Porträt

Der Aussenseiter

Marcel F. Komminoth ist Mr. Custombike. Er hat eine der grössten Biker-Communities der Welt. Jetzt steigt er als Aussenseiter mit einer neuen Lösung in den Fintech-Markt ein. Das Porträt eines Aussenseiters.

Hansjörg Honegger

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Die Sitzung bei der Bankenaufsicht FINMA läuft gut, das Sorgfaltspflichtskonzept leuchtet ein, die auffälligen Tattoos sind vom edlen Anzug verdeckt. Marcel F. Komminoth ist guter Dinge, die Bewilligung für sein Transaktionskonzept zu bekommen. «Dann überreichten wir uns die Visitenkarten und es mir fiel siedend heiss ein: Auf meiner ist ja ein Totenkopf! Ich dachte, jetzt ist alles vorbei.» Vorbei der Traum von der eigenen Transaktionsplattform mit digitaler Identifikation, vorbei der Traum von der kompletten Unabhängigkeit.

 

354 Tage lang wartet Komminoth, im ungewissen, ob seine Biker-Insignien letztlich seinen Traum zerstört hatten. «Ich war extrem nervös». Doch das Warten hat sich gelohnt: Heute ist der Bündner eine Grösse, nicht nur als Mr. CUSTOMBIKE mit über zwei Millionen Follower auf Facebook, sondern eine, mit der im hoch regulierten Fintech-Business zu rechnen ist. Mit Hartnäckigkeit und dem richtigen Netzwerk verfügt er heute über eine Bezahllösung, die drei Säulen abdeckt: Sicherheit für Käufer und Verkäufer, volle Compliance und die digitale Identifikation.

 

Der Weg zu dieser Lösung, die aktuell bei einer der vier grössten Banken in der Schweiz eingeführt wird, war allerdings lang und so verschlungen wie die Tattoos auf Komminoths Arm. Zuerst und vor allem anderen war da der «Spirit» für Motorräder, für Tempo, für Design. Mit 12 baute er sein erstes Töffli um. «Ich konnte schon damals wenig anfangen mit Maschinen ab Stange, ich musste die einfach nach meinem Geschmack umbauen.» Design ohne Tempo kam aber damals nicht in Frage, das Cilo wurde auf rund 90km/h frisiert. Erwischt wurde Komminoth damals nie, einen Unfall baute er auch nicht. «Ich hatte Glück, einen Helm konnte ich mir damals nicht leisten».

 

Der Mut zum Risiko endete beim heute 44jährigen Komminoth nicht im Rollstuhl wie bei vielen anderen, er setzte seine Energien bald im Business um. Nach einer Elektrikerlehre («die langweiligste Zeit meines Lebens») verkaufte er Immobilien und merkte: Das kann ich! Er ist ein Verkäufer, er kann Geschichten erzählen und Leute mit seiner charmanten und offenen Art überzeugen. Der Immobilienjob gefiel ihm zwar auch nicht, aber er lernte viel und verdiente noch mehr Geld. Er nutzte sein Netzwerk, baute es aus und fiel bald den richtigen Leuten auf. Er bekam ein Angebot, zur Credit Suisse zu wechseln, als Akquisiteur, um wohlhabende Neukunden zu gewinnen. Eine neue Welt für den Biker. «Ich musste mir für das Vorstellungsgespräch erstmal einen Anzug kaufen». Die nächsten Jahre verdiente er gutes Geld im Bankgeschäft, der ehemalige Elektrikerlehrling bildete sich weiter, nahm auf wie ein Schwamm, pflegte sein Netzwerk – und blieb doch seiner Passion für schwere Motorräder treu.

 

In seiner Freizeit baute er seine Traummaschinen. Customized Bikes, fantastische Motorräder, komplett verändert bis runter aufs Fahrgestell – tiefer gelegt, neue Lenker, alle Farben und Formen. Alles, nur nicht normal. Die Bilder seiner Kreationen teilte er als Mr. CUSTOMBIKE auf Facebook. Schnell hatte er 2000 Follower und war stolz darauf.

 

«2010 hatte ich die Idee, eine weltweite Motorradplattform aufzubauen. Ich machte mir einen Businessplan, der heute noch seine Gültigkeit hat», erzählt Komminoth. Er arbeitete, baute seine Bikes, half seinem Schwager, der eine Motorradwerkstatt hat, im Büro und war auch noch für seine Familie da – zwei Kinder und eine Frau, die voll hinter seinen Plänen steht. Komminoth wusste: Wenn er Erfolg haben wollte, musste er sich eine treue Community aufbauen. Also rückte Facebook und seine Kunstfigur Mr. CUSTOMBIKE in den Vordergrund. «Ich hatte das Ziel, 100'000 Follower zu bekommen, das hätte mich wahnsinnig stolz gemacht. Heute kriegt er diese 100'000 in rund einem Monat dazu.

