Mann arbeitet zuhause am Laptop und hat eine Kaffeetasse in der Hand.
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Arbeitspsychologin: «Wir müssen unsere Verantwortung im Homeoffice wahrnehmen»

Laut der aktuellen Flex-Work-Studie haben viele Menschen Mühe, sich im Homeoffice zu strukturieren. Wie lernen wir, mit der neuen Selbstverantwortung umzugehen und welche Rolle hat die Führungskraft? Darüber haben wir mit der Arbeitspsychologin Leila Gisin der Hochschule Luzern gesprochen.

Isolation, fehlender sozialer Austausch und weniger Kreativität: Das sind Gründe, die Arbeitnehmende daran hindern, zufrieden im Homeoffice zu arbeiten. Doch vor allem die steigenden Anforderungen an Disziplin und Selbstmanagement sind Zufriedenheitskiller beim Arbeiten zuhause. So die Ergebnisse der aktuellen Flexwork-Studie. Befragt wurden 439 Schweizer Unternehmen und 2000 erwerbstätige Personen zwischen März und August 2020.  

So werden Sie glücklich(er) im Homeoffice

✓ Arbeiten Sie nach Ihrem persönlichen Rhythmus, imitieren Sie zuhause nicht den 8 bis 17 Uhr Büroalltag.

✓ Planen Sie unliebsame Tätigkeiten fest ein und gönnen Sie sich danach etwas.

✓ Vereinbaren Sie feste Regeln im Team und treffen Sie sich regelmässig im Büro.

Leila Gisin ist Arbeitspsychologin und arbeitet selber seit über 10 Jahren mobil-flexibel.

Die Arbeitspsychologin Leila Gisin der Hochschule Luzern vergleicht das mobil-flexible Arbeiten gerne mit der Einführung des Kreisverkehrs: «Damals wurde der Rechtsverkehr aufgehoben und nicht alle haben das Konzept von Anfang an verstanden. Es kam zu Blechschäden und Stimmen wurden laut, den Kreisverkehr wieder abzuschaffen. Doch schauen sie heute, wo wären wir ohne Kreisverkehr?»

Durch das örtlich unabhängige Arbeiten ändern sich die Regeln der Arbeit, die Jahrzehnte gültig waren. Wie beim Kreisverkehr braucht es Zeit, bis wir die neue Arbeitskultur verinnerlicht haben. Für Leila Gisin ist klar: «Wir müssen uns neue Kompetenzen aneignen.»

Frau Gisin, warum fällt es einigen Menschen einfach, im Homeoffice zu arbeiten? Und andere tun sich schwer damit?

Wir Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse an die Arbeit. Manche trennen Arbeits- und Privatleben gerne möglichst klar, andere vermischen die beiden Lebensdomänen nach Bedarf. Probleme im Homeoffice haben vor allem die Mischtypen, der Kategorie welcher die meisten Menschen angehören. Dabei gilt: Dinge, die wir selber als wichtig erachten, erledigen wir rasch und mühelos. Unliebsame Tätigkeiten schieben wir vor uns her. Für diese Arbeiten würden wir vor Ort ins Büro gehen und sie dort erledigen. Das geht im Moment nicht. Da ist es einfacher, noch eine Wäsche zu machen oder einen Schrank aufzuräumen.

Ertappt. Wie entkommen wir der Aufschiebe-Falle im Homeoffice?

Es liegt nicht in der Natur des Menschen, Arbeit und Privates völlig voneinander zu trennen. Wir alle haben Tätigkeiten, sowohl im Privaten wie im Beruflichen, die uns mühelos von der Hand gehen und uns Energie geben und Dinge, die mühsam sind und Energie kosten. Hier müssen wir eine Balance finden, jetzt wo sich alles wieder zu vermischen beginnt. 

Mobil-flexibel zu arbeiten bedeutet mehr Selbstverantwortung für Jede und Jeden, dafür aber auch mehr Selbstbestimmung. Aber diese müssen wir auch wahrnehmen. 

Wie strukturiere ich meinen Tag im Homeoffice?

Wer versucht, zuhause den Büroalltag zu reproduzieren, also die üblichen acht Stunden vor dem Computer sitzt und seine Arbeiten erledigt, ist zum Scheitern verurteilt. Ich plane mir unliebsame Tätigkeiten fest im Kalender ein, am besten am Vormittag. Und gönne mir danach bewusst etwas. Ich reserviere mir im Kalender eine halbe Stunde oder eine Stunde für mich, um mich zu erholen und gehe zum Beispiel spazieren oder treibe Sport.

Wie gehe ich mit meinem schlechten Gewissen um, wenn ich an einem Tag nicht im (herkömmlichen) Sinne produktiv war?

Wichtig ist zu wissen, was meine Pflichten und die Deadlines sind, wie und wann ich diese erledige, soll den Mitarbeitenden überlassen werden. Und da ist es auch möglich, dass man sich zwischendurch Auszeiten nimmt. Aber unter dem Strich bekomme ich beim mobil-flexiblen Arbeiten viel mehr geregelt. Es ist nicht mehr dieses künstliche Arbeiten von Montag bis Freitag, 8 Uhr bis 17 Uhr. Ich fühle mich erholter, wenn ich dann Sport machen kann, wenn ich durch den Tag einen Hänger habe, statt am Abend, wenn ich danach lange nicht einschlafen kann, weil ich so aufgekratzt bin. Wenn wir das mobil-flexible Arbeiten richtig umsetzen, sind wir freier und autonomer. Und das nützt auch der Unternehmung.

Und was bedeutet Homeoffice für die Führung

Wir gehen mit der Führungskraft auf Augenhöhe. Für sie bedeutet der neue Alltag einen Verlust von Macht und Einfluss. In der Fabrik machte getaktetes Arbeiten und Führen auf Sicht Sinn. Doch davon müssen wir wegkommen und zu einem neuen Vertrauensverhältnis finden. Hier kann die Unternehmung helfen, indem sie die Menschen begleitet und ihnen aufzeigt, was die neuen Kompetenzen sind – für Führungskräfte und Arbeitnehmende. Das ist eine grosse Herausforderung – und für viele auch eine Überforderung. 

Wie halten wir die Nähe und den Austausch zum Team aufrecht?

Der Austausch ist sehr wichtig, es braucht geplante Teamtage, damit die Zusammenarbeit funktioniert. Es ist nicht der Wilde Westen und jeder kann machen, was er will. Es braucht Regeln und Leitplanken und man muss sich regelmässig treffen, um zu kooperieren. Und man muss gemeinsam gültige Kommunikationsregeln abmachen. Wenn man zuhause das Gefühl hat, dauernd erreichbar sein zu müssen, mindert das die Erholung. 

Leila J. Gisin ist ausgebildete Arbeits- und Organisationspsychologin und arbeitet als Senior wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Leila Gisin hatte nach einer Kurzkarriere in der Wirtschaft eine Sinnkrise, erinnerte sich an ihren Jugendtraum und studierte Psychologie. Sie blieb in der Wissenschaft hängen und forscht heute auf dem Gebiet der Arbeits- und Organisations-Psychologie. Die 42-Jährige wohnt mit zwei Katzen in Lyss und arbeitet seit rund 10 Jahren mobil-flexibel.

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