Interview

«Das hat Swisscom überhaupt noch nie gemacht»

Marco Hochstrasser leitete das 45-köpfige Entwicklerteam der Swisscom Application Cloud. Warum er den Telekom-Riesen als Arbeitgeber jedem Start-up vorzieht, erklärt er im Interview.

Hansjörg Honegger

Die Swisscom Application Cloud wurde kürzlich lanciert. Welches Zielpublikum hat Swisscom mit diesem Angebot im Auge?

Wir sprechen mit der Public Application Cloud ein für uns neues Kundensegment an: die Software-Entwickler. 

 

Ihr habt ehrgeizige Ziele.

Ja, das stimmt. Das im Oktober veröffentlichte Public Offering ist nur der erste Schritt. Wir freuen uns auf das Feedback der Kunden – auch kritisches natürlich. Das hilft uns, die Maturität des Produkts voranzutreiben. Unser nächstes Ziel wird sein, mit der weiterentwickelten Virtual Private Application Cloud an unsere Geschäftskunden heranzutreten. 

 

Die Konkurrenz – speziell auf dem internationalen Markt – ist riesig. Warum sollten Firmen und Entwickler zu Swisscom kommen?

Wir sind ein lokaler Partner mit grosser Nähe zum Kunden und bieten eine gute Developer Experience auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern. Das Wichtigste ist aber, dass unsere Lösung nicht proprietär ist. Wir arbeiten mit Cloud Foundry. Das ist ein offener und mittlerweile in der Industrie stark etablierter Standard. Es spielt also für den Kunden keine Rolle, ob er beispielsweise eine Instanz von uns betreiben lässt und parallel eine selbst betreibt. Er kann jederzeit eine App bei uns entwickeln und dann ins eigene System wechseln oder umgekehrt, um zum Beispiel kostengünstiger oder schneller produzieren zu können.

«Wir beobachten den Markt im Silicon Valley genau und wissen so, was in zwei bis drei Jahren auf uns zukommt»

Standards gibt es viele. Warum soll dieser erfolgreicher sein?

Es gewinnt immer die Technologie mit der grössten Adaption im Markt. Und genau das ist mit Cloud Foundry der Fall. Es spielen die ganz Grossen mit: SAP, IBM, HP, EMC, VMware oder Intel. SAP wird sein ganzes Portfolio auf Cloud Foundry aufbauen, was der Interoperabilität von Applikationen in einer Cloud eine ganz neue Bedeutung gibt. Das ist ein Riesenvorteil für unsere Kunden, den sie beispielsweise bei Microsoft, Amazon oder Google heute nicht haben. 

 

Von welchem Marktanteil reden wir?

Bei Geschäftskunden weltweit liegt heute der Marktanteil von Lösungen, die auf Cloud Foundry aufbauen, bereits bei knapp 40 Prozent. Darum glauben wir auch so fest an den Erfolg dieses Standards. Die kritische Masse ist erreicht.

 

Wo liegen die Schwächen eurer Lösung?

Wir haben nicht die Grösse einer IBM und können darum zum Beispiel nicht dieselbe Breite an Services anbieten. Aber wir sind schnell und agil und spezialisieren uns auf einige – oftmals auch für den Schweizer Markt – wichtige Services und setzen die dann richtig gut um. 

 

Woher wissen Sie, welche Services wichtig sein werden?

Wir sind im Silicon Valley mit einem Team vor Ort und beobachten den Markt genau. Alles, was da heute heiss ist, wird in zwei bis drei Jahren auch in der Schweiz aufschlagen. Ein sehr gutes Beispiel ist Mongo DB (moderne nicht-transaktionale Datenbank). Das war vor drei bis vier Jahren die absolute Hype-Datenbank im Valley. Jetzt schreit hier auch jeder nach Mongo DB. Im Valley ist das allerdings schon wieder out. Zusätzlich spüren wir natürlich auch regelmässig den Puls unserer Kunden – sowohl der Start-ups als auch der Geschäftskunden.

 

1/5 Entspannung bei Sonnenaufgang: Marco Hochstrasser joggt in den Hügeln von Standford Dish im Silicon Valley.

2/5 Im Blue Bottle Coffee in Palo Alto geniesst Marco Hochstrasser den seiner Meinung nach besten Kaffee des Valleys.

3/5 Immer online: Auch im Blue Bottle Coffee ist der Geist des Valleys zu spüren: Pause ohne digitale Helfer macht hier keiner.

4/5 Im Swisscom Outpost im Silicon Valley konnte Marco Hochstrasser das Projekt Application Cloud vorantreiben.

5/5 Launch App Cloud am HackZurich: Seit kurzem ist der 29-Jährige zurück in der Schweiz, um näher bei seinem Team, den Partnern und den Kunden zu sein.

