Blay beim Videodreh
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«Im besten Fall merkt man von unserer Arbeit nichts»

Am 13. Januar 2021 bringt Swisscom im ganzen Land verteilte Musiker und Musikerinnen digital an einem Event zusammen. Klingt einfach, wurde jedoch in der Form noch nie gemacht und fordert alle Beteiligten bis zum Äussersten. Das Projekt bringt Menschen zusammen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben – sich aber voller Begeisterung für das Unmögliche einsetzen.  Ein Einblick. 

Technik-Call bei Swisscom an einem regnerischen Dienstagvormittag im Dezember. Dabei sind Klaus Liechti, Experte für Netzfragen bei Swisscom, Jürgen Lochbrunner, Meister für Bühnen und Studios bei Swisscom Event und Media Solutions, Jacques Bähler, Telekommunikations-Profi und Tania Blass, vom Event- und Sponsoring-Team. «Wer macht in Bellinzona die Intercom? Gibt’s im Innern des Theaters mobile Abdeckung? Nein, alles drahtgebunden. Eine 4G SIM wird als Backup dienen. Die Techniker sollen beim nächsten Besuch einen 4G-Speedtest machen.  Ein Laptop hat die Sonobus-Software drauf.» Ich verstehe nur Bahnhof.  

Zusammen mit Blay (Bligg und Marc Sway), Flavie Léa und weiteren Schweizer Nachwuchskünstler und Nachwuchskünstlerinnen veranstaltet Swisscom am 13. Januar 2021 ein dezentrales Live-Konzert. Das Experiment wird von verschiedensten Standorten aus der ganzen Schweiz zeitgleich live zu einem Konzert gestreamt.  

In einer halben Stunde ackert das interdisziplinäre Team jeden der fünf Aussenstandorte – Teatro Sociale Bellinzona, Schloss Chillon in Montreux, die Dachterrasse eines Hotels in Bern, den Madrisahof in Klosters und das Volkshaus in Zürich – in ähnlicher Manier durch. Hauptstandort ist das blue-Studio in Volketswil, dort laufen am Schluss alle Fäden zusammen. 

Die schwierige Suche nach Standorten 

Klaus Liechti, Job-Bezeichnung: 5G Release Train Engineer (RTE) hat über 30 Jahre Telekommunikations-Erfahrung.

Klaus Liechti, Experte für Netzfragen bei Swisscom sucht seit Oktober geeignete Standorte für den Musikevent. «Am Anfang musste ich verstehen, was überhaupt die technischen Anforderungen an die Standorte sind und was das fürs Netz heisst. Wie viel Bandbreite braucht es, um das Ton- und Videosignal synchron zu übertragen? Und wir mussten klären, was überhaupt live heisst.» 

Fünfmal mehr Material als bei normalem Event 

Nach den Abklärungen von Klaus Liechti übernehmen Swisscom Media Solutions, die Spezialisten für Events, die Arbeiten. Und damit Jürgen Lochbrunner, und sein Team. «Dieses Projekt ist verrückt, herausfordernd aber inspirierend», führt er aus.  Seine Techniker zeichneten akribisch auf, wo die Bühne stehen wird, wo Leitungen durchgehen und Steckdosen vorhanden sind, wo es wie viel Abdeckung gibt. 

Jürgen Lochbrunner ist seit über 30 Jahren in der internationalen Eventindustrie tätig.

Danach bestellten und mieteten sie Material, von Kabeln bis Kameramänner. Über den Daumen gerechnet 1,2 Tonnen Material pro Standort wird benötigt. «Für einen normalen Event brauchen wir alles einmal, hier wird fünfmal Material, Logistik und Planung benötigt. Insgesamt müssen wir etwa 80 Techniker koordinieren, Videotechniker, Kamera Operator, Bildtechniker, Lichttechniker, Netzwerk-Techniker, Streaming-Spezialisten, Logistiker und Projektmanager. Da ist eine gute Kommunikationsstruktur das A und O.»  

«Latenzfrei Musik machen funktioniert (noch) nicht» 

Neben der ganzen Infrastruktur geht es hier um Kunst. In der Musik ist Latenz, also Verzögerung, eine ganz natürliche Sache. Bereits wenn Musiker auf einer Bühne weit auseinanderstehen, entsteht eine natürliche Latenz, bedingt durch die Schallgeschwindigkeit. Dafür sind die Lautsprecher auf der Bühne oder das In-Ear-Monitoring da, damit sie gut miteinander spielen können.  

David Sievers ist freischaffender Tontechniker und Tourleiter für viele nationale und internationale Bands wie Fates Warning, DJ Bobo, Threshold oder Doro Pesch.

