Interview

10 Millionen für Fintech-Firmen

10 Millionen für Anteile an Fintech-Firmen aus aller Welt: Warum Swisscom in die jungen Wilden investieren muss, erklärt Johannes Höhener, Leiter Fintech Cluster, im Interview.

Hansjörg Honegger

Dialogue Magazin: Swisscom stellt einen Fintech Investmentfond von 10 Millionen Franken. Warum tut das ein Telekommunikationsunternehmen?

Johannes Höhener: Auf den ersten Blick mag das erstaunen. Doch Swisscom Enterprise erbringt schon seit vielen Jahren umfassende Dienstleistungen für Banken. Mehr als 200 Banken sind unsere Kunden und für über 80 Banken betreiben wir deren Plattform. Aber die Bankenbranche ist im Umbruch und steht am Anfang der digitalen Transformation. Fintech`s schaffen Lösungen, um diese Transformation zu unterstützen. Diese sind sehr disruptiv. Hier wollen wir dabei sein, mitentwickeln, und Lösungen für die Banken schaffen. Dies können wir mit der neuen Fintech-Einheit im Bereich Swisscom Digital Business.

 

10 Millionen als Spielgeld, um mal ein paar neue Sachen auszuprobieren?

Nein, überhaupt nicht! Unser Banking Think Tank e-foresight setzt sich täglich mit den Trends im Banking auseinander. Wir wissen also sehr genau, was läuft und können Entwicklungen gut einschätzen. Ausserdem sind die 10 Millionen ein nachhaltiges Investment, das auch rentieren muss, ein so genannter Evergreen-Fonds. Was wir einnehmen, wird wieder investiert. Es gibt nicht einfach ein Budget, das man dann wieder aufstocken kann, wenn das Geld mal weg ist.

«Die 10 Millionen sind ein Investment, das auch rentieren muss.» 

 

Wer entscheidet, in welche Firmen investiert wird?

Der Entscheid liegt immer beim Investment Board von Swisscom Ventures, das ist die Risikokapitalsparte der Swisscom AG. Seit deren Gründung 2007 hat sie in über 40 Unternehmen investiert (20 Schweiz, 20 Ausland vor allem USA). Das Team hat sehr viel Erfahrung. Wir vom Fintech-Cluster beantragen Investments, geben Empfehlungen ab und setzen uns für unsere Ideen ein.

 

Grosse Übernahmen dürften aber mit 10 Millionen eher nicht möglich sein.

Stimmt, es ist keine übertrieben grosse Summe. Als strategischer Investor bieten wir Unternehmern neben finanzieller Unterstützung aber auch Zugang zu unserer technischen Infrastruktur und zu unseren Vertriebskanälen. Unser FinTech Fund richtet sich daher primär an FinTechs die sich in einem frühen Entwicklungsstadium befinden.

 

Firmen nur aus der Schweiz?

Nein, wir schauen uns international um. Wir haben in der Schweiz gute Fintech-Firmen, die aber alle international unterwegs sind. Ausschliesslich im Schweizer Markt zu agieren, ist praktisch unmöglich. Dazu ist die Schweiz schlicht zu klein.

 

Was sind die Kriterien, damit eine Firma Ihre Aufmerksamkeit erregt?

Das Management-Team und bestehende Investoren müssen uns überzeugen. Wir suchen erfahrene Startup-Unternehmer, die neue disruptive Lösungen für die bestehenden Probleme verfolgen, möglichst schon mal eine Firma gegründet haben – und vielleicht auch damit gescheitert sind. Die «Jungen Wilden», haben meist mehr Innovationskraft und unternehmerischen Durchhaltewillen als ehemalige Banker, die ein Fintech-Unternehmen gründen oder sich an Fintechs beteiligen. Wir werden übrigens künftig quartalsweise einen Fintech Radar publizieren, der aufzeigt, welche Fintech Startups aus unserer Sicht am erfolgversprechendsten sind.

 

 

Vertrauen allein reicht aber noch nicht …

Klar, Fachkompetenz ist enorm wichtig, ein Businessplan, der Hand und Fuss hat und ausserdem muss zwingend bereits ein Lead-Investor an Bord sein.

 

Warum?

Ein Lead-Investor muss sich immer auch aktiv in einer Firma engagieren und mitsteuern. Das wollen wir nicht und können wir nicht. Wir konzentrieren uns auf die thematische Zusammenarbeit mit einem Startup und schaffen damit einen direkten Mehrwert für beide Unternehmen. Ein wichtiges weiteres Kriterium ist, dass das Startup ein Problem löst.

 

Das ist ja das mindeste.

Das tönt einfach, ist es aber nicht. Ein Beispiel: Es gibt zahlreiche innovative Payment-Lösungen. Nur: Haben Sie heute ein Problem an der Migroskasse beim Bezahlen? Eher nicht. Ein echter Mehrwert wäre erst die Integration weiterer Services, die über die reine Bezahlfunktion hinausgehen. Darum sind die Bezahl-Apps bis jetzt auch nicht erfolgreich.

 

Auch Apple Pay nicht?

Klar, das ist genial einfach und komfortabel, am Kundenbedürfnis ausgerichtet.

