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Als Übermenschen schärfer sehen – und weniger hören

Elektronik hebt die menschlichen Fähigkeiten auf eine neue Stufe. Wir werden bald mit Adleraugen und magnetischen Sinnen bestückt. Und der reichere Teil der Menschheit wird ausblenden können, was ihr nicht passt.

Beat Hochuli

Möchten Sie auch manchmal ein Cyborg sein? Sie selbst bleiben zwar, aber einfach besser – viel, viel besser? Schärfer sehen, klarer hören, Magnetfelder spüren wie gewisse Insekten, Vögel und Haie? Seien Sie herzlich willkommen im Reich der Human Enhancement Technologies! Laut Yuval Noah Harari, Geschichtsprofessor an der Jerusalemer Hebrew University, sind wir alle darauf programmiert, unsere Fähigkeiten ständig verbessern zu wollen. Er ist überzeugt davon, dass der Homo sapiens in 200 Jahren in der Tat ein gentechnisch veränderter und elektronisch angereicherter Cyborg sein wird – eine Kombination von Organischem und Anorganischem, die, wenn nicht unsterblich, so doch extrem langlebig sein wird. Allerdings, so der Autor von «Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit», werden nur die Reichen in den Genuss der cyborgschen Verheissungen kommen. Die Armen, verkündet Harari – werden schlicht aussterben.

 

Magnetische Haut, ...

Vielleicht ist dieses Fazit etwas zu simpel. Tatsache ist aber, dass im Bereich des Human Enhancement emsig geforscht wird. So haben beispielsweise deutsche und japanische Wissenschaftler eine «magnetische Haut» entwickelt, die es dem Träger erlaubt, statische und dynamische Magnetfelder wahrzunehmen. Die mit 1,5 Mikrometern extrem dünne und auf einer Polymerschicht basierende Sensorfolie ermöglicht auch die berührungsfreie Steuerung von magnetischen Schaltern etwa per Handbewegung und eröffnet so weitreichende Perspektiven hinsichtlich des Einsatzes von künftigen Wearable-Technology-Lösungen.

«In 200 Jahren wird der Homo Sapiens ein gentechnisch veränderter und elektronisch angereicherter Cyborg sein.»

Yuval Noah Harari, Geschichtsprofessor an der Jerusalemer Hebrew University

... Zoomlinsen ...

Um gesteigerte Sehfähigkeiten geht es den Schweizer Forschern an der ETH Lausanne. Sie haben eine Kontaktlinse mit Zoomfunktion entwickelt, die mittels Zwinkern des rechten Auges eine 2,8-fache Vergrösserung ermöglicht. Die Linse benötigt beim gegenwärtigen Stand der Dinge noch eine zusätzliche Brille, die über einen Lichtsensor das absichtliche Zwinkern vom blossen Blinzeln unterscheiden kann. Das Projekt wurde von der Forschungsabteilung des US-Militärs finanziert und war ursprünglich für Soldaten im Kampfeinsatz gedacht. Die Lausanner sehen aber ein grosses Potenzial im medizinischen Bereich, insbesondere für sehbehinderte Menschen.

 

... und Akustikfilter

Doch Human-Enhancement-Technologien helfen nicht nur dabei, mehr zu spüren und besser zu sehen, sondern auch dabei – weniger zu hören. Ja, Sie haben richtig gelesen, denn das Credo des kalifornischen Unternehmens Doppler Labs lautet: «Die Welt ist viel zu laut!» Abhilfe gegen die allgegenwärtige akustische Umweltverschmutzung soll «Here» schaffen, ein Paar intelligente Ohrenstöpsel, die, gekoppelt mit einem iPhone, Lautstärke, Höhen und Tiefen der akustischen Umgebung reguliert. Zudem – und das ist der eigentliche Trick von Here – lassen sich nervige Geräusche herausfiltern, etwa das Quietschen von U-Bahnzügen oder Trams, aber auch das Kreischen und Brüllen von Kleinkindern.

Es ist also dafür gesorgt, dass das technologische Human Enhancement für die, die es sich leisten können, zügig voranschreitet – auch wenn wir noch nicht so bald den Status vollwertiger, unsterblicher Cyborgs erlangen dürften.

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Beat Hochuli

ist freischaffender ICT-Journalist und lebt in Kota Kinabalu, Sabah, Malaysia.