Deepfakes: Wenn Videos täuschend echt gefälscht werden
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Deepfakes: Wenn Videos täuschend echt gefälscht werden

Spätestens seit man Selfies auf dem Smartphone singen lassen kann, sind Deepfakes in der Masse angekommen. Jedoch lassen sich mit der richtigen Software auch politische Statements, pornografische Inhalte oder Satellitenbilder erzeugen – wir zeigen, welche ungeahnten Formen Deepfakes annehmen können. Zudem hat Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter von Swisscom, mit uns über die Ausmasse der Technologie gesprochen.

Von KI zu Deepfakes

Die auf künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Deep-Learning-Algorithmen bringen sich selbst bei, ein Problem anhand von grossen Datensätzen zu lösen. Dafür werden Gesichter in Videos analysiert und danach mit einem anderen Video ausgetauscht. Nachdem die Algorithmen diesen Vorgang unzählige Male wiederholt haben, entstehen realistisch aussehende Kopien.

In Apps wie Snapchat waren Deepfake-Filter noch ein amüsantes Feature, jedoch kann sich die Technologie kurzerhand zu einer Gefahr für die wahrheitsgetreue Berichterstattung entwickeln. Als Barack Obama in einem Video über Donald Trump lästerte, war der Betrug nicht auf den ersten Blick erkennbar. Täuschend echt war auch die angebliche Pressekonferenz von US-Politikerin Nancy Pelosi unter Alkoholeinfluss – auch diese wurde kurzerhand als Deepfake entlarvt. Aber es gibt auch einige positive Anwendungszwecke: Verstorbene Stars zum Leben erwecken oder Schauspieler jünger aussehen lassen – in der Entertainmentbranche wird die Deepfake-Technologie vielseitig eingesetzt. UNICEF nutzt die Technologie in ihrem Deep-Empathy-Projekt, um die aus dem Syrien-Konflikt entstehende Zerstörung in westlichen Grossstädten aufzuzeigen. Somit können Sprachumwandlungs-Technologien und Video-Deepfakes in vielen Bereichen eine Bereicherung sein, aber nur, wenn unsere Gesellschaft gründlich aufgeklärt wird.

So vielfältig werden Deepfakes heutzutage schon eingesetzt.

Um Werbung in diverse Sprachen zu übersetzen: Dank der Technologie konnte David Beckham seine Malaria-Kampagne in etlichen Sprachgebieten lancieren.

Foto: https://mixed.de/deepfakes-david-beckham-spricht-mit-neun-stimmen/
Hollywood-Fans rund um die Uhr unterhalten: Es ist zwar nicht Schauspieler Tom Cruise selbst, jedoch sieht sein Deepfake auf diesem Tiktok-Account täuschend echt aus.

Foto: https://edition.cnn.com/videos/business/2021/03/02/tom-cruise-tiktok-deepfake-orig.cnn-business
Um Celebrities mit Revenge-Pornografie blosszustellen: Das Internet wird mit Deepfake-Pornografie von berühmten Persönlichkeiten überhäuft und stellt das Datenschutzgesetz vor eine Herausforderung.

Foto: https://www.bbc.com/news/uk-scotland-57254636
Die Politik manipulieren: Gefälschte Reden brachten schon einige Politiker*innen in Erklärungsnot.

Foto: https://mligrp.com/2021/03/16/barack-obama-real-or-deep-fake
Um Satellitenaufnahmen zu fälschen: Deepfake-Satellitenbilder können eine mächtige Verwirrungstaktik im Militär sein.

Foto: https://akalazia.com/deepfake-erstellt-jetzt-satellitenbilder-von-stadten-die-es-nicht-gibt-neews/

«Ein Deepfake zu erstellen, ist einfacher, als man denkt.»

Wir haben mit Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter von Swisscom, über Deepfakes gesprochen und nachgehakt, wie man auf manipulierten Content reagieren sollte.

Michael, sind Deepfakes jetzt Fluch oder Segen?
Fluch und Segen – die Technik hinter Deepfakes ist weder gut noch böse. In der Forschung, Werbung oder Unterhaltungsindustrie haben sie ein enormes Potenzial. Wenn damit aber gelogen wird und Menschen geschädigt werden, stellen Deepfakes ein grosses Risiko dar.

Aber die Gefahren überwiegen eindeutig?
Ja. Einerseits die Gefahr des Identitätsbetrugs. Andererseits können Deepfakes auch verunsichern und in politischen Angelegenheiten für viel Unruhe sorgen.

Wie kann ein Deepfake von mir entstehen?
Mit nur ganz wenigen Zutaten: Der Ersteller benötigt eine Software, die man meist kostenlos aus dem Internet herunterladen kann. Dann kann man schon beginnen und mit dem vorhandenen Bildmaterial ein Deepfake erstellen.

Somit braucht es nur ein einfaches Video als Grundlage?
Im Prinzip schon. Jedoch brauchen die Applikationen für ein gutes Deepfake diverse Videos mit möglichst vielen Gesichtsausdrücken und Blickwinkeln.

Nehmen wir an, es besteht ein Deepfake von mir, was kann ich dagegen tun?
Das ist eine sehr schwierige Situation. Sicherlich direkt alle Beweise sichern und – wenn möglich – mit dem Urheber das Gespräch suchen. Wichtig ist auch, dass sich Kinder und Jugendliche umgehend einer erwachsenen Vertrauensperson anvertrauen.

Kann man wirklich auch rechtlich dagegen vorgehen?
Ja. In der Schweiz haben wir das Privileg, mittels des Persönlichkeitsrechts gegen Deepfakes vorgehen zu können.

Bereit für die Chancen der vernetzten Welt

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