 

Das bringt uns auf einen wichtigen Punkt: Im Fintech-Bereich spielen Software-Giganten mit, deren Kriegskassen mit Milliarden gefüllt sind. Hat ein lokales Bezahlsystem da überhaupt eine Chance?

Ja. Etwas zu bezahlen ist immer noch zum grossen Teil ein lokaler Akt. In Skandinavien zahlt man anders als in Wien und in Zürich anders als in New York. Es gilt jetzt, die lokalen Bedürfnisse zu finden und zu befriedigen, dann hat ein Schweizer Bezahlsystem sicher eine Chance.

 

 

Wie sehen Ihre strategischen Ziele im Fintech-Bereich aus?

Wir streben die Themenführerschaft in einigen ausgewählten Bereichen an: Collaboration Economy machten wir als grossen Trend aus, auf dem wir einen Fokus haben. Peer-to-Peer-Lending sei da erwähnt. Der zweite Bereich sind Blockchain-Anwendungen im Finanzbereich. Diese Technologie betrifft auch die Swisscom selbst, da Blockchain zu einer Veränderung der Basisinfrastruktur führt. Der dritte Bereich ist Access und Identity, hier geht es um den sicheren Zugang zu Informationen und der Prüfung der Identität. Der letzte Bereich ist die Digitalisierung der Schnittstellen zu den KMUs, ein für uns enorm wichtiger Schwerpunkt.

 

Haben Sie Partner oder macht Swisscom das alleine?

Wir suchen die Zusammenarbeit mit den Fintech- Startups und fördern Jungunternehmer mit unserer Startup-Challenge. Bei diesem Wettbewerb machen auch immer einige vielversprechende Fintech-Startups mit. Ausserdem sind wir ein wichtiger Partner von Digital Zurich 2025. Was mich besonders freut: Die meisten Digital Banking Innovationen entstanden in den letzten Jahren gemeinsam mit Startups. Wir haben hier viel gelernt und zeigen können, dass eine Zusammenarbeit durchaus funktionieren kann. Um diese Zusammenarbeit noch zu verbessern, ist eben der Fintech Cluster bei Swisscom Digital Business entstanden.

 

Es gibt also bereits konkrete Beispiele?

Aber sicher. So haben wir Software von «wemakeit» übernommen, diese bankentauglich gemacht und mit der Basellandschaftlichen Kantonalbank auf den Markt gebracht, als ein Software-as-a-Service-Produkt. Mit diesem Crowd-Funding-Projekt haben wir sehr viel gelernt und uns positionieren können. Ein zweites Beispiel ist die Videoidentifikation und digitale Unterschrift, die bei Valiant eine Kontoeröffnung von Zuhause aus ermöglicht. Dabei haben wir mit WebID, einem Fintech aus Deutschland, zusammengespannt. Den digitalen Treuhänder als ein Service für Banken, ebenfalls bei Valiant bereits im Einsatz, setzen wir mit einer Lösung von RunMyAccounts um. Auch bei unserem Produkt letshelp.ch arbeiten wir mit einem Startup, RaiseNow, erfolgreich zusammen. Diese enge Zusammenarbeit fördern und fordern wir.

 

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich in Sachen Fintech? Man spricht ja schon von einem Blockchain-Hotspot in Zug beispielsweise.

Es kommt halt immer darauf an, was man womit vergleicht. Die Entwicklung von Fintechs in der Schweiz ist bisher langsamer verlaufen als im Ausland. Gefühlt ist die Schweiz im internationalen Fintech-Wettbewerb nicht präsent. Da gibt’s in Europa erstmal London, Berlin und Skandinavien. Im Security-Bereich ist Tel Aviv wichtig. Ausserdem natürlich die USA und ganz wichtig: Asien. Neu kann man sicherlich Athen in Europa erwähnen. Da spielt die Musik. Weniger als 1 % des hiesigen Risikokapitals fliesst bislang in Fintech-Startups. Eine Stärkung des Standorts Schweiz für Fintechs wäre zu begrüssen. Initiativen wie der geplante Innovationspark Zürich oder auch «Digital Zurich 2025» können diese Entwicklung unterstützen.

«Die Schweiz wird in 10 Jahren in der Fintech-Branche ganz vorn mitspielen.» 

Warum spielt die Schweiz mit ihrem grossen Bankenplatz keine grössere Rolle?

Die Antwort liegt schon in der Frage: Die Digitalisierung ermöglicht komplett neuen Playern den Zugang zur Bankenindustrie. In der Schweiz als traditioneller Bankenplatz mit einem exzellenten Service fehlt im Moment noch etwas der Druck zur Innovation. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Schweiz in zehn Jahren in der Fintech-Branche ganz vorne mitspielen wird. Dafür sprechen die innovativen Firmen, die verlässliche Regulierung und die stabile politische Lage.

 

Johannes Höhener

Johannes Höhener ist bei Swisscom verantwortlich für die Digital Banking Initiativen. 2012 hat er die Verantwortung für den Aufbau der e-research AG, einer neuen Kooperation der Kantonalbanken im Umfeld der digitalen Welt, übernommen und diese Firma 2014 als e-foresight Trend Scouting Services in die Swisscom integriert. Er war Partner der COMIT AG und nachfolgend Mitglied der Geschäftsleitung der Swisscom IT Services Finance AG und CEO der Sourcag AG.

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