Porträt

«Ich kann penetrant hartnäckig sein»

Wie Roland Brüniger mit Mut, Hartnäckigkeit und Idealismus seine selbstwärmenden Sohlen Chili-Feet erfunden hat und warum ihn lukrative Übernahmeangebote von Konzernen nicht interessieren.

Claudia Bardola

Als ein ins Unterland geschwemmter Bündner müsste ich weitgehend kälteresistent sein, sollte man meinen. Und trotzdem plagten mich früher ab Herbst regelmässig meine Eiszapfenzehen. Jahrelang hirnte ich daran herum, wie diesem Problem nachhaltig, ohne Elektronik und Chemie beizukommen wäre. Als Ingenieur wollte es mir nicht in den Kopf, dass weltweit noch kein Material erfunden worden war, mit dem sich die Energie beim Gehen in Wärme umwandeln liess. 

 

Erste Abklärungen zeigten, dass dies mit Polyurethan als Ausgangsmaterial möglich sein sollte. Also setzte ich drei Entwicklungsteams, zwei davon aus der Industrie, eines aus dem Fachhochschulbereich auf die Entwicklung an. Nach unzähligen Versuchen gab das akademische Team Forfait. Der zuständige Professor bescheinigte mir, dass mein Vorhaben sehr ehrgeizig und am Rande der Realisierbarkeit sei. Ein Dämpfer? Von wegen, es hat mich angespornt! Ich habe es schon immer mit Walt Disney gehalten: Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen. Zudem kann ich penetrant hartnäckig sein, wie mir meine Frau gelegentlich unter die Nase reibt. 

 

Den Volltreffer hat schliesslich ein Team aus Vorarlberg gelandet. Es lieferte das Grundmaterial der Chili-Feet, wie wir sie heute verkaufen. Zwei Wochen vor Markteinführung dann aber der Super-GAU: Die Maschine, mit der das Ober- und Untermaterial der Sohlen bei einem Schweizer Kaschierunternehmen aufgeklebt wurde, war offensichtlich nicht für grosse Mengen ausgelegt. Wir mussten 20’000 Sohlen von Hand nachbessern. Traurig, aber wahr: Auf der Suche nach einer alternativen Firma wurden wir in der ganzen Schweiz nicht fündig. Deshalb werden die Chili-Feet heute in Süddeutschland kaschiert. 

 

Trotz meiner Erfindung würde ich mich nicht als Tüftlerhirn bezeichnen. Die Chili-Feet sind vielmehr die Lösung für ein Problem, das mich schon lange umgetrieben hat. Was die Finanzen anbelangt, sage ich immer: Wir haben eine Finanzbuchhaltung, aber keine Lohnbuchhaltung. Die Zeit, die ich in das Projekt stecke, schreibe ich wohlweislich nicht auf.

«Trotz meiner Erfindung würde ich mich nicht als Tüftlerhirn bezeichnen.»

Möglich ist das nur, weil die Brötchen von meinem Ingenieurbüro für technische Anlagen kommen. Zudem ist die Wafe Technology, über die die Chili-Feet vertrieben werden, ein waschechter Familienbetrieb. Meine Frau erledigt die Buchhaltung, die Tochter ist für Social Media und die Logistik zuständig und mein Sohn für die IT. Dazu gehört auch, dass unser Zuhause nur 300 Meter von der Firma entfernt ist. Dass Arbeit und Familie zusammengehen, stand auf meiner Lebensagenda schon immer ganz weit oben. Für mich ist das wahrer Luxus.

 

Das Funktionsprinzip der Sohlen ist eigentlich simpel: Das Material wandelt durch sogenannte Dissipation einen Teil der Deformationsenergie in Wärme um. Der Effekt: eine Temperaturerhöhung von bis zu 10 Grad. Materialtechnisch sind die Sohlen aber ein komplexes Hightechprodukt. Genau aus diesem Grund habe ich sie auch nicht patentieren lassen. Dafür müssten wir nämlich die Rezeptur offenlegen und wären somit kopierbar. Und ein Patentrechtsstreit wäre unser Ende.

 

1/5 «Keep it simple» ist eine der Maximen, nach denen Brüniger mit seiner Firma agiert. Deshalb bietet er die Wärmesohlen auch nicht in verschiedenen Grössen an – sie müssen vom künftigen Träger selber zugeschnitten werden. Das sorgt für Effizienz in der Herstellung sowie in der Logistik.

2/5 Idealist Roland Brüniger arbeitet mit Leidenschaft an seinem Projekt und lehnt Übernahmeangebote von milliardenschweren Konzernen dankend ab.

3/5 Unzählige Abklärungen, Experten und Materialtests waren notwendig, bis das perfekte Ausgangsmaterial für die Chili-Feet gefunden war.

4/5 Bei Brüniger packt die ganze Familie mit an: Sohn Andreas kümmert sich um die IT, seine Frau Evelyn um die Buchhaltung. Tochter Patricia hat sich durch ihre Mitarbeit in der Firma gerade einen Sprachaufenthalt im Ausland verdient.

5/5 Mit den Chili-Feet hat Brüniger auch ein familien-internes Problem gelöst: «Früher hatten meine Frau und ich ab Herbst immer kalte Füsse. Das ist jetzt passé.»

1/5 «Keep it simple» ist eine der Maximen, nach denen Brüniger mit seiner Firma agiert. Deshalb bietet er die Wärmesohlen auch nicht in verschiedenen Grössen an – sie müssen vom künftigen Träger selber zugeschnitten werden. Das sorgt für Effizienz in der Herstellung sowie in der Logistik.

Finanziert habe ich das gesamte Projekt aus privaten Mitteln. Das garantiert mir Unabhängigkeit – einer meiner Urtriebe. Das Angebot eines Milliardenkonzerns, die Technology zu übernehmen, habe ich abgewiesen, ohne überhaupt in konkrete Verhandlungen zu gehen. Schliesslich steckt mein ganzes Herzblut in den Chili-Feet und ich möchte aus dem heute noch zarten Pflänzchen einen starken Baum heranwachsen sehen. 

 

Auch wenn meine Arbeitstage lang und intensiv sind – die Work-Life-Balance ist mir sehr wichtig. Ausgleich finde ich unter anderem bei Velofahren, Schwimmen und Tennisspielen, beim Zusammensein mit meiner Familie und auch beim Meditieren. Letzteres ist quasi ein Überbleibsel aus meiner Jugend mit Reisen nach Indien und Nepal. Heute erdet es mich. 

Roland Brüniger

Roland Brüniger ist nicht nur Erfinder, sondern auch Inhaber und Geschäftsführer der R. Brüniger AG, eines Ingenieurbüros für technische Anlagen. Dabei kommt er durch ein spezifisches Forschungsmandat immer wieder mit diversen, neuartigen Technologien in Berührung. Brüniger ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt und arbeitet im zürcherischen Ottenbach.

www.chili-feet.ch

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