Kolumne

Verschenken Sie ein T-Shirt!

Bedeutet die Crowd das Ende des Kapitalismus oder ist sie vielmehr ein Trick zur Verschärfung der Ausbeutung? Oder ist das Ganze am Ende nur ein Traum?

Christoph Hugenschmidt

«Finally! Der Kapitalismus steht vor dem Aus. Diese Crowd-Sache verändert alles. Die Banken haben ausgedient, das Finanzkapital verteilt sich auf die arbeitenden Massen und Wissen sowie Forschung werden crowdgesourced und open. Zucker?», fragte Karl Marx und schenkte Tee ein. Er mochte Wladimir zwar nicht wirklich, aber so viele Freunde hatten beide nicht mehr, weshalb sich Karl und Vladi manchmal zum Tee auf einer vom ewigen Abendrot beschienenen Wolke trafen.

 

«Gerne!», sagte Lenin und blickte säuerlich auf die rosa Wölkchen. «Du bist und bleibst ein Fantast. Dieses Crowd-Zeugs ist doch nur ein Trick zur Verschärfung der Ausbeutung. Und überhaupt: Alle Macht kommt aus den Gewehrläufen.»

 

Das falsch zugeschriebene Zitat schreckte mich aus meinem rosawolkigen Traum. Ob ich einen Termin mit meinem Therapeuten abmachen sollte? 

 

Andererseits wollte mich mein Unterbewusstsein ja vielleicht auf einen ökonomischen Megatrend aufmerksam machen? Banken müssen sich über ihre Zukunft Gedanken machen, wenn die Leute beginnen, sich Kredite und Risikokapital auf einer Internetplattform von irgendwem zu beschaffen. Taxi-Unternehmen, Hotelketten, Offices de Tourisme, Marktforschungsunternehmen, Velokuriergenossenschaften, Entwicklungsabteilungen und Kohorten von gut bezahlten Software-Testern und ‑Dokumentierern: Alles unnötig, denn alles kann gecrowdsourced und ge-share-economy-ed werden. 

«Dieses Crowd-Zeugs ist doch nur ein Trick zur Verschärfung der Ausbeutung.»

Ihre Firma soll neue Produkte entwickeln? Fragen Sie Ihre Kunden-Crowd und sparen Sie sich mindestens die Hälfte der teuren Entwickler. Sie müssen eine grosse Menge von Kunden mit Support unterstützen? Bilden Sie eine User-Gemeinde, schenken Sie dem User, der die meisten Kundenprobleme gelöst hat, ein T-Shirt, und die Kosten für Support werden sinken. Sie haben eine Mobile-Payment-Lösung entwickelt und müssen sie nun testen? Kein Problem: Geben Sie jedem Test-User 100 Franken und er wird sich während Wochen in seiner Freizeit mit Ihrer App beschäftigen. Sie wollen einen Film produzieren, ein Buch schreiben, der nächste Bill Gates werden, eine hippe Neubausiedlung mit veganem Food per Bike versorgen? Vergessen Sie das monatelange Feilen am Businessplan und die demütigenden Gänge zu den Banken, wo krawattengeschmückte Jünglinge Ihr todsicheres Venture vom Tisch wischen. Schreiben Sie Ihr Projekt auf der Crowd-Funding-Plattform Ihrer Wahl aus und achten Sie darauf, die richtige zu wählen. Das Vegan-Food-Bike eher bei den Hippstern von RonOrp, die App mit Weltmarktpotenzial bei der Crowd-Plattform einer VC-Plattform einer Bankplattform, den Start-up für eine Kleinbrauerei im schönen Passau bei Krautstarter.de und den Film natürlich bei Wemakeit.com. 

 

Der Psychiater beruhigte mich: «Von Karl Marx zu träumen, ist kein Krankheitssymptom. Wenigstens nicht immer.» Erleichtert dachte ich: «Karl, you are a dreamer.»

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Christoph Hugenschmidt

hat vor elf Jahren die Online-Zeitung inside-it.ch gegründet und ist dort Journalist und Verleger. Der 57-Jährige ist halb froh, dass man brauchbaren Journalismus nicht crowdsourcen kann. 

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