1/5 Entspannung bei Sonnenaufgang: Marco Hochstrasser joggt in den Hügeln von Standford Dish im Silicon Valley.
Swisscom ist Mitglied des Cloud Foundry Foundation Board, gemeinsam mit Fachleuten von ganz grossen Software-Dienstleistern und -Anbietern. Da ist Swisscom vermutlich ein ziemlich kleiner Fisch.

Swisscom hat einen sehr hohen Stellenwert in der Community von Cloud Foundry. Sowohl als Feedback-Geber als auch weil wir sehr nah an unseren Kunden, beispielsweise den Banken, sind und somit sehr klare Anforderungen wiedergeben können. Auch unsere europäischen Wurzeln werden sehr geschätzt. Swisscom wurde von den 18 Gold-Mitgliedern gewählt und ins Board geschickt. Die Community wählte Swisscom, weil wir seit der ersten Minute aktiv sind in der Community und damit mit viel Kompetenz und Vertrauen auftreten. 

 

Sie sind noch recht jung und sitzen im Board ein. Da hat es vermutlich Vertreter, die einiges älter und erfahrener sind. Wie fühlt sich die Rolle des Kükens an?

Es hat schon einige sehr beeindruckende Typen dabei, Gründer von Firmen, die heute Milliarden wert sind. CTOs, Entwicklungsleiter und so weiter. Ich lerne viel, rede aber auf Augenhöhe mit. Denn: Der kulturelle Kontext ist ein anderer. Alter ist unwichtig. Im Silicon Valley begegnet man mir als 30-Jährigem immer mit Respekt. Ich könnte ja derjenige sein, der das nächste grosse Ding ins Rollen bringt. Niemand spricht da von einem Küken. Dafür gibt es zu viele extrem erfolgreiche Gründer unter 30, die aktuell die Welt mit ihren Start-ups erobern. 

 

Das ist in der Schweiz nicht so.

Das ist leider so. In einer Altherrenrunde wird schnell Alter mit Können verwechselt und der eine oder andere ältere Kollege lässt einen das auch spüren. 

 

Sie lebten einige Zeit im Silicon Valley.

Ja, ich lebte die letzten zweieinhalb Jahre in Kalifornien. Jetzt komme ich in die Schweiz zurück, um näher bei unserem Team, unseren Partnern sowie unseren Kunden zu sein. 

 

Ein schwieriger Schritt?

Es ist schon anders und ich muss mich erst wieder daran gewöhnen. Aber die Schweiz ist schön, egal von wo man kommt. 

 

Wo liegt der Hauptunterschied, was ist besser im Valley?

Man ist sehr viel direkter, was ich sehr mag. Man kommt sehr schnell auf den Punkt, wenn etwas nicht viel Sinn ergibt. Schnell steht dann die Frage im Raum: Wollen wir jetzt zusammen erfolgreich sein oder wozu sind wir hier? In der Schweiz eiert man viel stärker um solche Fragen herum. Es geht letztlich doch darum, Erfolg zu haben. 

 

Man schiesst auch schneller mal was ab, das nicht funktioniert?

Absolut, da ist sich niemand zu schade. Es funktioniert nicht? O.K., weg damit, versuchen wir etwas Neues. 

 

Der Umgang mit Scheitern ist bei uns in der Schweiz ein anderer als in den USA.

Scheitern nimmt in den USA kaum jemand persönlich. Wenn ein Projekt scheitert, ist nicht die Person gescheitert. Hier in der Schweiz überlegt man langfristiger und politischer. Man macht sich Gedanken darüber, wie die Lösung auch in 20 Jahren noch funktioniert. Wir arbeiten aber in einem Umfeld, in dem Technologie nach drei bis fünf Jahren überholt ist.

«In den USA will man mit einem Start-up die Welt erobern. Mit bescheideneren Zielen gewinnt man keine Investoren»
Warum gründeten Sie mit Ihren Fähigkeiten nicht selbst ein Start-up? Stattdessen leiten Sie ein Team in einem Grossunternehmen. Das widerspricht doch dem Geist des Silicon Valleys.

Swisscom bietet mir etwas, das viele Grossfirmen nicht bieten: grosse Freiräume. Ich fühlte mich in den letzten Jahren oft wie bei einem Start-up. Wir sind relativ autonom unterwegs, unser Team von mittlerweile 48 Leuten ist sehr jung, international und bunt gemischt. Das Management gibt den innovativen Themen eine Chance. In einem neu gegründeten Start-up hätte ich niemals die Möglichkeiten und Ressourcen, die ich heute bei Swisscom habe. 

 

Waren von Anfang an so viele Leute im Team?

Nein, wir starteten 2013 mit drei Leuten und konnten uns derart entwickeln, weil Swisscom an die Vision einer Cloud für die Schweiz glaubt und daran festhält. Aus meiner Sicht ein essenzieller Schritt für die Digitalisierung der Schweiz. 

