Fintechszene Schweiz

Die jungen Wilden

Fintech findet nicht nur in London, Berlin, Singapore und San Francisco statt. In der Schweiz finden sich gegen 200 Fintech-Unternehmen vom Startup bis zum renommierten Anbieter von Bankensoftware.

Urs Binder

Zug hat nicht nur für Liebhaber der Kirschtorte und für Rohstoffhändler seinen Reiz. Eine besondere Anziehungskraft übt die Gegend rund um den Kantonshauptort auch auf junge Unternehmen aus, die sich mit der digitalen Zukunft des Finanzwesens beschäftigen: Über 20 Fintech-Startups haben sich im unternehmensfreundlichen Kanton angesiedelt. Darunter findet sich die weltweit wohl grösste Ansammlung von Firmen, die sich die Weiterentwicklung der als revolutionär geltenden Blockchain-Technologie auf die Fahnen geschrieben haben. Zusammen mit etablierten Playern wie Crypto, einem Weltmarktführer für Verschlüsselung, hat ein eigentliches «Cryptovalley» etabliert – passend dazu können in Zug seit kurzem Behördendienstleistungen auf Wunsch mit Bitcoins bezahlt werden.

 

Gesamtschweizerisch zählt die «Fintech Startup Map» vom Digital-Banking-Think-Tank eForesight aktuell 185 Fintech-Startups auf. Neben Zug findet sich die grösste Konzentration in Zürich, und auch Genf ist gut vertreten. Veranstaltungen von «Finance 2.0» über den «Swiss FinTech Award» bis zur «International Money-Tech» bringen Startups, Investoren und Finanzdienstleister zusammen. Mit Fintech befasst sich eine ganze Reihe von Online-Medien, und auch aus der Tagespresse ist das Thema nicht mehr wegzudenken. Fintech ist definitiv in der Schweiz angekommen.

 

Vier vielversprechende Ansätze

Es ist selbstverständlich unmöglich, in diesem Rahmen sämtliche interessanten Fintech-Unternehmen zu berücksichtigen. Vier Beispiele sollen die Vielfalt verdeutlichen: Monetas, Ethereum, Contovista und Descartes Finance stehen stellvertretend für verschiedene Anwendungsbereiche und Ansätze, wie Digitalisierung und Software das Finanzwesen umkrempeln können.

 

 

Monetas

Der Südafrikaner Johann Gevers will das Finanzsystem gerechter machen: Es ist heute extrem zentralisiert, und ein Grossteil der Weltbevölkerung ist davon ausgeschlossen. So haben mehr als 80 Prozent der Afrikaner keinerlei Bankkonto. Diese Menschen sind vom Handel ausgeschlossen und können allenfalls mit ihrem persönlichen Bekanntenkreis Geschäfte machen.

 

Mit Monetas, beheimatet in Zug, wollen Johann Gevers und sein Team dies ändern. Die Monetas-Plattform basiert auf Kryptofinanztechniken und macht die Übertragung von Geld- und anderen Werten «unglaublich sicher, schnell und kostengünstig», wie das Mission-Statement der Firma besagt. Im Gegensatz zu digitalen Währungen wie Bitcoin, die auf einer öffentlichen Blockchain mit relativ langsamer Verarbeitungsgeschwindigkeit und hohen Transaktionskosten basieren, arbeitet Monetas mit einem «digitalen Notar», einer Vertragsplattform, die mit einem deterministischen Verfahren Transaktionen in kürzester Zeit unmanipulierbar abwickelt und neben digitalem Geld auch mit Verträgen aller Art umgehen kann. Im Herbst 2015 führte Monetas erfolgreich einen Proof-of-Concept mit der tunesischen Post durch, nun sollen Pilotprojekte mit echtem Geld folgen. Monetas zielt momentan vor allem den afrikanischen Markt an und will dort mit Finanzinstituten und Nationalbanken zusammenarbeiten, die mit Hilfe der Plattform digitales Geld herausgeben können. Dazu kommt ein Wallet für das Mobiltelefon, mit dem das Digitalgeld sicher verwahrt und Direktüberweisungen zu anderen Teilnehmern getätigt werden können. Denn auch wenn die wenigsten Afrikaner ein Bankkonto haben: Über ein Mobiltelefon verfügen viele.

