ETH-Verkehrsexperte: «Der Stau sind wir»
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ETH-Verkehrsexperte: «Der Stau sind wir»

Zürich ist die staugeplagteste Stadt der Schweiz. Wie können wir dem Problem begegnen? Professor Kay Axhausen, Leiter des ETH-Instituts für Verkehrsplanung und Transportsysteme, gibt Auskunft.

Jährlich belegt Zürich einen Spitzenplatz in den Ranglisten zur Lebensqualität. Ein Problem hat die Stadt jedoch: Zürich hat mehr Stau als Barcelona, Berlin oder Washington DC. Autofahrer verlieren deshalb pro Jahr 156 Stunden, also sechseinhalb Tage im Verkehr. Rund sieben Minuten braucht man im Schnitt, um zur Hauptverkehrszeit einen Kilometer zurückzulegen – gleich lang wie in Paris. Damit lag die Limmatstadt 2018 weltweit auf dem 38. Rang. Das Problem hat sich verschärft: Seit 2009 haben sich die Staustunden verdoppelt.

Quelle: Inrix, 2018

Kay Axhausen, 61-jährig, Professor für Verkehrsplanung an der ETH, kennt die Gründe dafür – und mögliche Lösungen. Im Rahmen der Swisscom-Serie Shift haben wir ihn in seinem Büro am Campus Hönggerberg getroffen und mit ihm die staugeplagteste Strasse in der staugeplagtesten Stadt der Schweiz besucht: die Rosengartenstrasse in Zürich.

Herr Axhausen, was hat sich in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Fortbewegung verändert?

Die Belastung ist höher geworden. Dazu beigetragen haben die Vollmotorisierung in den 80er-Jahren, das Wachstum bei Bevölkerung und Wohlstand und das vergleichsweise geringe Wachstum des Strassen- und Schienensystems. Grundsätzlich sind diese Veränderungen aber überschaubar.

Wie begegnen wir dem Problem der hohen Belastung?

Gar nicht. Wir müssten entweder im grossen Stil Strassen oder Schienen bauen oder den Verkehr rationieren. Zürich könnte etwa über Strassengebühren nachdenken. Doch die Stadt reguliert den Verkehr bereits, damit dieser nicht auf Jakarta-Niveau absinkt. Eine zusätzliche Rationierung lässt sich politisch nicht umsetzen. Dazu sind die Gesellschaften zurzeit nicht bereit. Das grundsätzliche Problem bleibt dabei, dass zu viele Autos auf den Strassen Zürichs und der Schweiz herumfahren. Dieses Problem bleibt ungelöst.

«Das Verkehrssystem von Zürich holt das Beste aus dem vorhandenen Strassennetz heraus.»

Zürich hat schweizweit am meisten Stau. Welche Möglichkeiten haben wir, das zu verhindern?

Grundsätzlich müssen Sie sich bewusst sein: Der Stau sind wir. Grössere Fahrzeuge könnten eine Lösung sein. Doch die gibt es bereits: die S-Bahnen und Züge. Das Strassennetz liesse sich ausbauen. Zu diesem Ausbau waren wir in den letzten Jahren nicht mehr bereit. Der Stau wird also bleiben – ausser wir rationieren den Verkehr, bepreisen also die Fahrten.

Trotz diesem Stillstand: Welche Veränderungen werden uns erwarten?

Automatische Fahrzeuge wären eine massive Veränderung. Die besseren Informationssysteme sind im Verhältnis dazu Krimskrams. Uber stellt Ihnen zum Beispiel ein billigeres Taxi zur Verfügung, weil es Arbeitskräfte nutzt, die vorher nicht Taxi fahren durften. Das ist eine Veränderung. Aber ist diese dramatisch? Nicht wirklich.

Denken wir an die technologischen Möglichkeiten von Big Data, also etwa Wetterdaten oder Daten zum Verkehrsfluss – eine Chance für die Verkehrsplanung?

Mit Big Data lässt sich der Verkehr natürlich noch stärker optimieren. Dazu muss aber auch gesagt werden: Zürich holt bereits heute das Beste aus dem vorhandenen Strassensystem heraus. In einer globalen Studie haben wir die Verkehrsbelastung und die Leistungsfähigkeit von Strassennetzen untersucht. Zürich schnitt extrem gut ab. Die Priorisierung der Busse und Trams verbessert deren Verlässlichkeit und Geschwindigkeit; deren Marktposition. An den Rändern der Stadt wird per Lichtsignalen die Verkehrsmenge in die Stadt so gesteuertdass der Verkehr in der Stadt angemessen schnell bleibt.

