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Interview

«Viele Hersteller verlieren den Kontakt zum Kunden»

Bald wird der Währungsschock die Digitalisierung der Industrie beschleunigen, ist Bernhard Lenzin, Head of Industrial Industries von Swisscom, überzeugt. Denn Maschinendaten sind der Schlüssel zu Produktivität und zu neuen Services.

Daniel Meierhans

Liegt die Schweizer Industrie in Sachen Digitalisierung im Rückstand?

Es gibt sicher Firmen, die das Potenzial unterschätzen. Das Gros ist aber auf der Höhe der Zeit. Ich kenne im Gegenteil einige Schweizer Unternehmen, die dem Rest ihrer Branche sogar um Jahre voraus sind.

 

Wieso gibt es bei uns keine nationalen Programme für Industrie 4.0 wie in Deutschland?

Das ist eine Frage, die unseren Politikern gestellt werden müsste. Ich kann sie nicht beantworten, denke aber, dass wir in der Schweiz ganz einfach pragmatisch unterwegs sind. Unsere Unternehmen konzentrieren sich auf konkrete Projekte und erregen weniger Aufsehen. 

 

Besteht die Gefahr, dass die Schweizer Industrie durch den momentanen Zwang zum Sparen den Anschluss verliert?

Ich habe keine magische Kristallkugel. Die Reaktion auf den ersten Währungsschock vor vier Jahren – auf den die Nationalbank mit der Kursuntergrenze reagiert hat – stimmt mich aber optimistisch. Die Unternehmen haben damals in die Automatisierung und die Digitalisierung investiert, Kosten gesenkt und sich geografisch breiter aufgestellt. Die meisten stehen heute besser da als vorher. Der aktuelle Währungsschock hat allerdings einige Unternehmen veranlasst, ihre Investitionen zu überprüfen und ihre Ausgaben zu reduzieren.

 

Ist denn jetzt noch einmal ein ähnlich grosses Optimierungspotenzial vorhanden?

Ich bin klar der Meinung: ja! In den letzten Jahren ist eine ganze Reihe von Technologien marktreif geworden. Denken Sie nur an das Internet of Things, Cloud Computing, die Big Data Analytics oder die additiven Produktionsverfahren. Aber auch im Bereich der Robotik und der künstlichen Intelligenz wurden enorme Fortschritte erzielt. Wer hätte sich vor fünf Jahren vorstellen können, dass 2015 die ersten fahrerlosen Autos auf Schweizer Strassen verkehren? Viele Unternehmen investieren jetzt umso entschlossener. Ich bin mir sicher, dass auch die anderen ihre Chancen packen, sobald sie die akute Kostenproblematik im Griff haben. 

 

In was wird denn derzeit vor allem investiert?

In Technologien, die mehr Kundennähe ermöglichen. Das hat zwei Hauptgründe: Zum einen läuft die Differenzierung heute über möglichst massgeschneiderte Lösungen. Zum anderen will die Industrie ihre Wertschöpfung durch sogenannte Mehrwert-Services erhöhen. Das Problem vieler Hersteller: Sie verlieren nach dem Verkauf den Kontakt zu den Kunden und wissen gar nicht, was diese mit ihren Produkten genau machen. 

«Es ist nicht von Anfang an klar, was funktioniert und was in eine Sackgasse führt. Gold wert sind eigene praktische Erfahrungen.»

Und wie kann Technologie für Kundennähe sorgen?

Heute ist praktisch jede Maschine mit Sensorik ausgestattet. Im Betrieb liefern diese Sensoren extrem wertvolle Daten, die man zum Beispiel für eine sogenannte vorausschauende Instandhaltung nutzen kann. Die Auswertung der Betriebsdaten zeigt, welche Teile nicht mehr sauber funktionieren. Der Hersteller kann also eine neue Dienstleistung aufbauen, die das Risiko von ungeplanten Maschinenausfällen massiv senkt.

 

Derartige Datenanalysen sind für die meisten Firmen Neuland. Können sie das Know-how selber aufbauen oder ist es besser, die Analysen an spezialisierte Dienstleister abzugeben?