«In den sozialen Medien muss man authentisch sein, das machen die meisten Firmen falsch»

Doch der Weg dahin war lang, steinig und mit unendlich viel Arbeit gepflastert. «Ich blieb immer authentisch und postete alles selber, ich hatte nie Hilfe». Das ist bei 20'000 Followern noch nicht so ein grosses Problem, doch Komminoth traf mit seinen Bildern, seinen Posts und seinem «Spirit» – sein Lieblingswort – den Nerv der Community. Die wuchs. 2015 hatte er 800'000 Follower. 10 bis 12 Stunden pro Tag setzte er für Facebook ein. Jede Nachricht beantwortete er persönlich innert 24 Stunden. Dann merkte er: So geht das nicht. Doch die Sache lief bereits. Heute postet er noch fünfmal pro Tag, und die Community ist zufrieden. «In den sozialen Medien muss man authentisch sein, das machen die meisten Firmen falsch», ist er überzeugt. Zu dieser Authentizität gehören auch die rund 22'000 Motorradvideos auf custom-bike.com – alle von Hand raufgestellt. «Bei uns findet man zu jedem Motorrad auch einen Film».

 

Die Community steht, die CUSTOMBIKE-Plattform läuft, doch etwas fehlte noch im Puzzle. «Auf meiner Plattform gibt es Anbieter und Käufer aus aller Welt, und es geht um zum Teil sehr grosse Summen. Ich musste mehr Sicherheit im Zahlungsverkehr bieten, Paypal oder Kreditkarten reichen da nicht mehr aus.» Komminoths Idee: Der Kauf wird über eine eigens zu schaffende Zahlungsplattform und Firma abgewickelt. Der Käufer bestellt und zahlt ein, der Verkäufer liefert aus und bekommt das Geld, wenn die Maschine beim Käufer angekommen ist. Zwischen Einzahlung und Lieferung haben beide keinen Zugriff auf das Geld. Zu diesem Zweck gründete Komminoth die CBFS – CB Financial Services AG. Und realisierte: Wollte er die nötige Sicherheit bieten, musste er die regulatorischen Vorschriften einhalten und eine digitale Identifikation anbieten.

«Wir können dasselbe wie eine Bank – nur besser und billiger»

«Theoretisch wusste ich, was zu tun war. Ich entwarf ein Sorgfaltspflichtkonzept, das ich bei der FINMA einreichte.» Der Totenkopf auf seiner CBFS-Visitenkarte sollte bald Geschichte schreiben. Doch ihm fehlte das technische Know-how. Das begegnete ihm vor zwei Jahren in Gestalt von Roland Rüttimann, mit viel Bankerfahrung. Er bot damals eine Streaming-Software für Event-Veranstalter an. Schnell merkte Komminoth, dass diese Software seine Anforderungen für die digitale Identifikation erfüllte. Er holte Rüttimann ins Boot und sie entwickelten gemeinsam das Produkt, auf dem heute die Hoffnungen ruhen. «Mit unserem Angebot aus Zahlungsabwicklung und digitaler Identifikation können wir dasselbe bieten wie es eine Bank mit einer Bankgarantie tut, nur viel einfacher und billiger.» Und: «Es spielt keine Rolle, ob man Motorräder, Kunst oder Rohstoffe bezahlt mit unserer Lösung. Käufer und Verkäufer sind abgesichert.»

 

Komminoth will hoch hinaus mit seiner Fintech-Lösung. Rüttimann glaubt an ihn: «Wir vertrauen uns blind. Marcel ist ein echter Rocker: Bei ihm zählen Ehre, Vertrauen und er ist ein Visionär.» Ob Komminoth im hart umkämpften Fintech-Markt wirklich reüssiert, wird sich zeigen. Die digitale Identifikationslösung geht in den kommenden Wochen bei der ersten Kundin live, auf seiner Plattform soll die CBFS-Lösung in den kommenden Wochen ebenfalls bald ausgerollt werden. Vielleicht reagiert der Markt auf den unkonventionellen Biker so, wie der FINMA-Vertreter damals bei der Übergabe der Visitenkarte mit dem Totenkopf. Erst überrascht, dann erfreut: So eine coole Karte hätte er ja noch nie bekommen.

 

Mr. Custombike

Marcel F. Komminoth, 44, ist Gründer und Geschäftsführer der CUSTOMBIKE AG und der CB Financial Services AG. Zuvor war er Immobilienhändler und einige Jahre in verschiedenen Positionen bei der Credit Suisse tätig. Komminoth hat mit über 2 Millionen Followern eine der grössten Bike-Communities der Welt. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt im Kanton Graubünden.

www.custom-bike.com

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