 

Monetas befindet sich aktuell in der vierten Investitionsrunde über 15 Millionen Franken. Nach internationalen Angel-Investoren will man nun auch vermehrt strategische Investoren aus der Schweiz anziehen, wie der Marketingverantwortliche Vitus Ammann betont. Als Gewinner des Swisscom Startup Challenge 2015 hat das Unternehmen gute Chancen dazu.

 

 

Ethereum

Vitalik Buterin wurde 1994 in Russland geboren und wanderte mit seinen Eltern im Jahr 2000 nach Kanada aus. Bereits mit 10 Jahren programmierte er in C++. Als 2009 Bitcoin (BTC) zum Thema wurde, war Buterin fasziniert, begann sich intensiv mit der Blockchain-Technologie zu befassen und entwickelte diese weiter in Richtung einer Blockchain-basierten Softwareplattform, mit der nicht nur Kryptowährungen, sondern beliebige verteilte Anwendungen, genannt «Dapps» (decentralized apps) in Form so genannter «Smart Contracts» umgesetzt werden können. Auf dieser Basis lassen sich völlig autonom arbeitende dezentrale Organisationen (DAOs) aufbauen. Ökonom und Autor Hannes Grassegger spricht von «Firmen ohne Menschen». Diese Plattform, die er «Ethereum» nannte, beschrieb Buterin erstmals 2013 in einem White Paper.

 

Im Juli 2015 startete Ethereum den Betrieb. Die zugehörige Kryptowährung «Ether» (ETH) erreicht heute eine Marktkapitalisierung von gegen 860 Millionen US-Dollar. Für die Anfangsfinanzierung seiner Plattform setzte Buterin auf Crowdfunding: Die ersten generierten Ether wurden gegen Bitcoin verkauft. Dieser Vorverkauf erzielte umgerechnet über 18 Millionen Dollar.

 

Um die Weiterentwicklung kümmert sich die Ethereum Foundation mit Sitz in Baar. Dort, genauer gesagt in einer modernen Villa namens «Holon 000», hat sich auch Buterin mit einem Kernteam niedergelassen. Weitere Ethereum-Entwickler finden sich über den ganzen Planeten verteilt.

 

Ethereum richtet sich bis dato in erster Linie an Entwickler. Die Vision der Ethereum Foundation ist eine Blockchain der zweiten Generation, ein «Weltcomputer», die erste «Zero-Infrastructure Platform». Das klingt ziemlich ätherisch, um in der Terminologie zu bleiben. Aber die Finanzwelt hat das disruptive Potential erkannt, lädt Buterin regelmässig zu Präsentationen ein und befasst sich im Joint-Venture R3 unter Beteiligung von 45 Finanzdienstleistern, darunter die UBS, ausführlich mit der Technik und den Konsequenzen der Blockchain mit starken Augenmerk auf die Technologie von Ethereum.

 

 

Contovista

Zuerst wollte Contovista die Banken konkurrenzieren, jetzt arbeitet das von Gian Reto A Porta geleitete Unternehmen eng mit ihnen zusammen. Contovista bietet Bankkunden eine neuartige Sicht auf ihre Finanzen, sei es im klassischen Online-Banking im Browser oder auf dem Smartphone. Der Co-Firmengründer hat vor seinem Debüt als Unternehmer zahlreiche Banken beraten und umfangreiche Kenntnisse in Kernbankensystemen und Banking-Geschäftsprozessen erlangt. Das Kernteam des Schlieremer Fintech-Startups umfasst heute 17 Mitarbeitende.

 

Die Contovista-Lösung macht mit dem «intelligenten Kontoauszug», der Zahlungen automatisch kategorisiert und eine semantische Suchfunktion bietet, und mit diversen Personal-Finance-Management-Funktionen die Übersicht über die Finanzen und die Budgetkontrolle einfacher und angenehmer. Dadurch, so Contovista, erhöht sich die Kundenbindung, und die Bank kann sich als innovativer Dienstleister positionieren. Die Module der Lösung lassen sich durch Import einer JavaScript-Datei sehr einfach in bestehende Web-Frontends integrieren.

 

Dahinter steckt aber viel mehr: Eine Analytics-Engine liefert den Banken aufgrund der Kontodaten ihrer Kunden aufschlussreiche Informationen für Businessanalyse und Marketing. Schnittstellen ermöglichen die Entwicklung individueller Anwendungen, die mit den Contovista-Daten arbeiten.