Das Know-how selber aufzubauen, nimmt viel Zeit in Anspruch und die benötigten Datenspezialisten sind äusserst rar. Auf der anderen Seite kann man diese Aufgabe aber auch nicht einfach abgeben. Das Erfolgsgeheimnis liegt in der engen Zusammenarbeit. Der Hersteller kennt seine Maschinen am besten. Die Datenspezialisten brauchen genau dieses Wissen, damit sie ein aussagekräftiges mathematisches Modell erstellen können, in dem die Verschleissmuster sichtbar werden. Das ist eine äusserst komplexe Aufgabe. Bei einer Wärmepumpe oder einer Anlage, die landwirtschaftliche Rohstoffe verarbeitet, sind ganz andere Faktoren entscheidend. Aber auch bei der gleichen Maschine können die Einflussfaktoren je nach Einsatz ganz unterschiedlich zusammenhängen. 

 

Wie muss ich mir die Umsetzung eines solchen Projekts vorstellen?

Wir gehen sehr pragmatisch vor. Im Bereich der Predictive Maintenance geht es darum, die Elemente Monitoring, Analyse und Automation in einem Regelkreis zu verknüpfen. In einem Proof of Concept bestimmen wir dafür zuerst gemeinsam mit dem Kunden eine Maschine, bei der relativ häufig Funktionsstörungen auftreten. Danach schliessen wir diese Maschine an unsere Analytics-Cloud-Plattform an. Das dauert ein bis zwei Wochen. Nun sammeln wir während einiger Monate Daten. Nach dieser Monitoring-Phase kommt die Analyse, während der wir nach Mustern suchen, die auf Abnützungen und Störungen schliessen lassen. Diese Muster liefern schliesslich die Basis für die Automatisierungsphase, in der die Prozesse gezielt optimiert werden. Wie gesagt, das alles funktioniert nur in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden.

 

Welche Branchen investieren momentan am stärksten in diese Technologien?

Die Bandbreite der Unternehmen, mit denen wir derzeit Projekte und Machbarkeitsstudien durchführen, ist sehr gross. Sie reicht von Klima-, Heizungs- und Sanitäranlagenproduzenten über Verpackungsunternehmen bis zu Herstellern von Transportanlagen oder von Produktionsmaschinen für Nahrungsmittel. 

 

Braucht es zusätzlich zu Mathematik, Big-Data und Engineering noch andere Kompetenzen?

Digitalisierungsprojekte verändern immer die Prozesse und mit der Zeit auch das Geschäftsmodell der Kunden. Gleichzeitig stossen sie in neue Bereiche vor. Es ist nicht von Anfang an klar, was funktioniert und was in eine Sackgasse führt. Gold wert sind in einem solchen Umfeld eigene praktische Erfahrungen. Swisscom hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder neu erfinden müssen. Kerngeschäfte wie die Festnetztelefonie, SMS oder der reine Internetzugang wurden innert weniger Jahre oder sogar nur Monate durch den technischen Wandel an den Rand gedrängt. 

 

Was bringen diese Erfahrungen konkret?

Wir haben gelernt, dass es besser ist, Fehler zu machen, als gar nichts zu tun. Wichtig ist, dass man schnell und flexibel reagiert. Swisscom arbeitet mit HCD-(Hear-Create-Deliver-)Methoden an der Förderung der Innovationskultur. Wir sind der Überzeugung, dass eine Kultur der «menschenzentrierten Innovation», welche Kundenbedürfnisse früh erkennt und integriert, die Basis für den nächsten Innovationserfolg am Markt schafft. Eine Vielzahl an Werkzeugen und Best Practices erlaubt uns, zielgerichtet und schnell Machbarkeiten abzuklären. Mit Prototyping testen wir kontinuierlich die Akzeptanz beim Endkunden. Und last but not least wissen wir auch, wie man ein Pilotprojekt in die Produktion skaliert. 

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Bernhard Lenzin

Der Head of Industrial Industries von Swisscom Enterprise Customers ist überzeugt, dass Daten die Bitcoins der Zukunft sind. Über Vorhersagen (prediction) wird die Kundeninteraktion persönlicher und individueller. Und zwar in allen Bereichne der Schweizer Wirtschaft. Der studierte Elektroingenieur optimiert und digitalisiert seit 30 Jahren Prozesse in unterschiedlichsten Branchen.

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