Wissenschaftlich gemessen merken Musiker die Latenz ab ca. 3-10 Millisekunden, je nach Reifegrad. «Ab 20 Millisekunden ist für Musiker ein Spielen nicht mehr möglich. Im aktuellen Projekt mit Blay sprechen wir von einer Latenz von 2 bis 3 Sekunden. Das war meine Ausgangslage», sagt David Sievers, der leitende Tontechniker im Projekt. 

«Mit dem Musiker und Professoren Matthias Ziegler von der Hochschule der Künste haben wir jemanden gefunden, der viel Erfahrung hat mit dem Musik machen über das Internet. Und ich lernte die Software Sonobus kennen. Das scheint eine sehr gute, intuitive, schnelle Software zu sein.»  

«SonoBus ist eine einfach zu bedienende Anwendung zum Streamen von hochwertigem Peer-to-Peer-Audio mit niedriger Latenz zwischen Geräten über das Internet oder ein lokales Netzwerk», steht auf der Webseite von Sonobus.

 «Ein wichtiger Unterschied: Matthias Ziegler macht Freejazz über das Netz. Da sind, wie der Name schon sagt, Verzögerung nicht so schlimm. Wir jedoch machen Popmusik!», sagt Sievers. 

«Es liegt nicht am Internet»

Darum wird die Band von Blay im Studio in Volketswil zusammengebracht. «Von dort schicken wir das Signal raus an die Aussenstandorte in der ganzen Schweiz. Das dauert eine Weile, dort hört der Musiker die Musik und kann darauf reagieren, das schicken wir wieder zurück nach Volketswil.» Technisch geht das Signal via die Software Sonobus raus und kommt über Sonobus rein und wird dann via mobile Videoübertragung zurück nach Volketswil gespielt. «Die Computertechnik ist einfach noch nicht so weit, Musik latenzfrei zu übertragen. Das liegt nicht am Internet.» 

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An jedem Aussenstandort braucht es ein Mischpult mit Audiotechniker, damit die Musiker und Musikerinnen den Sound vernünftig hören. Ich frage David Sievers, warum er diesen Job angenommen hat: «Das hat noch nie jemand so gemacht. Ich fand das Thema extrem spannend. Viele Musiker wünschen sich eine solche Möglichkeit. Gerade in der jetzigen Zeit. Inzwischen habe ich bereits einige Kollegen in der Musikbranche mit dem System angefixt.» 

Die heissen Stunden sind am Event selber 

Samuel Spycher hat schon mehr Live-Regie für Swisscom-Grossevents gemacht.

Ganz in der Nähe von David Sievers wird am 13.1 der Live-Regisseur Samuel Spycher in Volketswil sitzen. Er orchestriert das ganze Spektakel. «Ich sorge dafür, dass die Show so abläuft, wies geplant ist und möglichst zum perfekten Erlebnis wird. Ich koordiniere die Kameraleute, den Schnitt, die Bildregisseure und bin verantwortlich für das Timing.» Das Ganze hat für den erfahrenen Regisseur einen Experiment-Charakter, denn er hat keine Erfahrungswerte. «Am Schluss muss ich allen Ansprüchen gerecht werden, dass die Künstler gut rüberkommen und alles technisch einwandfrei funktioniert. Ich bin immer etwas angespannt vor Live-Veranstaltungen, aber es macht Spass.» 

«Durch dieses Projekt haben bei Swisscom Menschen miteinander zu tun, die sonst nicht miteinander reden. Also der Festnetzler mit dem Mobiler und dem IT-ler. Am Schluss möchten wir sagen können: Das ist eine geile Truppe. Und zwar vom Bauarbeiter bis zum Künstler», sagt Klaus Liechti. 

Sein best case: «Ein toller Musikanlass und Niemand merkt, wie viel Arbeit und Technik dahintersteckt.» Vom worst case will er nicht sprechen. Ich kann ihm trotzdem eine Antwort abringen: «Wir schalten live zu den Standorten und Blay frieren ein», sagt Liechti und sieht mich lange an. 

Letztes Technikmeeting im alten Jahr.  «Wir haben inzwischen auch die Daten aus dem Graubünden. Wir bringen mit zwei Routern genug Geschwindigkeit zustande und haben eine Fall-back Möglichkeit. Inzwischen sind alle Standorte auf grün, ausser Volketswil», rapportiert Jacques Bähler. «Brauchen wir noch einen finalen Technikcheck der Aussenstandorte am 11.1 mit Volketswil? Also: Leitung steht, Video und Audio geht?» fragt Klaus Liechti in die Runde. «Die Antwort war bisher immer nein», meint der Telekommunikations-Experte Jacques Bähler. «Das sollten wir überdenken», meint Liechti.  

Bereit für den gemeinsamen Moment

In Zeiten, in denen gemeinschaftliche Erlebnisse und Momente eine Rarität geworden sind, wagen wir den Versuch, einen grossen, gemeinsamen Moment zu kreieren und veranstalten mit «Switzerland Connected» das erste digitale Livemusik-Experiment der Schweiz.

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