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Der Zwang, smart zu sein

Singapur ist in Sachen «Smart City» weltweiter Spitzenreiter. Die Löwenstadt am Äquator ruht sich deswegen nicht auf ihren Lorbeeren aus – im Gegenteil: Sie plant bereits die nächsten Schritte.

Beat Hochuli

Fünfzig Jahre nachdem die rohstoffarme kleine Insel am Südzipfel der malaiischen Halbinsel unabhängig wurde, steht Singapur als weltweites Vorbild da, wenn es um das Konzept der «Smart City» geht. Das ist insofern erstaunlich, als die Stadt 1965 arm und rückständig war – und den neuen Staat Malaysia, der 1963 seine Unabhängigkeit von Grossbritannien erlangte, deshalb gar nicht verlassen wollte. Im Gegenteil: Unstimmigkeiten mit der Regierung in Kuala Lumpur führten dazu, dass Singapur gegen seinen Willen 1965 ausgestossen wurde.

 

Internationale Spitze

Dies zur Geschichte. Und jetzt zur Gegenwart und zu den Zukunftsaussichten nicht nur von Singapur, sondern von allen Städten, die sich das Label «smart» auf ihre Fahnen geschrieben haben – und das sind so ziemlich alle, denn schliesslich will doch kein urbanes Zentrum als «nicht smart» bezeichnet werden. Das wäre heutzutage gleichbedeutend mit rückständig. 

«Singapur will den Begriff Smart City ganz klar definieren – auch im eigenen Interesse»

Tatsache ist, dass Singapur es geschafft hat. Die Analysten des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens IDC kommen in ihrer kürzlich veröffentlichten Studie zur Smart-City-Situation im asiatisch-pazifischen Raum zu einem unmissverständlichen Schluss: Singapur belegt klar Platz eins. Danach folgen die chinesischen Festlandstädte Hangzhou, Chengdu und Hongkong. Auf den weiteren Plätzen finden sich Taipeh (Taiwan), Christchurch und Auckland in Neuseeland sowie Gold Coast City in Ostaustralien.

 

Wo liegen die Gründe für das ausnahmemässig gute Abschneiden des Löwen-Stadtstaates? IDC führt auf: die Initiative für intelligente Transportsysteme (Kategorie Verkehr und Transport), smarte Wassersensoren für das Frischwasser- und Abwasser-Management, das Smart Mapping für die Prävention und die Kontrolle der gefährlichen Tropenkrankheit Dengue-Fieber (Landnutzungs- und Umwelt-Management) sowie die Future Schools Initiative (Bildungswesen). 

 
Bildung und Verkehr

Letztere wurde bereits 2006 von der Infocomm Development Authority (IDA), die für die ICT-Entwicklung und -Förderung zuständig ist, ins Leben gerufen. Die Strategie besteht darin, möglichst viele staatliche, halbstaatliche und private Lerninstitute zwecks leistungsorientierter Bildungsziele in das Programm einzubeziehen. Spezieller Nachdruck wird dabei auf ICT-basierte Lernmethoden gelegt – sprich E-Learning inklusive Multimedia-Skills und interaktiver Methoden. 

 

Punkto Verkehr und Transport konnte Singapur bereits 2013 den «C40 & Siemens Climate Leadership Award» aufgrund der Resultate des Intelligent Transport System (ITS) einheimsen. In erster Linie geht es den Verantwortlichen des ITS darum, den Verkehr möglichst flüssig und emissionsarm rollen zu lassen. Das schliesst ein elektronisches Road-Pricing-and-Parking-System, Echtzeit-Verkehrsinformationen und ein hochintegriertes ÖV-Netz ein. Grundlage dafür sind neben minutiöser ÖV-Planung GPS-basierte Ortungssysteme sowie sensorgesteuerte Informationsdienste. 

 

Eine gute Planung, GPS und Sensoren machen den öffentlichen Verkehr in Singapur zu einem der besten der Welt.

 

Last but not least baut die Singapurer Regierung auf E-Government «ohne Grenzen». Selbstverständlich gibt es diesbezüglich immer Grenzen – aber eben: Im Stadtstaat sollen die Leute nur noch dann einen Schalter aufsuchen müssen, wenn es absolut notwendig ist.

 

Kriterien smart herausarbeiten

Dies alles sind sicherlich hilfreiche Kriterien, anhand deren ein urbaner Raum als mehr oder weniger «smart» eingeschätzt werden kann. Wirklich smart mutet aber die Tatsache an, dass es Singapur ernst ist mit der Umsetzung des Labels. Denn noch ist der Ausdruck «Smart City» eher eine schwammige Angelegenheit als ein klar umrissener Begriff. Das weiss auch die oben erwähnte IDA. Die für die Entwicklung der ICT-Infrastruktur vor allem auch im Hinblick auf Business-Interessen zuständige Behörde hat am 13. Oktober dieses Jahres die Teilnahme an einem zweijährigen Pilotprojekt der International Telecommunication Union (ITU) bekannt gegeben. Ziel des internationalen Vorhabens ist es, belastbare Kriterien – sogenannte Key Performance Indicators (KPI) – herauszuarbeiten, mit deren Hilfe definiert werden kann, was eine smarte, nachhaltige Stadt wirklich ist und was diesen Namen nicht verdient.

 

Der Zwang, smart zu sein

Apropos Nachhaltigkeit: Gewiss wird mit diesem Label viel Schindluder getrieben. Singapur nimmt es ernst – auch weil es muss. Ressourcen-verschwendung und Umweltverschmutzung kann sich die kleine Insel mit immerhin gut sieben Millionen Einwohnern schlicht nicht leisten. Energieeffizienz ­– und deren stetige Verbesserung – ist deshalb in Singapur nicht bloss Schlagwort, sondern pure Notwendigkeit. Die Singapurer wissen: Smart zu sein ist – wie auch bei Einzelpersonen – keine Eigenschaft, sondern ein nie abgeschlossener Prozess.

 

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Beat Hochuli

ist freischaffender ICT-Journalist und lebt in Kota Kinabalu, Sabah, Malaysia.