 

Das 2013 gegründete Unternehmen konnte nicht nur verschiedene Banken von seiner Lösung überzeugen, darunter die ZKB sowie Finnova-basierte Banken wie die Schwyzer Kantonalbank. Im März 2016 hat sich die Aduno-Gruppe mit 14 Prozent an der Contovista AG beteiligt. Contovista zählt zudem zu den wenigen Fintech-Startups, die bereits profitable arbeiten. Der Kurs ist für den CEO klar: «Für das internationale Wachstum müssen wir unser Team weiter ausbauen. Dies können wir nun dank der Finanzierungsrunde beschleunigen.»

 

 

Descartes Finance

Für Verwaltungsrat Rino Borini entwickelt die 2015 gegründete Zuger Descartes Finance AG eine «Digitale Anlageplattform (das Buzzword dazu wäre Robo-Advisor), die im Wealth-Management komplett neue Massstäbe setzt – wir haben so etwas weltweit bisher noch nicht gesehen». Firmengründer Adriano B. Lucatelli beweist, dass ein Jungunternehmer nicht zwingend um die 20 Jahre alt sein muss: Der 50-Jährige war zuvor unter anderem bei der Credit Suisse und der UBS tätig und doziert als Finanzmarktspezialist an der Universität Zürich. Mit seiner Lösung möchte es Lucatelli auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse einfach machen, intelligent zu investieren, wie er seine Präsentation an der Finovate 2016 in London einleitete.

 

Die Funktionen der Vermögensverwaltungsplattform gehen über das hinaus, was Robo-Advisor bisher geboten haben: Descartes lässt dem Kunden die Wahl zwischen verschiedenen Asset-Management-Philosophien, «sei es das klassische Mean-Variance-Modell nach Markovitz oder Minimum-Variance und so weiter…» In Zukunft will Descartes die unterschiedlichsten Anlagestrategien anbieten, die sich in Wissenschaft und Praxis bewiesen haben und sich mit einem Algorithmus abbilden lassen. Der Kunde kann sein Portfolio automatisch verwalten lassen oder selbst aktiv werden und aus den verschiedenen Strategien und Angeboten wählen. So werde Descartes zum «iTunes der Vermögensverwaltung», meint Lucatelli. «In nur einer Minute kann man ein wirklich globales und nachhaltiges Portfolio zusammenstellen, das sich jederzeit neu balancieren lässt, sei es automatisch oder manuell.» Descartes sei keine One-Size-Fits-All-Lösung mit vordefinierten Portfolio-Modellen.

 

Wer mit Descartes investieren will, muss mindestens 50'000 Franken zur Verfügung haben. Die eigentliche Depotführung besorgen die Partner UBS und Vontobel. Mit im Boot sind zudem die Vermögensverwalter Lakefield und OLZ sowie der ETF-Spezialist iShares von Blackrock.

 

Nutzen versus Sex-Appeal

«Primär sollte es bei Fintech darum gehen, Kundennutzen und Mehrwert zu liefern», stellt Investor Marc P. Bernegger fest. Die relevanten Business Cases seien häufig wenig spektakulär und eher unsexy. Konkrete Problemlösungen seien gefragt, und nicht «noch eine App, die superlustig aussieht, die aber niemand braucht».

«Konkrete Problemlösungen sind gefragt, nicht noch eine superlustige App.»

Marc P. Bernegger, Serial Web Entrepreneur und Fintech-Investor

Ein erkennbarer Nutzen ist bei drei der vorgestellten Startups klar gegeben, und Ethereum hat anerkanntermassen riesiges Zukunftspotential – nicht als profitable Firma, sondern als revolutionäre Technologie. Erfolgsversprechende Fintech-Unternehmen arbeiten oft im Hintergrund. Beispiele sind Online-Services für Buchhaltung wie RunMyAccounts, Finanzierungsdienstleister wie Advanon oder der digitale Versicherungsbroker Knip, der das den Konsumenten eher wenig begeisternde Thema Versicherungen plötzlich wieder interessant macht. Fintech-Unternehmen, die längst der Startup-Phase entwachsen sind, zeigen, worauf es ankommt: Avaloq und Leonteq sind gute Beispiele von Fintechs, die es geschafft haben. Viele andere auf den ersten Blick interessante Unternehmen werden dagegen wieder untergehen, weil sie nie die kritische Grösse erreichen. Und auch wenn die Revolution einen hohen Sex-Appeal ausstrahlt: Die bisherige Erfahrung zeigt, dass diejenigen Fintechs die Nase vorn haben, die nicht gegen Banken und Versicherungen antreten, sondern mit den Finanzdienstleistern zusammenarbeiten.

 

 

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