 

Bei aller Begeisterung – es gibt doch auch einiges, das nicht so gut läuft im Valley. Absurd hohe Löhne und ebenso absurd hohe Anforderungen an die Angestellten. Kein Problem für Sie?

Doch, ich bin diesen Auswüchsen gegenüber durchaus kritisch eingestellt. Bei Start-ups herrscht ganz selbstverständlich die 6-Tage-Woche, Urlaub gibt’s vielleicht zwei Wochen im Jahr. Ich hatte Bewerber, die fragten, ob sie 100 Stunden in der Woche arbeiten müssten. Sie reagierten ungläubig, als wir sagten, es seien maximal 50 Stunden. Viele Firmen binden ihre Angestellten sehr nah an sich: Das ganze soziale Netz dreht sich nur noch um die Firma. 

 

Mit einer Familie ist das nicht so toll.

Es ist eine Junggesellenwelt. Viele, die im Valley arbeiten, haben ihre Familie gar nicht dabei. Von aussen gesehen ist das vielleicht ungesund. Aber solange alle Beteiligten glücklich sind, ist es doch irgendwie in Ordnung, oder?

 

Was müsste in der Schweiz anders laufen, damit wir konkurrenzfähiger wären? Geld, Wissen und Ausbildung wären ja vorhanden.

Wir sind weniger risikobereit. So arbeiten zum Beispiel viele Start-up-Gründer noch parallel in einer anderen Firma und verdienen da ihr Geld. Das würde kein Investor in den USA akzeptieren. Die soziale Kontrolle ist kleiner im Valley: Viele sind zugezogen, von Deutschland, Indien, Schweden. Da fragt die Mutter am Wochenende nicht, womit du genau dein Geld verdienst. Das erhöht die Risikobereitschaft. Ausserdem sind die Investoren sehr risikofreudig. Die rechnen von Anfang an damit, dass neun von zehn Investments scheitern. 

 

Es wird mit der grossen Kelle angerichtet?

In der Schweiz überlegen Firmengründer, wie sie ein kleines Team führen und schnell rentabel werden, um ihre Kinder zu ernähren. Hier überleben 50 Prozent der Start-ups, eine sehr gute Zahl, um den KMU-Markt zu stärken. In den USA will man aber die Welt erobern. Mit bescheideneren Zielen gewinnt man keine Investoren. Darum scheitern auch 90 Prozent der Start-ups.

 

Vielleicht ist die Schweiz einfach zu klein für solche Vorhaben.

Unser Heimmarkt ist sicherlich ein Nachteil. In den USA gibt es gut 300 Millionen potenzielle Kunden. In der Schweiz sind es vielleicht sieben Millionen. Ein Beispiel: Ein Kollege im Valley hat ein Start-up mit extrem nerdigen Kinder-Gadgets. Seine Rechnung ist einfach: Im Valley gibt’s fünf Millionen Geeks. Wenn ich ein Prozent davon als Kunden gewinne, verdiene ich Geld. In der Schweiz wären das heruntergerechnet vielleicht gerade mal 50 potenzielle Kunden. 

 

Was müsste man tun, um den Start-ups in der Schweiz bessere Chancen zu geben?

Man müsste für Start-ups den europäischen Markt direkt und ohne grosse rechtliche Hürden erschliessbar machen. Im Moment liegt dieser Fokus noch zu stark auf den grossen Firmen. Erschwerend kommen die Sprachbarrieren dazu. 

 

Trotzdem kommt Swisscom jetzt mit einem Produkt, das international grosser Konkurrenz ausgesetzt ist. Keine Angst vor dem zu kleinen Heimmarkt?

Doch, natürlich. Darum lancierten wir die Application Cloud als Service international in 20 Ländern gleichzeitig. Das hat Swisscom noch überhaupt nie gemacht. Als wir uns vor einem Jahr dieses Ziel gesetzt hatten, glaubte niemand, dass wir das schaffen würden. Aber wir haben es geschafft – das Produkt ist seit Oktober am Markt.

 

Agile IT aus der Cloud

Schneller am Markt mit der Swisscom Application Cloud

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Marco Hochstrasser

Der Software-Entwickler ist seit April 2014 Head of Application Cloud bei Swisscom. Der 29-Jährige absolvierte eine Lehre als Informatiker beim Bundesamt für Informatik und schloss ein Bachelorstudium in Informatik an der Berner Fachhochschule ab. Darauf folgten fünf Jahre als SAP-Berater bei Swisscom. Im Rahmen des Young-Talent-Programms der Swisscom konnte er einen sechswöchigen Einsatz im Swisscom Outpost in Palo Alto absolvieren, wo bei ihm das Silicon-Valley-Fieber ausbrach. Der Software-Entwickler stiess 2013 zum Swisscom-Cloud-Team. Seine Hobbys sind Joggen und Skifahren.

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