Stichwort Effizienzsteigerung: Welche Rolle könnten automatischen Fahrzeuge spielen?

Automatischen Fahrzeuge ermöglichen höhere Kapazitäten und höhere Geschwindigkeiten. Die Autos, die ja eigentlich Roboter sind, fahren verlässlicher, genauer und präziser.

Was heisst das genau?

Heute führen viele kleine Fahrfehler und Verzögerungen dazu, dass abgebremst wird und sich dann ein Stau aufbaut. Diese fallen mit den automatischen Fahrzeugen weg. Die Kapazität, die verloren geht, bis die Fahrer sich wieder organisiert haben, wird dann zur Verfügung stehen. Die Frage ist jedoch: Wollen wir, dass die Autos mit 50 km/h an uns vorbeischiessen? Das wird sich alles zeigen müssen.

Sie sprechen es bereits an: Manche Menschen machen sich hinsichtlich dieser Entwicklungen Sorgen. Geben die Fakten diesen Menschen recht?

Die Sorgen basieren natürlich auf persönlichem Unbehagen. Etwa dem Gedanken daran, so nah an den Vordermann aufzufahren oder den Spass am Fahren zu verlieren, wenn sie in einer Roboterkiste sitzen. Trotzdem werden viele Menschen dazu bereit sein, sich auf diese Entwicklung einzulassen. Noch mehr werden es sein, wenn die automatischen Fahrzeuge ihre Möglichkeiten nicht komplett ausreizen.

«Roboter machen die Strassen sicherer, liefern aber nicht die Utopie des absolut sicheren Verkehrs.»

Es gibt bereits Fälle, bei denen automatische Fahrzeuge in Unfälle verwickelt waren. Teilweise sogar tödliche. Lässt sich sowas vermeiden?

Nein. Die Fahrzeuge fahren mit Software. Diese ist menschengemacht und somit potentiell fehlerbehaftet. Bis wann wir das erste System haben, das in 99.9999 Prozent der Fälle funktioniert, ist unklar. Manche sagen, das dauert fünf Jahre. Andere reden von 20. Noch länger wird es dauern, bis die Fahrzeugflotte erneuert ist. Ein Auto hat schliesslich eine durchschnittliche Lebenszeit von 15 Jahren, ein LKW etwas mehr.

Sie sagen, automatische Fahrzeuge seien verlässlicher und präziser. Inwiefern macht das die Strassen sicherer?

Roboter können nicht abgelenkt werden, sind immer konzentriert und machen, was sie machen sollen. Sie werden aber nicht die Utopie des 100-prozentig sicheren Verkehrs liefern. Dafür wird es zu viele Interaktionen zwischen Menschen und Tieren geben. Was macht man etwa in Indien, wenn die heilige Kuh auf der Strasse erscheint? Solche Fragen werden uns immer beschäftigen. Doch die Erwartung ist, dass die Verkehrssysteme sicherer sein werden. 

«Wie oft denken Sie im Zug daran, ob vorne ein Lokomotivführer sitzt?»

Wie sieht der öffentliche Verkehr der Zukunft aus?

Der öffentliche Verkehr wird weiterhin gebraucht. Wollen wir grosse Menschenmengen transportieren, müssen wir Menschen in grosse Fahrzeuge setzen. Automatisches Fahren wird auch hier gewisse Verbesserungen bringen. Übrigens: Bereits heute haben wir automatische Systeme im öffentlichen Verkehr. In vielen U-Bahnen sitzt kein Fahrer mehr. Und wie oft denken Sie im Zug daran, ob vorne ein Lokomotivführer sitzt? Dort haben wir uns bereits an die Automatisierung gewöhnt.

Bereit für die Chancen der vernetzten Welt.

Der digitale Wandel verändert unsere Welt, macht vieles möglich und fordert uns alle auf eine andere Art und Weise. Mit der neuen Webserie «Shift» schauen wir genau hin, um herauszufinden, welchen Einfluss Technologie und Digitalisierung auf unseren Alltag und unsere Gesellschaft haben.

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