale Roboterhilfe für Facharbeiter entwickelt, mit der sich 30 Kilogramm ohne jegliche Mühe heben lassen. Das ist vor allem für Arbeitsabläufe wichtig, in denen Spezialteile eingesetzt und geschweisst werden müssen – Abläufe also, für die der Einsatz von Robotern ungeeignet wäre. Denn Facharbeiter verfügen über ein grosses Know-how, intuitives feinmotorisches Geschick und Flexibilität – über menschliche Fähigkeiten also, die Vollautomaten bisher noch weitgehend fehlen.

 

Stuhlloser Stuhl und Rehabilitation

Ebenfalls für den Industrieeinsatz konzipiert ist der sogenannte Chairless Chair, den das Schweizer Start-up-Unternehmen Noonee in Zusammenarbeit mit dem Robotiklabor der ETH Zürich entwickelt hat. Die stuhllosen Stühle sind Exoskelette, die an Beinen und  Schuhen fixiert werden und sich per Steuerung und Knopfdruck so einstellen lassen, dass sie den Industrie- oder Fliessbandarbeiter weitgehend von seinem eigenen Körpergewicht entlasten. 

 

Ähnlich, aber sozusagen umgekehrt funktionieren die Exoskelette, die in jüngster Zeit vermehrt in der Rehabilitationsmedizin eingesetzt werden. Sie helfen Menschen, die in ihren Bewegungen stark eingeschränkt sind, ihre Koordination langsam wieder zu erlernen. So beispielsweise das Modell von Ekso Bionics, das gegenwärtig im Paraplegiker-Zentrum Nottwil getestet wird. Wie gesagt: Die Exoskelette sind im Vormarsch.

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Beat Hochuli

Der Autor ist freischaffender ICT-Journalist. Er beobachtet die Technologiewelt aus Kota Kinabalu, Malaysia, wo er seit mehreren Jahren lebt.