Kolumne

Selbst ist das Ding

Wieso Industrie 4.0? Und was hat eine Kuh mit einem 3-D-Drucker zu tun? Und was Schwamendingen mit der Kometensonde Rosetta?

Christoph Hugenschmidt

Industrie 4.0? Warum nicht Industrie 12.3? Oder 2.466 v3? Schliesslich erzählte man mir in den letzten paar Jahrzehnten immer wieder mal von dieser oder jener «industriellen Revolution». Da gab es die Einführung der computergesteuerten Maschinen (CNC), das Internet, das vor dem New-Economy-Börsencrash sowieso alles revolutioniert hat, oder die Globalisierung mit dem hübschen Wort «verlängerte Werkbank», das so viel netter tönte als «Jobs in Tieflohnländer verschieben». Aber bitte: dann halt «Industrie 4.0». 

 

Glauben Sie jetzt nicht, Industrie 4.0 heisse, dass Autos selber fahren. Das hat zwar damit zu tun, heisst aber IoT (Internet of Things) und begeistert die Computerindustrie fast noch mehr als Industrie 4.0. Letzteres bedeutet, dass die Autos der Zukunft nicht nur ohne Fahrer herumrasen, sondern sich zuvor auch noch selber bauen werden, und zwar «on demand». Sie hätten gerne eine etwas schnittigere Kühlerhaube? Grimmigere Frontlichter, ein weicheres Heck? Kein Problem, das gewünschte weichere Heck in Karmesinrot wird sofort ausgedruckt. Ihr Heck wird «wissen», zu welchem (zukünftigen) Auto es gehört, wird eine (sich natürlich selbst steuernde) Drohne rufen, von dieser zur Assemblierungsstelle ganz in Ihrer Nähe geflogen werden, wo einer der letzten 23 Arbeiter der Autoindustrie es an die Karre heftet. 

 

So wird man nicht nur Ihr Auto herstellen, sondern auch Ihre Möbel, Ihr Geschirr und Ihr Schnellfeuergewehr. Letzteres aber nur, wenn Sie sich mittels Iris-Scan oder Mobile ID als Schnellfeuergewehr-Bezugsberechtigter ausweisen können (oder wenn die Software spinnt). Einzig Milch wird man nicht mit den Methoden der Industrie 4.0 herstellen können. Aber seien wir ehrlich: So sehr unterscheidet sich eine Kuh, die jeden Tag zweimal zusammen mit Hunderten von Artgenossinnen freiwillig zum Melkroboter latscht, doch auch wieder nicht von einem 3-D-Drucker. 

«So sehr unterscheidet sich eine Kuh, die jeden Tag freiwillig zum Melkroboter latscht, doch auch wieder nicht von einem 3-D-Drucker.»

Nun werden Sie sagen, Industrie 4.0 sei unmöglich, ein Hirngespinst. Schon das selbstfahrende Auto werde nicht funktionieren und sei, wenn es denn funktionieren täte, viel zu gefährlich. So ein Auto könne unmöglich ohne die weise Voraussicht der Fahrerin und ihres Begleiters («Links, liiiinks hani gseit, ja jetz isch tschpaat. Uuiui, häsch diä mit em Rollator nöd gseh?») die Tücken des täglichen  Staus bewältigen. Sie täuschen sich. Die Leute, die eine Sonde nicht nur auf den hübschen Namen Rosetta taufen, sondern sie mit einer Rakete ins All schiessen, sie dann erst vom Mond und dann von Planeten mittels Vorbeischwungmanöver Schwung holen lassen und nach einer Reise von etwa 6,4 Milliarden Kilometer millimetergenau auf einem winzigen Staubhaufen landen lassen können, werden es wohl auch fertigbringen, ein paar Bagnoles elektronisch durch Schwamendingen zu steuern. Und wer Schwamendingen kann, kann auch New York.

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Christoph Hugenschmidt

hat vor zehn Jahren die Online-Zeitung inside-it.ch gegründet und ist dort Journalist und Verleger. Der 57-Jährige hat (noch) keinen Führerschein und findet selbstfahrende Autos mit karmesinrotem Heck eine sehr gute Idee. 

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